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: Wohin führt uns der perfekte Körper?

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Unter den Strategien der Selbstoptimierungen zwischen Gentechnologie und Hirnforschung ist die Schönheitschirurgie die unspektakulärste. Schönheit ist zu einem käuflichen Gut geworden. Längst hat der Markt auch den Körper affiziert. Die Haut ist zur Währung, der Körper zur Bioaktie mutiert. Das Äußere ...

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          Unter den Strategien der Selbstoptimierungen zwischen Gentechnologie und Hirnforschung ist die Schönheitschirurgie die unspektakulärste. Schönheit ist zu einem käuflichen Gut geworden. Längst hat der Markt auch den Körper affiziert. Die Haut ist zur Währung, der Körper zur Bioaktie mutiert. Das Äußere eines Menschen muss nicht mehr hingenommen werden, man kann es zurichten, formen und manipulieren. Die Hemmschwelle des "Etwas-an sich-machen-lassens" ist in den letzten Jahren erkennbar gesunken. Woher rührt die hohe Akzeptanz, die die Schönheitschirurgie mittlerweile in der Gesellschaft besitzt?

          Das fragen sich die Autoren eines Sammelbands mit dem Titel "Schön normal". Nicht Ressentiment führt den Beiträgern die Feder, sondern der Wille zur nüchternen Analyse. Uninformierte Vorbehalte gegen Eingriffe werden explizit zurückgewiesen: Kein Mensch lässt einfach so an sich herumschneiden, weil er denkt, dass nach der Nasenoperation sich das lang ersehnte Lebensglück einstellt. Jeder ist sich bewusst, dass Schönheitsideale von der Werbung diktiert werden, um diverse Produkte zu verkaufen. Und dennoch können sich viele vorstellen, "etwas machen zu lassen", und immer mehr Menschen tun es auch.

          "Woher kommen unsere Vorstellungen vom Selbst? Wie kommen wir zu bestimmten Wünschen, Hoffnungen und Phantasien in Bezug auf unseren Körper? Woher stammen Urteile wie klein, groß, dick, dunkel, schwabbelig, gesund, fit, weiblich usw.?" So fragt die Herausgeberin des Bandes, Paula-Irene Villa, im Vorwort. Eine neue Qualität bekommen diese Fragen in unserer wirtschaftlich angespannten Zeit. Über ökonomische Denkfiguren wie Humankapital oder unternehmerisches Selbst gewinnt die Schönheitschirurgie eine biopolitische Dimension. Der Bürger wird über seinen Körper "von selbst" regierbar. Soziale Probleme erscheinen als Probleme der Körpergestaltung und werden mit dem Begriff der Selbstverantwortung kurzgeschlossen. Das spart Geld im öffentlichen Haushalt und macht Gesellschaft über das ästhetische Bewusstsein seiner Mitglieder regulierbar.

          "Im Innern eines soziotechnischen Regimes des Body-Managements übernehmen souveräne Subjekte eine solche selbstregulative Kompetenz, auch schönheitschirurgischer Art. Indem sie sich als vitale, beziehungs- und arbeitsfähige Subjekte herstellen, entfalten sie ultimativ auch gesellschaftsregulative Wirkung." Das erklärt Sabine Maasen in ihrem Aufsatz über "Schönheitschirurgie als Biopolitik". Ähnlich verhalte es sich mit dem cognitive enhancement, vulgo Gehirndoping. Auch hier werde die Erwartung geschürt, mit psychoaktiven Substanzen soziale Probleme aus dem Feld räumen zu können. Und plötzlich rücken Foucaultsche Visionen in empirische Reichweite.

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