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: Wissenschaftlich beten?

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Im Jahr 1863 veröffentlichte der britische Missionar R. Spence Hardy im damaligen Ceylon eine Streitschrift, die die Legenden und Theorien des Buddhismus mit den Errungenschaften der westlichen Wissenschaft verglich. Das Christentum habe Newton und andere Größen hervorgebracht, so der selbstbewusste Geistliche, ...

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          Im Jahr 1863 veröffentlichte der britische Missionar R. Spence Hardy im damaligen Ceylon eine Streitschrift, die die Legenden und Theorien des Buddhismus mit den Errungenschaften der westlichen Wissenschaft verglich. Das Christentum habe Newton und andere Größen hervorgebracht, so der selbstbewusste Geistliche, während die buddhistische Kosmologie zum Beispiel immer noch auf die völlig absurde Vorstellung einer flachen Erde mit dem riesigen, aber noch nie von jemandem gesehenen Berg Meru in der Mitte hinauslaufe.

          Einige Jahre später hatte sich das Bild jedoch völlig gewandelt. Für viele Briten und Amerikaner des Viktorianischen Zeitalters galt der Buddhismus nunmehr als die einzige wissenschaftliche Religion, die eine sehr spezielle Synthese von Rationalität und Spiritualität versprach. Heute symbolisiert vor allem der Dalai Lama dieses Versprechen. Donald Lopez, Religionshistoriker an der Universität von Michigan und ausgewiesener Kenner des tibetanischen Buddhismus, geht es in seinem Buch nicht darum, über den Wahrheitsgehalt der behaupteten Vereinbarkeit von Buddhismus und Wissenschaft ein Urteil zu fällen. Er legt sich vielmehr die Frage vor, wie es zu dieser populären Einschätzung kam.

          Eine Antwort findet Lopez in der Art und Weise, wie die buddhistische Lehre in Europa bekannt wurde. Sanskrit- und Pali-Gelehrte wie Eugène Burnouf in Paris oder Friedrich Max Müller in Oxford konstruierten, ausgehend von indischen Texten, einen abstrakten, philosophischen Urbuddhismus, der nur wenig mit dem bunten, von Magie, Bilderverehrung und Wunderglauben durchsetzten tatsächlichen Buddhismus zu tun hatte. Die alltägliche Wirklichkeit interessierte die europäischen Gelehrten kaum. Der zeitgenössische Buddhismus zeugte in ihren Augen lediglich von einer verrohten und degenerierten Form der edlen Urlehre.

          Zentrale Elemente dieser Lehre waren unter anderem die Karma-Doktrin und die Mahnung des Gautama Buddha, nicht Autoritäten, sondern immer der eigenen Erfahrung zu folgen. Karma, das Konzept, dass jede Handlung eine Folge nach sich zieht, konnte als ein allgemeines Kausalitätsgesetz gedeutet werden, während die Mahnung des Buddha dem Selbstverständnis der Wissenschaft entsprach. Diese rationale Rekonstruktion des Buddhismus ließ natürlich buddhistische Vorstellungen wie die Berg-Meru-Kosmologie absurd erscheinen.

          In den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts nutzten eine Reihe asiatischer Apologeten wie Anagarika Dharmapala in Ceylon, Yang Wenhui in China oder Shaku Soen in Japan die aus dem Okzident stammende Rekonstruktion, um die Modernität Asiens gegenüber christlichen Missionaren oder kommunistischer Kritik zu verteidigen. Die Lehre vom Berg Meru wurde als "upaya", als "geschicktes Mittel", gedeutet, das es dem Buddha erlaubte, die Daseinsgesetze auf eine dem Verständnishorizont der oft ungebildeten Zuhörer angemessene Weise zu erläutern. Anagarika Dharmapala ging sogar so weit, den Buddhismus als die wahre arische Religion zu beschreiben. Die griechische und römische Zivilisation waren ihm zufolge die europäischen Entsprechungen zur noblen indischen Hochkultur, die der primitiven und irrationalen Religion des Christentums hatte weichen müssen.

          Die asiatischen Modernisierer gingen oft Bündnisse mit westlichen Anhängern des Buddhismus ein. Dharmapala war in seiner Jugend ein Mitstreiter von Henry Steel Olcott, dem Mitbegründer der Theosophischen Gesellschaft. Olcott - vermutlich der erste westliche Konvertit zum Buddhismus - hatte allerdings eine sehr inklusive Vorstellung von Wissenschaft. Spiritistische und andere umstrittene Phänomene wurden von ihm als Ausdruck einer letztendlich nichtstofflichen Grundlage der Realität betrachtet, zu der indische Weise einen privilegierten Zugang haben sollten. Wissenschaft, so wie Olcott sie verstand, und eine Religion wie der Buddhismus verfolgten demnach das gleiche Ziel.

          Paul Carus, Leiter des bedeutenden amerikanischen Verlages Open Court, arbeitete viele Jahre eng mit D.T. Suzuki, einem Schüler Shaku Soens, zusammen. Suzuki wurde zum einflussreichsten Vermittler des Zen-Buddhismus im Westen und beeinflusste Autoren wie Aldous Huxley, Erich Fromm und Carl Gustav Jung, während Carus in zahlreichen Artikeln und Büchern die Rationalität und Wissenschaftlichkeit eines abstrakten Buddhismus pries. Für den Monisten Carus war dieser Buddhismus die lang ersehnte "Religion der Wissenschaft".

          Lopez widmet leider nur wenige Seiten dem populären Zen-Buddhismus der Nachkriegszeit und der Gegenwart, in der der Buddhismus immer häufiger nicht mehr als Religion, Ethik oder Philosophie, sondern als "kontemplative Wissenschaft" aufgefasst wird. Er bedauert den fortschreitenden Verlust von magischen, symbolischen und mythischen Inhalten wie der Berg-Meru-Kosmologie und die Fokussierung auf die Praxis der Meditation und ihre neurologischen Begleiterscheinungen - eine Entwicklung, die der Dalai Lama zumindest in Teilen unterstützt und fördert. Andererseits wird die Geschichte des Buddhismus in seiner Darstellung als beständige Hybridisierung mit anderen lokalen, regionalen und heute globalen Traditionen erkennbar. Zu diesen Traditionen gehört auch die westliche Naturwissenschaft. Das globale Mischwesen aus Buddhismus und Elementen der Wissenschaft beschreibt Lopez als eine neue weltumspannende Schule oder Sekte des Buddhismus: Ausdruck einer in kolonialer und post-kolonialer Zeit entstandenen buddhistischen Moderne.

          THOMAS WEBER

          Donald S. Lopez Jr.: "Buddhism & Science". A Guide for the Perplexed. The University of Chicago Press, Chicago 2008. 264 S., geb., 25,- $.

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