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: Woher hat er das bloß?

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Hans-Ulrich Wehlers Lebensabenteuer ist der Leistungssport. Auf sechs bis sieben Jahre permanentes Training als Mittelstreckenläufer führt er seine "außerordentlich starke Leistungsorientierung" zurück, wobei er nicht leugnet, daß schon der Drill der Hitlerjugend seinen Neigungen entgegenkam. Der wissenschaftliche Streit ist ein "agonaler Wettbewerb", in dem es Sieger und Verlierer geben muß. Aus der Erfahrung triumphierender Zähigkeit stammt Wehlers Bild des eigenen Faches: "Ich glaube schon, daß es unter Leistungskriterien Fortschritt gibt." Als brave Wehlerianer fragen die Interviewer weberianisch, ob die calvinistische Erziehung im Elternhaus stark war. Die Antwort ist negativ. Das angeblich für die bürgerlich-protestantische Kultur typische Leistungsdenken mußte offenbar, sozusagen als dritte Natur, buchstäblich antrainiert werden.

Anders als das Weltgericht richtet die Bielefelder Feme Historiker nach dem Maßstab der Werkgerechtigkeit. Wehler streut Sottisen über lebende und verstorbene Kollegen aus, die nach seinen Kriterien nicht mithalten konnten: Der eine hat nie seine Habilitationsschrift publiziert, und der andere wollte die gelben Reader bei Kiepenheuer & Witsch nicht herausgeben, weil es ihm zuviel Arbeit war. Wehler machte die Arbeit und wurde belohnt: "Ich konnte den Erfolg anhand meiner Kontoauszüge nachvollziehen." Als unproduktiv hat Wehler seine Widersacher schon in seinem Beitrag zum "Historikerstreit" hingestellt, dem Taschenbuch "Entsorgung der deutschen Vergangenheit?", das vor zwanzig Jahren ebenfalls in der Beck'schen Reihe erschienen ist. Über dieses Buch teilt er nun mit, der Verlag habe das Manuskript im wesentlichen unverändert gedruckt, "obwohl er von konservativen Historikern geradezu bedroht wurde". Daß Beck nun diese Stelle so gedruckt hat, wird man nicht als Bestätigung nehmen, daß es so gewesen ist: Umsicht des Lektorats will meinen, daß Wehler erzählen durfte, was er wollte.

Den "Historikerstreit" führt Wehler einer Deutung zu, die nicht mehr verwundern kann: Er nimmt ihn sportlich. In der Sache setzt er den Streit nicht fort. Sollte damals der Vergleich von Hitler und Stalin tabu sein, so möchte Wehler heute den Westen in die Komparatistik des Genozids einbeziehen: In Holocaust-Museen sollen die Amerikaner lernen, "daß man auch in einem wohlhabenden, gesicherten Land wie Amerika nicht dagegen gefeit ist, sich so zu verhalten wie Leutnant Calley in Vietnam". Wenn es nicht um die Sache ging, worum dann? Ums Terrain, um den Zugang zu den Medien. Was "die Herren Stürmer, Hillgruber und Nolte" schrieben, wirkte wie "ein Vorstoß, der die Hegemonie der linksliberalen Öffentlichkeit in Frage stellte". Hegemonie der liberalen Öffentlichkeit: eine Begriffsmischung, die auf der Zunge zergeht wie kein Pudding von Dr. Oetker. "Für die Kritiker in der damaligen Situation war entscheidend, daß man Helmut Schmidt eigentlich für den optimalen Bundeskanzler gehalten hatte und es diesem Pfälzer nicht gönnte, daß er auf diese Weise die Koalition gekippt und dann noch einmal in einer Bundestagswahl gewonnen hatte." Wir fassen zusammen: Der "Historikerstreit", den Wehlers Jugendfreund Habermas auslöste, um den Verfassungspatriotismus und die Westorientierung der Bundesrepublik zu retten, hatte seinen wahren Grund in der Mißgunst gegenüber einem Kanzler, der auf verfassungsmäßigem Wege ins Amt gelangt war und dann auch noch die Wahl gewann. Solche arkanpolitische Öffentlichkeitsarbeit traut man italienischen Logen oder den Freunden Richard Nixons zu.

Im Kampf der Kulturen geht es heute zwischen den Mannschaften des Lichts und der Finsternis um die Weltmeisterschaft. Und Wehler läuft und läuft und läuft.

PATRICK BAHNERS

Hans-Ulrich Wehler: ",Eine lebhafte Kampfsituation'". Ein Gespräch mit Manfred Hettling und Cornelius Torp. Verlag C. H. Beck, München 2006. 224 S., br., 12,90 [Euro].

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