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Wiktoria Lomasko: Verbotene Kunst : Justitia im Fetzenkleid

Bild: Verlag Matthes & Seitz

Wenn die Zeugen der Anklage sich ans Evangelium klammern: Eine Comic-Reportage aus Moskau.

          Die Moskauer Gerichtsfarce gegen die zeitgenössische Kunstszene ist jetzt auch als Comic-Reportage nachzulesen. Die preisgekrönte Zeichnerin Wiktoria Lomasko, die schon etliche Gerichtsprozesse gegen Regimeopfer dokumentierte, und der Journalist Anton Nikolajew, der zugleich in der Performance-Gruppe „Bombily“ (Bombenleger) aktiv ist, haben aus der Not des Fotoverbots eine Tugend und gemeinsam ein Bildertagebuch über das Strafverfahren gegen die Kuratoren der Schau „Verbotene Kunst 2006“, Andrej Jerofejew und Juri Samodurow, gemacht, das nun auf Deutsch vorliegt.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die 2007 im Moskauer Sacharow-Zentrum gezeigten Werke waren zuvor aus Ausstellungen wegzensiert worden, weil darin Konsumikonen zeitkritisch mit religiösen Symbolen kombiniert, aber etwa auch Sodomie mit Armeerekruten kolportiert wurde. Sicherheitshalber waren sie bei Jerofejew und Samodurow von Stellwänden verdeckt und nur durch ein Guckloch zu erspähen. Doch Aktivisten der Orthodoxen Kirche strengten einen Strafprozess an, den sie gewannen, wenngleich die angeklagten Kuratoren, sehr zum Verdruss der Frommen, nicht ins Gefängnis mussten.

          Priester gegen Künstler

          Lomaskos spröder Strich hält die abstruse Rechtslogik des Verfahrens auf Distanz, die von Künstlern mit theatralischen Aktionen kommentiert wurde. Etwa von Nikolajew selbst bei seinem Auftritt als Göttin Justitia mit Augenbinde und Plastikschwert, die sich in zerrissenem Kleid von einem „Bombily“-Kollegen mit Hakenkreuzarmbinde aus dem Gerichtsgebäude zerren und auspeitschen ließ. Oder durch jenen dritten „Bombenleger“, der absichtlich einen grässlichen Spirituosenmix geschluckt und es in den Zuschauerraum geschafft hatte, wo er, von Wiktoria als vermeintlicher Journalistin nach seiner Meinung zum Prozess gefragt, alles herauskotzte. In Bild und Wort verewigt sind aber ebenso die ängstlich-hasserfüllten Zeugen, die sich am Evangelium festhielten und während der Pausen ihre Aussagen mittels Spickzettels memorierten.

          Als Zeuge der Anklage tritt der ultrarechte Priester Pawel Burow auf, der ehrlich bedauert, keine Pogrome anzetteln zu dürfen, gefolgt von seinen in die Jahre gekommenen weiblichen Gemeindeschafen, die brav behaupten, übers Radio von der Ausstellung erfahren und sie besucht zu haben, wobei sie Werke und Autoren durcheinanderbringen, dafür aber die Angeklagten beschimpfen. Als Zeugen der Verteidigung kommen freilich auch Künstler zu Wort. Wjatscheslaw Misin von den „Blauen Nasen“ erzählt, wie er selbst Kirchen ausmalte, Dmitri Gutow erklärt, die inkriminierten Kunstwerke wollten in Wahrheit das orthodoxe Christentum vor Vereinnahmung schützen. Die armen Mütterchen sind verwirrt, in der Verhandlungspause werden sie gecoacht. Fortan schirmen sie sich gegen die bösen Geister der Aufklärung ab, indem sie unaufhörlich beten.

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