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: Wir Selbstermächtiger

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Die neuzeitlichen Prozesse der Säkularisierung der Welt und der Physikalisierung der Natur stellten die praktische Philosophie vor ein großes verbindlichkeitstheoretisches Problem. Mit dem Verblassen des theologischen Absolutismus und beginnender humaner Selbstbehauptung zum einen, der Ablösung des ...

          Die neuzeitlichen Prozesse der Säkularisierung der Welt und der Physikalisierung der Natur stellten die praktische Philosophie vor ein großes verbindlichkeitstheoretisches Problem. Mit dem Verblassen des theologischen Absolutismus und beginnender humaner Selbstbehauptung zum einen, der Ablösung des teleologischen Naturkonzepts durch den mathematischen Naturbegriff der neuen Naturwissenschaften zum anderen gingen die traditionellen Geltungsgründe verloren. Daher mußte Verbindlichkeit neu konzipiert, neu erfunden werden. Und die praktische Philosophie sah es als ihre Aufgabe an, diese neuen normativen Grundlagen zu entwickeln und mit dem neu entstandenen Selbst- und Weltverhältnis des modernen Menschen abzustimmen.

          Walter Schweidler traut dieser Entwicklung nicht recht über den Weg. In seinem Buch erhält die normative Selbstermächtigung der Moderne eine entschieden negative Färbung. Für ihn wurzelt der moderne Staat in einem "legitimatorischen Vakuum" - mit entsprechenden begründungstheoretischen Paradoxien der kontraktualistischen Rationalität. Der Hobbessche Vertrag ist für Schweidler ein logisches Rätsel, da er sich von Voraussetzungen abhängig machen muß, die zu garantieren er selbst ins Leben gerufen wird. In dem Konzept der natürlichen Gesetze verdichtet sich diese zirkuläre Struktur: Einerseits sind diese Gesetze, wie die vorpolitischen ethischen Prinzipien der Tradition, aller staatlichen Tätigkeit vorausliegende normative Muster, andererseits jedoch gewinnen sie erst normative Geltung durch die staatlichen Gesetze.

          Diese Zwitterstellung der natürlichen Gesetze ist für Schweidler ein Schlüssel für das Verständnis modernitätstypischer Politikethik überhaupt. Grundsätzlich kann nicht darauf verzichtet werden, durch Berufung auf vorpolitische normative Prägungen Legitimität zu beschaffen. Doch ist diese Legitimitätsbeschaffung selbst gebunden an die institutionellen Formen der politischen Arena. Sie erfolgt im Streit, mit der durchaus paradoxen Implikation, daß selbst noch die friedliche Uneinigkeit über die Legitimationsgründe Legitimität begründen kann. Dort, wo ehedem eine mit Ewigkeitsgültigkeit ausgestattete teleologische Natur die Grammatik guter Politik festlegte, findet sich jetzt ein unabschließbares offenes gesellschaftliches Gespräch, das die Gesetze, die es als Regeln gelingender Politik ethisch begründet, gleich wieder zurück in den Mahlstrom der reflexiven ethischen Selbstfindung der Gesellschaft zieht.

          Mit gutem Recht hat sich Thomas Hobbes selbst zum Begründer der politischen Moderne ausgerufen. Aber, wie Schweidler in dem besten Kapitel seines Buches darlegt, die politische Moderne hat eigentlich viel früher begonnen. Schon in der politischen Philosophie Augustinus' finden sich viele erstaunliche konzeptuelle Neuerungen, die den politischen Aristotelismus verabschieden. Gerade die berühmte Augustinische Trennung zwischen der natürlichen Ordnung und der Ordnung menschlichen Handelns hat die letztere aus der Reichweite einer emphatischen Ethik gerückt und die Aufgabe der Politik vor allem in der Gewährleistung von Sicherheit und Frieden erblickt. Wenn das höchste Gut das ewige Leben ist, verliert der Staat seine Zuständigkeit für das Glück. Mit der theologischen Definition des Glücks beginnt seine Entpolitisierung, die in der Moderne sich als Subjektivierung und Privatisierung fortsetzt. Wenn aber das Glück nicht mehr Ziel der Politik ist, kann die politische Einheit sich auch nicht am Modell der "Gemeinschaft des Gottgenusses" (Augustinus) orientieren. Die geschichtliche civitas muß ihren Kohärenzbedarf ausschließlich aus dem Motivationsfundus bestreiten, der den Gerechten und den Heillosen gemein ist; und das ist der Friedenswunsch, der selbst in den unseligen Naturen wirksam ist.

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