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: Woher hat er das bloß?

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Hat Wehler die 466 Seiten von Lucian Hölschers "Geschichte der protestantischen Frömmigkeit in Deutschland" gelesen? Es soll sich um das "erste Buch" handeln, das die "Religion in der Bundesrepublik der ersten fünfzig Jahre" zum Gegenstand kulturhistorischer Forschung macht. Wehler gibt korrekt an, daß Friedrich Wilhelm Graf das Werk des Bochumer Koselleck-Schülers "ironisch besprochen hat", nämlich in dieser Zeitung (F.A.Z. vom 28. Oktober 2005), und in dieser Rezension steht denn auch, daß Hölschers Darstellung mit einem kurzen Ausblick auf die Jahre vor 1914 endet. Das Buch ist übrigens im Verlag C. H. Beck erschienen, dessen Cheflektor die Interviewer dafür danken, daß er ihr "Projekt von Beginn an mit großer Umsicht unterstützt" hat. Eine Umsicht, die das Lektorat sogar von der Richtigstellung falscher Inhaltsangaben zum eigenen Verlagsprogramm abhält, wird man mit einem Begriff der Imperialismustheorie als benign neglect charakterisieren.

Keiner Korrektur bedarf Wehlers Feststellung, daß Graf "ein gescheiter Mann" wäre für eine "Entwicklungsgeschichte" deutscher Religiosität bis zu Johannes Paul II. Wehler darf sich dann nur nicht wundern, wenn in Grafs Buch das Erzbistum Bochum keine Erwähnung findet, dessen Existenz die nordrhein-westfälische Wissenschaftspolitik laut Wehler sowohl mit der Gründung der Ruhr-Universität als auch mit der Gegengründung der Universität Bielefeld Rechnung tragen wollte. Bei Hölscher fand Graf die Spuren "zahlloser Fehlerteufelchen", was ihn zu dem ironischen Schlußsatz bewog: "Gut nur, daß die Wissenschaftsgeschichte nicht das Weltgericht ist und ein gnädiger Gott auch die Historiker nicht nach Maßstäben der Werkgerechtigkeit mißt." Für den Druckfehlerteufel war auch dieser Band der Beck'schen Reihe ein höllisches Vergnügen, insbesondere wird das Anredepronomen "Sie" regelmäßig klein geschrieben.

Es ist gefragt worden, ob dieses Buch gedruckt werden mußte. Im Sinne von Wehlers biblischem Motto (Mt 5, 37) im Fragebogen des Magazins dieser Zeitung lautet unsere Antwort: Ja, ja! Es ist in seinen freiwilligen wie in seinen unfreiwilligen Mitteilungen ein historiographiegeschichtliches Dokument. Allerdings beschränkt sich die Einrichtung durch Herausgeber und Verlag auf die Beigabe einer Liste der erwähnten Buchtitel. Wehlers Amanuenses haben sich nicht einmal die Mühe gemacht, in Fußnoten Vornamen zu ergänzen und Lebensdaten zu nennen. Der "Bonner Historikerbetrieb war absolut niederschmetternd", da war etwa "ein Mann für die Neuzeit namens Braubach, der besprach im Seminar nur Bücher, die man kennen müsse oder lesen solle". Im Unterschied zu Schieder in Köln, bei dem der "Druck", sich mit Weber zu beschäftigen, "informell" war. In dieser Rohform hätte das Interview im Internet publiziert werden können.

"Ich lese ja, was ich geschrieben habe, außerordentlich ungern selber noch einmal." Das gilt offenbar auch für das vorliegende Buch. Wehler nennt es "abenteuerlich", daß Friedrich Meinecke mit sechzig Seiten über "das Stralendorfsche Gutachten, irgend eine Episode aus dem Dreißigjährigen Krieg" promoviert worden sei. Meinecke datiert das Gutachten über die Erbfolge im Herzogtum Jülich auf 1610. Die sich aus Wehlers Kommentar ergebende Rückdatierung des Dreißigjährigen Krieges um mindestens acht Jahre macht in der Tat Makulatur aus den Forschungen zum Westfälischen Frieden, die der Mann namens Braubach angeregt hat.

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