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Wilhelm Bleeks Vormärz-Buch : Quer durch die kleindeutsche Vielfalt

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Seit 1832 mit der deutschen Geschichte besonders verbunden: das Hambacher Schloss Bild: dpa

Wilhelm Bleek zeigt in „Vormärz – Deutschlands Aufbruch in die Moderne“, wie viel unsere Gegenwart der Zeit zwischen 1815 und 1848 verdankt. Doch an mancher Stelle fehlt es auch an Reflexion.

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          „Die deutsche Geschichte zwischen 1815 und 1848 hat keinen guten Ruf.“ Mit diesem Satz beginnt das Buch von Wilhelm Bleek über die Epoche des „Vormärz“. Entsprechend ist es die implizite Absicht des emeritierten Bochumer Politikwissenschaftlers, das Ansehen dieser Zeit vom „anstößigen Hautgout“ zu befreien, der der „Restaurationszeit bis heute“ anhafte. Nun ist es seit dem Ende der großen Projekte zur deutschen Bürgertumsforschung unüblich geworden, die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts in einem rein nationalstaatlichen Rahmen zu betrachten. Schließlich war – nach einer Zeit des Vergessens – das neuerliche Interesse am neunzehnten Jahrhundert von einem globalgeschichtlichen Ansatz ausgegangen, wie ihn schnell zu Standardwerken avancierte Publikationen von Christopher Bayly und Jürgen Osterhammel vorgegeben hatten. Und auch Richard J. Evans Darstellung hatte sich immerhin dem „europäischen Jahrhundert“ von 1815 bis 1914 gewidmet.

          Gleichwohl ist es legitim, immer auch nach den nationalen Pfaden zu fragen, weshalb David Cannadines britische Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts ungemein lesenswert ist. Allerdings ist die Geschichte Großbritanniens in diesem „Victorious Century“ als Geschichte des Empires zwangsläufig von globaler Dimension.

          Ein bunter Strauß

          Anders liegt der Fall bei Bleek. Zwar bemüht sich der Verfasser explizit um die Vielfalt seines Untersuchungsgegenstands. Aber durch die Fokussierung auf die Territorien, die später zum Deutschen Kaiserreich zählen sollten, fällt die imperiale Dimension des Habsburgerreichs von Beginn an unter den Tisch. Bleeks kleindeutsche „Vielfalt“ spiegelt sich daher eher in der thematischen Heterogenität der Sequenzen, aus denen sich das Buch zusammensetzt: Der Verfasser bietet keine durchgängige Erzählung, sondern präsentiert einen reizvollen, bunten Strauß von 23 „Miniaturen“. Mit ihnen greift der Autor Themen und Personen heraus, deren Summe die Bandbreite der damaligen Entwicklungen aufzeigen soll. Dabei schreitet Bleek zunächst im Jahresrhythmus voran: Auf den Wiener Kongress (1815) folgt ein Kapitel über die Einführung der Verfassung im Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach (1816). Darstellungen des Wartburgfestes (1817), die Gründung der Bonner Universität (1818) und das Attentat auf August von Kotzebue (1819) schließen sich an.

          Erkennbar sind allerdings gewisse thematische Clusterbildungen, die das Vorverständnis verraten, mit dem Bleek an seinen Gegenstand herangeht. So verbirgt sich im Großen und Ganzen hinter den vielen Miniaturen eine traditionelle Modernisierungsgeschichte, fügen sich die Erzählungen letztlich doch zu Mustern fortschreitender Industrialisierung, Urbanisierung, Rationalisierung und Nationalisierung. Damit greifen sie jene Fundamentalprozesse auf, die schon im Fokus der historischen Sozialwissenschaft Bielefelder Prägung gestanden haben – nur eben damals nicht so unterhaltsam erzählt.

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