https://www.faz.net/-gr3-14rmj

William R. Polk: Aufstand : Wer vertritt das Eigene? Und wer ist der Fremde?

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Hat der Westen in Afghanistan schon so viele Fehler gemacht, dass die Niederlage unvermeidlich ist? William Polk rechnet mit den politisch-kulturellen Borniertheiten von Aufstandsbekämpfern ab.

          Für die Afghanistanstrategie der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten hat William Polk keine gute Nachricht: Die vergleichende Analyse ähnlicher Aufstände zeigt, dass es für den Westen am Hindukusch so gut wie keine Erfolgsaussichten gibt, selbst dann nicht, wenn die Nato-Truppen in einer direkten Konfrontation mit den Kampfverbänden der Taliban siegreich wären. Die bewaffnete Auseinandersetzung stellt nach Polks Auffassung nämlich die unwichtigste der drei Komponenten eines Aufstands wie seiner Bekämpfung dar. Viel größeres Gewicht kommen der Politik und der Verwaltung zu, und hier habe der Westen die Auseinandersetzung in Afghanistan längst verloren.

          Die in den ersten zwei Jahren des Afghanistan-Engagements gemachten Fehler seien nicht wiedergutzumachen, so Polk, und deswegen werde die von General David Petraeus und anderen entwickelte neue Strategie der Aufstandsbekämpfung nur in eine weitere Niederlage führen. Polks Ratschlag lautet darum, der Westen solle seine militärische Präsenz in Afghanistan so schnell wie möglich beenden und zusehen, dass er mit dem sich dann dort durchsetzenden Regime politisch vernünftige Beziehungen entwickele. So spare man Geld und Menschenleben.

          William R. Polks Empfehlungen haben Gewicht. Polk gehört zu jenem Typus politischer Wissenschaftler, wie es ihn nur in den Vereinigten Staaten gibt: Von der Universität ist er während der Kennedy-Ära in die unmittelbare Politikberatung gegangen, um dann wieder in die universitäre Forschung und Lehre zurückzukehren und sich danach erneut als Experte für die arabische Welt und den Mittleren Osten in die Beratungsverantwortung nehmen zu lassen. Vor allem freilich gründet sich Polks Ruf darauf, dass er bereits 1963 in einem Vortrag am National War College die Niederlage der Vereinigten Staaten in Vietnam vorausgesagt hat.

          Borniertheiten der Aufstandsbekämpfer

          Die Überlegungen, die seiner damaligen Prognose zugrunde lagen, hat Polk nunmehr auf ein gutes Dutzend Aufstandsbewegungen angewandt und ist dabei zu dem Ergebnis gekommen, dass die entscheidende Auseinandersetzung politisch sei und um die Identifikation der Ordnungsmacht als „fremd“ geführt werde. Ist es den zunächst wenigen Rebellen erst einmal gelungen, sich selbst als die Verteidiger des Landes sowie seiner Sitten und Gepflogenheiten zu etablieren, während die Gegner als Fremde markiert werden, die von außen kommen und die Eigenheiten des Landes zerstören, haben sie den entscheidenden Schritt zum Sieg bereits getan. Und das ist nicht selten der Fall, bevor die bewaffnete Auseinandersetzung ihren Höhepunkt erreicht hat.

          Die Kontroverse um die Frage, wer das Eigene vertritt und wer der Fremde ist, wer für das „Innen“ steht und wer „von außen“ kommt, ist die entscheidende Auseinandersetzung eines Aufstandes, und es gehört seit dem späten 18. und frühen 19. Jahrhundert zu den Borniertheiten der Aufstandsbekämpfer, dass sie diese politische Front nicht hinreichend beachten und stattdessen alle Energie auf die militärische Auseinandersetzung konzentrieren. Polks erstes Beispiel dafür ist die britische Strategie gegen den Siedleraufstand in den Neuenglandstaaten, aus dem schließlich die Vereinigten Staaten hervorgegangen sind. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass gerade die Amerikaner die ausschlaggebenden Faktoren ihres Siegs im Unabhängigkeitskrieg nicht begriffen und den Erfolg der Kontinentalarmee George Washingtons zugeschrieben haben, die doch eigentlich alle großen Schlachten gegen die Briten verloren hat.

          Militärische Niederlage und politische Siege

          Weitere Themen

          Sterbehilfe wider Willen

          Rechtsstreit in Holland : Sterbehilfe wider Willen

          Eine Alzheimerpatientin erklärt in ihrer Patientenverfügung, dass sie sterben will, wenn sie ins Pflegeheim muss. Als es so weit ist, widerruft sie ihren Wunsch - doch Angehörige und Ärzte vollziehen ihn trotzdem.

          Topmeldungen

          IAA : Draußen Protest, innen leuchtende Männeraugen

          Wo der SUV noch artgerecht gehalten wird: Unsere Autorin war auf der Automesse unterwegs. Die Autohersteller reagieren auf den zunehmenden Druck mit ihrer elektrischen Charmeoffensive – die Publikumsmagneten findet man jedoch an anderer Stelle.

          Klimawende : Für eine Transformation mit Herz

          Uns erwartet ein sozial-ökologischer Umbau der Gesellschaft. Doch das muss man den Bürgern, die zwar für Klimawandel, aber kaum für persönliche Einschnitte sind, auch sagen. Ein Gastbeitrag.

          NPD-Ortsvorsteher in Hessen : Ein netter Kerl

          In einem Dorf wird ein NPD-Mann zum Ortsvorsteher gewählt. Die Aufregung ist groß, im Ort selbst findet man das nur halb so wild. Eindrücke aus Altenstadt-Waldsiedlung.
          Die Vorsitzende des Ressemblement National (RN), Marine Le Pen, nach ihrer Rede in Fréjus an der Cote d’Azur

          Wahlkampf von Le Pen : Seriosität statt Häme

          Statt nach Rechts und Links Sticheleien zu verteilen, gibt sich Marine Le Pen bei ihrer Comeback-Rede staatstragend. Für ihr Ziel, den Einzug in den Elysée-Palast 2022, hat die Vorsitzende des Rassemblement National eine Strategie.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.