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: Woher hat er das bloß?

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Und wenn man es nicht wollte? Die unter dem Aspekt der Mediennutzung umzuschreibende Geistesgeschichte ermöglicht verblüffende Neubewertungen. "Heidegger in seiner schlimmen Phase", wie schlimm war er eigentlich? "Leute wie er halten Rektoratsreden, drängen aber eigentlich nicht in die Medien, sie werden auch nicht - was ja möglich gewesen wäre - von Goebbels auf einer Liste gesammelt in dem Sinne: ,Hier könnte man doch mal Herrn Heidegger um eine Stellungnahme bitten.'" Zu den Leuten wie Heidegger gehörte Wehlers Lehrer Theodor Schieder, der als Rektor der Universität zu Köln von 1962 bis 1964 Rektoratsreden hielt und als Königsberger Professor seine bevölkerungspolitischen Stellungnahmen ohne Aufforderung von Goebbels und nicht für die Öffentlichkeit erstellt hatte. Der ",Ohne mich'-Bewegung gegen die Wiederbewaffnung", die Wehler das "erste Erlebnis einer Gemeinsamkeit" im Meinungsstreit verschaffte, blieb die Erfindung der Wunderwaffe der zusammentelefonierten Unterschriftenliste vorbehalten. War Goebbels am Ende, um einen Gedanken Hans Mommsens zu übertragen, ein schwacher Propagandaminister?

Außer dem "Versteckspiel" entdeckt Wehler an Schieders Nachkriegskarriere nichts Anstößiges. "Man muß für seine Überzeugung kämpfen, und das bedeutet in unserem Gewerbe auch: Man muß irgendwie Zugang zu den Medien finden." Da ist es betrüblich, daß zum Kampf der Kulturen "die Historiker bei uns im allgemeinen schweigen". Könnte das bedeuten, daß die Fachkollegen sich im Sinne des Bielefelder Schutzpatrons Max Weber lieber nicht äußern, wo sie keine Fachleute sind? Das wäre ein Irrweg der Weber-Rezeption. In Wahrheit ist es "sehr an Weber geschult", wenn die theoretische Anstrengung das empirische Wissen ersetzt. "Jürgen Kocka hat zum Beispiel das Talent, wenn er sich inhaltlich nicht gut auskennt, ganz schnell systematisch eine Fragestellung aufzubauen, wo mancher sich dann fragt: Woher hat er das bloß?"

Nun muß man keine Untersuchungen zur Nachfragelage der indonesischen Textilindustrie angestellt haben, um "ganz klar" zu sehen, "daß die Hunderttausende, die man im Fernsehen gesehen hat und die diese Karikaturen alle selber nicht gesehen haben, nicht alle zufällig unter ihrem Burnus eine dänische Flagge tragen, die sie auf einmal verbrennen können". Um so sympathischer berührt es, wenn Wehler, nachdem er in unzähligen Interviews den EU-Beitritt der Türkei wegen Kulturunverträglichkeit abgelehnt hat, nun bekennt, daß er gerade erst dabei ist, sich in die Geschichte der islamischen Welt einzuarbeiten. "Je mehr ich mich da einlese, desto skeptischer werde ich." Der Gegenseite hat er immerhin die Huntington-Lektüre voraus. "Ich glaube, viele Kritiker haben die 600 Seiten gar nicht gelesen, sondern sich schnell ihre Meinung über diese düstere Prognose gebildet."

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