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: Wohin mit unserer ausgerenkten Vernunft?

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Wenn wir das Brot mit den Henkern von Auschwitz nicht brechen, weil diese sich außerhalb der menschlichen Gemeinschaft stellten, so fragt Cavell, ist dann nicht Sterns Weigerung, das Brot mit Elizabeth Costello zu brechen, ihrerseits exzessiv? Sein Kommentar lenkt vorsichtig auf die religiöse Dimension der Frage nach der Mitgeschöpflichkeit, der Frage, mit wem und mit welchen Geschöpfen wir eine Gemeinschaft bilden können. Wie Costello, wie Diamond geht es ihm nicht darum, an den Tieren Eigenschaften zu "entdecken", die unserem Verhältnis zu ihnen die Richtung wiesen. Alles, was wir in dieser Hinsicht an "Wissen", an "Informationen" brauchen, sei bekannt. Wir müssten nur entscheiden.

Haben wir es hier etwa mit einem Fall von "etwas als etwas Sehen" zu tun, mit einem Wittgensteinschen Vexierbild? Dasselbe Wissen um die Tiere und das, was wir mit ihnen machen, scheint ja dem einen keine besonderen Probleme zu bereiten, während es den anderen schier um den Verstand bringt. John McDowell versucht sich an einem analytischen Vorschlag zur Güte in dieser Richtung. Gewiss, die massenhafte Ermordung unserer Mitgeschöpfe ist nicht etwas, was das mitleidende Menschentier Costello "halt so sehen kann" - denn sie könnte es gar nicht anders sehen, es ist für sie so. Coetzee und Diamond beschreiben in McDowells Augen eine "mutmaßliche" Realität und die Reaktion auf sie - eine Reaktion, die McDowell im Fall der fiktiven Schriftstellerin als "verstört", aber nachvollziehbar charakterisiert. An diesem freundlichen Neutralisierungsversuch durch Einführen des Wörtchens "mutmaßlich" meldet Ian Hacking begründete Zweifel an.

Wir können uns, so Hackings Gegenposition, nicht um die Entscheidung drücken, ob wir die mutmaßliche Realität, ob wir Elizabeths Costellos verzweifelte Wahrnehmung eines endlosen Massenmords an unseren Mitgeschöpfen für eine plausible Beschreibung der Wirklichkeit halten. Für diese Stellungnahme aber sind Informationen, ist Wissen wichtig. Mit einer Fülle von Beobachtungen, die von der Geschichte des Stacheldrahts bis zum Standard für humanes Töten in der amerikanischen Rinderindustrie reichen, bereichert Hacking die Diskussion um Wirklichkeitsaspekte - was gleichsam das Wasserzeichen dieses agilen Denkers ist. Die Möglichkeit, etwas so oder auch ganz anders zu sehen, sollten wir uns nicht nur nach dem Modell einer schlagartigen Konversion vorstellen, sondern auch nach dem einer schrittweise gewandelten Wahrnehmung durch die wachsende Sensibilisierung für das, was wir wissen können, wenn wir nur wollen.

Eine Antwort darauf, ob wir mit Cora Diamond von rational nicht zu bewältigenden Dimensionen der Erfahrung oder mit J. M. Coetzees literarischer Gestalt der Elizabeth Costello von einem Massenmord an unseren Mitgeschöpfen ausgehen sollen, ist uns damit nicht abgenommen. Hackings Kommentar zeigt wie Diamonds Essay, zu welchem Stocken und Staunen die Philosophie noch immer in der Lage ist. Und "Philosophy and Animal Life", dieser kleine, an Gedankenanstößen überrreiche Band belegt, welche Lebendigkeit Coetzees grandiose Romanfigur angenommen hat. Elizabeth Costellos fiktiven Dialoge haben ein philosophisches Gespräch in Gang gesetzt, aus dem die erfundene Dichterin nicht mehr wegzudenken ist.

MICHAEL ADRIAN

Stanley Cavell, Cora Diamond, John McDowell, Ian Hacking, Cary Wolfe: "Philosophy and Animal Life". Columbia University Press, New York 2008. 172 S., geb., 24,50 $.

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