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: Wo einer versucht, uns ein X für ein U vorzumachen, ist die Grenze erreicht

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Die Themen Gewalt und Zivilitätssinn treten in diesem Buch so sporadisch auf wie der Begriff der Massen, den die französische Originalausgabe, "La crainte des masses", 1997 im Titel trug. Doch Sammelbände haben das oft so an sich. Wer keine thematisch durchgearbeitete Studie sucht, sondern Überlegungen zu Einzelaspekten der politischen Philosophie, wird dem Buch manche Anregung abgewinnen.

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          Die Themen Gewalt und Zivilitätssinn treten in diesem Buch so sporadisch auf wie der Begriff der Massen, den die französische Originalausgabe, "La crainte des masses", 1997 im Titel trug. Doch Sammelbände haben das oft so an sich. Wer keine thematisch durchgearbeitete Studie sucht, sondern Überlegungen zu Einzelaspekten der politischen Philosophie, wird dem Buch manche Anregung abgewinnen. Mit den bis aufs Jahr 1983 zurückgehenden Beiträgen bietet es gleichzeitig Stationen aus dem Denken eines Philosophen, der als Mitarbeiter Louis Althussers in den sechziger Jahren begann, Marx und "Das Kapital" textkritisch gegen die soziologische Tradition zu lesen. Der - gegenüber dem Original leicht gekürzte - Mittelteil des vorliegenden Bandes geht diesen Weg weiter mit dem Versuch einer kritischen Analyse des Ideologiebegriffs bei Marx und Engels.

          Weit über solche marxistische Testamentswartung hinaus und mitunter direkt an den Nerv unserer Gegenwart reichen die übrigen Texte. Ob der "Rassismus" ein "Universalismus" sei, was es überhaupt mit dem uns so leicht über die Lippen kommenden Wort der Universalität - von Werten oder Situationen - auf sich habe, wie unmittelbar Gewalt und Idealität einander bedingen oder wie heute Europa und seine Grenzen verstanden werden können: Das sind Fragen von offensichtlicher Aktualität. Zu den Vorzügen dieser Untersuchungen gehört, dass sie an der in diesem Zusammenhang sonst üblichen Aktualitätspublizistik vorbei den Rückgriff auf philosophische Quellentexte nicht scheuen.

          Bei der Frage etwa, wie ein Volk denn zum Volk werde, drängt sich der Bezug auf Rousseaus "Gesellschaftsvertrag", wo sie wörtlich so gestellt wird, geradezu auf. Und die Art, wie Balibar deren Entwicklung von Rousseau zu Kant nachzeichnet, ist magistral, wenn auch leicht tendenziös. Da Rousseaus Begriff vom Volk - weder ein Nebeneinander von Individualitäten noch deren mystische Verschmelzung, sondern ein kollektiver Willensakt der Freiheit - das Prinzip des Allgemeinwillens nicht mit dem "Willen aller" zur Deckung bringen kann und überdies in der Französischen Revolution bald vom Begriff der "Nation" überlappt wurde, schillert er noch heute zwischen den beiden Polen von "Konstitution" und "Insurrektion".

          Der gewaltsame Übertritt

          Das "Volk" war den Staatstheoretikern stets unheimlich, und Rousseau stellt für diese Ambivalenz, so Balibar, eine Art theoretischen Stöpsel dar, hinter den keine Theorie des Staats als Korporation oder als bürgerliche Gesellschaft mehr zurück kann. Dass das rousseauistische Ideal-Volk als "gemeinsames Ich" bei Kant dann realistischer dargestellt wird als ein Naturzustand, der sich zum Rechtszustand wandeln muss, führt den Autor Balibar auf einen langen Exkurs über den Zusammenhang von Recht und Moralität mit der interessanten Zielfrage: Was veranlasste den Vernunftphilosophen Kant dazu, den Weg von der natürlich "ungeselligen Geselligkeit" der Menschen zur organisierten Gesellschaft vorromantisch mit der Analogie einer organischen Einheit zu beschreiben?

          Das Aufklärungserbe reicht weiter, so könnte man Balibars Grundanliegen zusammenfassen, als gemeinhin angenommen wird. Es transportiert Inhalte, die auch ohne den Sturz ins Abenteuer des nationalen Irrationalismus zu uns hätten gelangen können. Man mag dieser Auslegung mit Skepsis folgen und ist doch angetan von der Brillanz der Ausführung. Dasselbe gilt vom originellen Kapitel über Spinoza als Theoretiker der Masse und philosophischer Anti-Orwell.

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