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: Wo Technik ist, soll Natur sein

  • Aktualisiert am

Es ist schwer genug, die gedanklichen, technischen, gesellschaftlichen Veränderungen zu vermessen, die aus der Biologie des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts heraus ins Rollen gekommen sind. Evolution, Genetik, Ökologie, (Stamm-) Zellkunde - diese Disziplinen treten inzwischen etabliert, ja ...

          Es ist schwer genug, die gedanklichen, technischen, gesellschaftlichen Veränderungen zu vermessen, die aus der Biologie des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts heraus ins Rollen gekommen sind. Evolution, Genetik, Ökologie, (Stamm-) Zellkunde - diese Disziplinen treten inzwischen etabliert, ja fast klassisch in Erscheinung, doch sie haben nicht aufgehört, tief wurzelnde Vorstellungen vom Leben in Frage zu stellen oder ganz umzuwerfen. Robert Frenay will aber weit mehr, als dem Leser die Türe zum Verständnis laufender Umbrüche zu öffnen. Er sieht sich als Wegweiser in eine "fortgeschrittene Kultur mit vollständigerem Bewusstsein". Diese Zukunft soll auf einer "neuen Biologie" gründen und den "Aufstieg der Natur zur Kultur" mit sich bringen. Ihre Bewohner, behauptet Frenay, behandelten die Natur nicht so, als würde sie wie eine Maschine funktionieren, sie stellten vielmehr Maschinen her, die wie Lebewesen konzipiert seien.

          Beglückt stellt der Leser fest, dass diesem Auftakt nicht unmittelbar ein Loblied der Bionik folgt, des wasserabweisenden Autolacks, den sich die Ingenieure von der Lotusblume abgeschaut haben, oder der delphinförmigen Schiffe. Vielmehr verschafft Frenay, der als Künstler ausgebildet wurde und als freier Journalist arbeitet, auf fünfzig Seiten Einleitung einen anregenden Überblick darüber, wie die Maschine zur Metapher auch der belebten Welt werden konnte: von den tierischen Robotern des René Descartes bis zu den Molekularbiologen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, die Gene als "kleine Maschinen" titulierten. Er bereitet skeptische Einwürfe auf, etwa Goethes Hinweis auf die "bewegliche Ordnung" der Natur, und präsentiert technologiephilosophische Kostbarkeiten wie den Essay "Darwin unter den Maschinen" von Samuel Butler aus dem Jahr 1863, in dem Maschinen als Produkte der biologischen Evolution klassifiziert werden.

          Das ist die Transformation, die Frenay auszuloten versucht. Letztlich soll mit dem ganzen Wissen um die Regelkreisläufe, Redundanzen und Informationsflüsse in der Natur zuerst die technische Welt und dann die Gesellschaft biologisiert werden, was weniger soziobiologisch denn ökologisch gemeint ist: Der Mensch soll die Prinzipien der Lebenskonstruktion zu respektieren und zu nutzen lernen und dann das "primitive Stadium" der linearen Industriewelt hinter sich lassen.

          Frenay bedient sich einer innovativen Sprache, die er in jahrzehntelanger Naturbeobachtung geschliffen hat. Er nähert sich auch dem atomaren und molekularen Lebenskosmos in der Art eines klassischen Naturforschers, beschreibt Gene, Zellen und die Neuronennetze des Gehirns, als stünde er gerade an den Ufern eines neu entdeckten Sees.

          Während der Leser immer neugieriger auf den Entwurf jener fortgeschrittenen Kultur wird, die in Aussicht gestellt ist, verliert der Autor nach dem ersten Drittel leider völlig den Faden. Es beginnt eine ziemlich wahllose Aufzählung verschiedenster Forschungsprojekte aus der Bionik, der Computerwissenschaft und der Gehirnforschung, garniert mit Zeitungsüberschriften und Anekdötchen. Das könnte man noch als Beschreibung des Übergangs auffassen, als wildes Wuchern von Ideen, mit deren Hilfe biologische Prinzipien in die Textur des Industriezeitalters eingearbeitet werden. Doch als Frenay davon spricht, wie die Ergebnisse der "neuen Biologie" bald "aus dem begrenzten Umfeld der Labors und der Computerbildschirme in die Außenwelt" entlassen würden, verlässt ihn jeder Mut und jedes Konzept.

          Der lange Rest des Buches besteht in zwei vom Thema wegführenden Komplexen: Frenay polemisiert zuerst gegen die Nutzung der Gentechnologie in der Landwirtschaft, obwohl hier vielleicht das größte Potential liegt, durch biologisches Wissen die Komplettindustrialisierung der Biosphäre zu verhindern, mehr Potential jedenfalls als im wissenschaftsfernen Biolandbau, dessen Produktivität für neun Milliarden Menschen und pflanzlichen Erdölersatz nicht reichen wird. Dann geht er zu Globalisierungskritik über. Der Leser hat nach mehr als vierhundert Seiten mehrere Dutzend lose Enden in der Hand. Offenbar ist Frenay beim Nachdenken über die biophile Kultur von morgen die Puste ausgegangen.

          Im Nachspann bietet er auch noch eine plausible Erklärung dafür: Einige Passagen des Buches seien schon früher als Glossen in der Zeitschrift "Audubon" erschienen, steht da zu lesen. Das ist unter Journalisten, die nach den Weihen des Buchautorenstatus streben, eine beliebte, aber selten von Erfolg gekrönte Vorgehensweise: Man nehme die Glossen von zehn Jahren und kitte sie irgendwie zusammen. Damit bedient sich ausgerechnet der Kritiker alter maschineller Verfahren eines maschinellen Kopierens und Einfügens. Dem Buch wäre eine organische Fortentwicklung der ersten hundert Seiten zu wünschen gewesen, denn diese sind wirklich anregend. Der Berlin Verlag wäre gut beraten gewesen, einen kleineren Band vorzulegen.

          CHRISTIAN SCHWÄGERL

          Robert Frenay: "Impuls". Das kommende Zeitalter naturinspirierter Systeme und Technologien. Aus dem Englischen von Sebastian Vogel. Berlin Verlag, Berlin 2006. 624 S., geb., 29,90 [Euro].

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