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: Wo ist der Körper des Königs?

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Mit seinem unerwarteten Tod im Jahr 323 vor Christus wurde Alexander der Große zum bedeutendsten und begehrtesten Leichnam der Antike: Schon die zerstrittenen Feldherrn des Herrschers versprachen sich vom Besitz der Leiche Machtzugewinn und politische Vorherrschaft, um die sie in den anschließenden Kriegen ...

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          Mit seinem unerwarteten Tod im Jahr 323 vor Christus wurde Alexander der Große zum bedeutendsten und begehrtesten Leichnam der Antike: Schon die zerstrittenen Feldherrn des Herrschers versprachen sich vom Besitz der Leiche Machtzugewinn und politische Vorherrschaft, um die sie in den anschließenden Kriegen rangen - und der Wunsch, des Toten habhaft zu werden, ging bis heute nicht verloren.

          Inzwischen wird der Kampf allerdings unter Archäologen ausgetragen, von denen jeder für sich behaupten möchte, er habe Alexanders sterbliche Überreste gefunden. Gleichgültig, wie klein der Anhaltspunkt, alle Hinweise werden in Quellen akribisch verfolgt. Archäologen, die von der Idee besessen sind, den Körper des Königs zu entdecken, widmen ihr gesamtes Leben der Forschung und dem Buddeln im Sand Ägyptens oder Asiens. Bisher wurden zahlreiche Ausgrabungen durchgeführt in der Hoffnung, das Grab mit Leichnam zu finden, um das große Geheimnis der Todesursache zu lösen und zwischen den verschiedenen Todestheorien entscheiden zu können. Wurde Alexander durch enge Vertraute, wie seinen Lehrer Aristoteles, vergiftet, erlag er den Alkoholexzessen, oder starb er an einer Krankheit? Lediglich in einem Punkt ist sich die Forschung inzwischen einig: Er kann nicht an einer tödlichen Kriegsverletzung gestorben sein.

          Das Buch "Mythos Alexandergrab" ist endlich mal keine übliche Biographie, die der Faszination des lebenden, kriegerisch agierenden Herrschers erliegt, sondern eine dem Nachleben gewidmete Studie: den Todestheorien und den unterschiedlichsten Vermutungen über den Ort des Grabes und Leichnams.

          Als Ort, wo Alexander begraben wurde, vermuten die meisten Archäologen das ägyptische Alexandria, und darauf legt auch das Buch des Wissenschaftsjournalisten und Archäologen Dirk Husemann den Schwerpunkt, das eine übersichtliche Darstellung der sich um das Grab rankenden Mythen bietet. Laut Testament wünschte sich der Herrscher die erste nach ihm benannte Stadt als Begräbnisstätte; die Ausgrabungen begannen deshalb hier. Obwohl nach dem Leichnam an zahlreichen Orten gesucht wurde, war kein Forscherteam bisher erfolgreich. Der Anziehungskraft für Grabsucher tut dies jedoch keinen Abbruch.

          Der britische Historiker Andrew Chugg dagegen konzentriert sich auf den Leichnam als solchen und verbindet ihn nicht mit Alexandrien, der Oase Siwa oder Gebieten im heutigen Irak oder Iran. Sowohl antiken als auch mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Quellen entnimmt er, dass Leichen nicht immer in dem eigens für sie errichteten Grab blieben, sondern umgebettet wurden, und stellt die These auf, dass nicht der Evangelist Markus aus Alexandria gestohlen und nach Venedig gebracht wurde, um der aufstrebenden Stadt den Segen der Kirche zu geben, sondern durch einen fatalen Irrtum die sterblichen Überreste des heidnischen Alexander. Ist Markus in Wirklichkeit also Alexander? Trägt der Markusdom seinen Namen zu Unrecht? Und beten die Christen aus Versehen einen heidnischen König an? Eine absurde Vorstellung, deren Wahrheitsgehalt sich allerdings kaum überprüfen lässt, da die katholische Kirche einer Untersuchung nicht zustimmen würde.

          Nach den hundertfünfzig erfolglosen Ausgrabungen bleibt nur die traurige Schlussfolgerung, dass Alexanders Leichnam der Welt wohl noch länger verborgen bleiben wird, da entweder Hinweise für sein Grabmal fehlen oder gegenseitige Interessenlagen die weitere Spurensuche verhindern. Und solange das Geheimnis nicht gelüftet wird, bleibt Alexandria für Archäologen auch weiter der Nabel der Welt.

          Als Leser fiebert man bei jeder im Buch geschilderten Ausgrabung mit den Ärchäologen mit, die glauben, sie hätten das Alexandergrab gefunden. Man erlebt so Höhenflüge und hegt Hoffnungen, doch nach einigen Zeilen folgt der unvermeidliche Sturz: So packend auch die Gründe für die verschiedenen Ausgrabungsorte geschildert werden, so überzeugend die auf antike Quellen gestützte Argumentation - alles Suchen endet ja doch erfolglos.

          CHARLOTTE VON FRYDAG

          Dirk Husemann: "Mythos Alexandergrab". Spurensuche auf drei Kontinenten. Thorbecke Verlag. Ostfildern 2006. 160 S., geb., 22,90 [Euro].

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