https://www.faz.net/-gr3-15bry

: Wohin mit unserer ausgerenkten Vernunft?

  • Aktualisiert am

Wann hat es das zuletzt gegeben, dass eine literarische Figur derart ins nichtliterarische Leben ausgreift wie J. M. Coetzees fiktive Gestalt der Elizabeth Costello? Der in den Vereinigten Staaten erschienene Sammelband "Philosophy and Animal Life" ist nicht das erste Buch, das sich an den durch ...

          Wann hat es das zuletzt gegeben, dass eine literarische Figur derart ins nichtliterarische Leben ausgreift wie J. M. Coetzees fiktive Gestalt der Elizabeth Costello? Der in den Vereinigten Staaten erschienene Sammelband "Philosophy and Animal Life" ist nicht das erste Buch, das sich an den durch die erfundene Romanautorin Costello aufgeworfenen Fragen abarbeitet - aber das erste, das sich durch sie beunruhigen, aufwühlen, zum neuerlichen Durchdenken von Grundsätzlichem zwingen lässt: nämlich zu unserem Verhältnis zu Tieren und zur philosophischen Dimension dieses Verhältnisses.

          Eine Rückblende ist nötig, um den Publikationszusammenhang einer Konstellation zu umreißen, die sich zu einem ungewöhnlichen Dialog mit realen und fiktiven Teilnehmern ausweitet. 1997 hielt J. M. Coetzee die renommierten "Tanner Lectures on Human Values" an der Universität Princeton. Statt gelehrter Vorträge trug der südafrikanische Autor zwei zusammenhängende Erzählungen vor, in denen besagte Elizabeth Costello ihrerseits zwei akademische Vorlesungen hielt. Coetzees Protagonistin formulierte darin einen polemischen Angriff auf unser vernutzendes Verhältnis zu Tieren - und speziell auf die philosophischen Versuche, das Tier zu denken.

          Vor der Tierrechtsbewegung machte ihre bittere Kritik keinen Halt. Allen Versuchen, Tieren bestimmte Eigenschaften zuzuweisen - Leidensfähigkeit zum Beispiel oder Formen von Bewusstsein - und daraus Folgerungen für das abzuleiten, was wir mit ihnen machen oder eben nicht machen "dürfen", erteilte Costello eine schroffe Absage. Deren skandalöser Höhepunkt war das Bild eines endlosen Holocausts an den Tieren, den wir vor allem mit der Nahrungsmittelindustrie betrieben. Einzig in manchen literarischen Darstellungen vermochte Costello jenen Sinn für die bedingungslose Vorstellung vom Tier als Mitgeschöpf zu erkennen, die sie selbst zutiefst prägt.

          Bevor Coetzee die beiden Vortragstexte in seinen grandiosen Roman "Elizabeth Costello" integrierte, wurden sie separat veröffentlicht, zusammen mit kritischen Kommentaren aus benachbarten geisteswissenschaftlichen Disziplinen. Der führende Tierethiker Peter Singer, die Primatologin Barbara Smuts, die Religionswissenschaftlerin Wendy Doniger und die Literaturwissenschaftlerin Marjorie Garber versuchten, aus Elizabeth Costellos Auftritt Argumente für die Debatte um Tierrechte herauszupräparieren und auf ihre Haltbarkeit zu prüfen.

          Darin aber, meint die amerikanische Philosophin und bekennende Vegetarierin Cora Diamond, verfehlten sie Elizabeth Costellos Auftritt und Coetzees literarisches Vorhaben ums Ganze. Als Reaktion auf die Reaktionen verfasste sie einen wahrhaft aufwühlenden Text, der die Frage stellt: Gibt es Dimensionen der Existenz, die philosophisch nicht zu begreifen sind - und das hieße ja, die die menschliche Fähigkeit, sich die Realität sprachlich-begrifflich zurechtzulegen, überfordern?

          "The Difficulty of Reality and the Difficulty of Philosophy" heißt ihr Text, der sich in äußerster sprachlicher Anspannung bemüht, der Philosophie das Staunen - und die Furcht, ja vielleicht Ehrfurcht - zurückzugeben. Sichtlich berührt, wenngleich vorsichtig distanziert, haben mit Stanley Cavell und John McDowell zwei herausragende Kollegen auf Diamonds Ausführungen geantwortet. Zusammen mit einem in den Costello-Komplex einführenden Vorwort von Cary Wolfe und einem instruktiven Kommentar des kanadischen Wissenschaftsphilosophen Ian Hacking sind diese Texte zu dem vorliegenden Buch gebündelt worden, das die Philosophie in Unruhe und Bewegung zeigt wie selten eines.

          Weitere Themen

          Eine Familie unter Destruktionsgebot

          Andreas Maiers „Die Familie“ : Eine Familie unter Destruktionsgebot

          „Die Familie“ ist einer von elf Teilen, die der autobiographische Romanzyklus von Andreas Maier umfassen soll. Darin kommt er noch einmal zum Ursprung zurück, puzzelt sich seine Herkunft zusammen und bringt alles ins Rutschen.

          Nach der Antike und nach der Natur

          Festival „Tanz im August“ : Nach der Antike und nach der Natur

          Von Zusatzjobs bis zur Arbeitslosigkeit: In der Uraufführung von Jérôme Bels „Isadora Duncan“ erfährt der Zuschauer Dinge über die Arbeitsbedingungen der Tänzer, nach denen er nie zu fragen gewagt hätte.

          Topmeldungen

          Der britische Premierminister Boris Johnson

          Brief an Tusk : Johnson will Brexit-Deal neu verhandeln

          Bisher wollte der britische Premier sein Land auch ohne Deal aus der EU führen. Nun schreibt er an EU-Ratspräsident Tusk, ein Austrittsabkommen habe „oberste Priorität“. Zugleich fordert er, die Backstop-Regelung zu streichen – und schlägt Alternativen vor.
          „Fridays for Future“-Demonstration vom vergangenen Freitag in Berlin

          „Fridays for Future“ : Glaube an die eigene Macht

          Eine Studie zeigt, wie die Demonstranten der „Fridays for Future“-Proteste ticken. Was ihre Motive sind, welchen sozialen Hintergrund sie haben – und für welche Parteien sie stimmen würden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.