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: Wohin mit unserer ausgerenkten Vernunft?

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Die "Schwierigkeit der Philosophie" entsteht für Diamond, wenn sie eine "Schwierigkeit der Wirklichkeit" in ein mit den professionellen analytischen Mitteln zu bearbeitendes philosophisches Problem zerlegt und darüber jeglichen Sinn für sie verliert. Dieser Gedanke lehnt sich an Stanley Cavells lebenslanges Bemühen an, das erkenntnistheoretische Seminarproblem des "Skeptizismus" als eine Vermeidung, eine Ablenkung von jener existentiellen Angst zu zeichnen, die ihren Sitz im alltäglichen Leben hat: die Angst, einen anderen Menschen grundsätzlich nicht erkennen und selbst grundsätzlich von einem anderen Menschen nicht erkannt werden zu können. Diamond geht es um eine Erfahrung, bei der wir auf Aspekte der Welt treffen, die so widersprüchlich, so unvereinbar sind, dass wir sie denkend nicht unter einen Hut bekommen.

Die Vernunft, wie sie mit einer Metapher aus einem Gedicht von Ted Hughes sagt, wird gleichsam "ausgerenkt" - für das animal rationale ein einschneidendes Erlebnis. In einer wie unter Hochspannung stehenden Wendung formuliert die Philosophin denn auch die Konsequenz, dass das Auseinanderreißen von Gedanke und Wirklichkeit zu unserem Fleisch und Blut gehört.

Coetzees Costello bietet Diamond dabei nur ein Beispiel für den Phänomenbereich, dem sie nachspürt. Die schiere Erfahrung von Schönheit, das Erlebnis kaum glaublicher Güte im Angesicht des Holocausts, die Fotografie sechs vor Leben strahlender junger Männer, die kurze Zeit nach Aufnahme des Bilds im Ersten Weltkrieg hingemetzelt wurden, in einem Gedicht von Ted Hughes - all dies sind Beispiele dessen, was unser übliches verstandesmäßiges Erfassen der Welt zerschlägt.

Doch versteht Cora Diamond die Costello-Figur als Musterbeispiel für das Auseinandergehen von Verstand und Welt. Denn mit seiner unbändigen Heroine hat Coetzee ja gerade nicht nur ein Sprachrohr geschaffen, dem er gute oder schlechte Argumente gegen den Verzehr von Tieren in den Mund legen kann. Die bittere, sich allen gesellschaftlichen Kompromissformeln verweigernde Elizabeth Costello ist vielmehr eine Frau, die schier verrückt wird angesichts zweier für sie offensichtlicher Selbstverständlichkeiten: dass Tiere nicht irgendwelche Lebewesen sind, denen man Rechte, Bewusstsein, Wissen um ihre eigene Sterblichkeit und dergleichen anthropozentrische Ehrentitel zu- oder absprechen kann, sondern "fellow creatures", Mitgeschöpfe - und dass die überwiegende Mehrzahl ihrer Mitmenschen nichts dabei findet, diese Mitgeschöpfe zu verspeisen.

Aber natürlich wird Costellos Wahrnehmung in Coetzees Text vielfach gebrochen. An den Reaktionen ihrer Umgebung erahnen wir etwas von den familiären Konstellationen und Machtstrukturen, in die ihre Werthaltungen eingelassen sind. Der Universitätspoet Abraham Stern etwa weigert sich aufgrund von Costellos Holocaust-Vergleich, an dem akademischen Diner zu ihren Ehren teilzunehmen: Dass die Juden wie Vieh behandelt wurden, rechtfertige nicht den Umkehrschluss, der für Stern exzessiv ist, reine Blasphemie. Stanley Cavell nimmt diese Dimension in seinem Kommentar auf.

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