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: Wie wurde man Parteigenosse?

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Über seltsame Erinnerungsbilder haben wir in den letzten Wochen staunen dürfen. Berühmten Professoren will entfallen sein, daß sie einmal Mitglieder der NSDAP waren. Nun gibt es gewiß geborene Gelehrte, für die schon während des Studiums äußere Erfolge wie die Bewilligung eines Mitgliedsantrags bedeutungslos sind.

          Über seltsame Erinnerungsbilder haben wir in den letzten Wochen staunen dürfen. Berühmten Professoren will entfallen sein, daß sie einmal Mitglieder der NSDAP waren. Nun gibt es gewiß geborene Gelehrte, für die schon während des Studiums äußere Erfolge wie die Bewilligung eines Mitgliedsantrags bedeutungslos sind. Für sie sind andere Gesichtspunkte wichtig: Die Mühen der Erkenntnis absorbieren ihre Aufmerksamkeit. Der Nationalsozialismus setzte einen revolutionären Umbau der Gelehrtenwelt ins Werk, verpflichtete sie auf Kämpfertum - heute spräche man vom Praxisbezug. Gegen seinen Willen schuf das System freilich Überlebensbedingungen akademischer Weltfremdheit. Die Wissenschaft wurde einem Regiment sachfremder Gesichtspunkte unterworfen, das die Lebenswelt des Wissenschaftlers noch undurchsichtiger machte. Teilweise war diese Intransparenz des Systems beabsichtigt, gehörte sie zur Herrschaftstechnik. So sollte lange Zeit, in scheinbarem Widerspruch zur Ideologie der Volksgemeinschaft, keineswegs jeder Deutsche Nationalsozialist mit Parteiabzeichen werden. Selbst dem kauzigsten Grübler mag man es da nicht so recht glauben, daß er nicht mehr weiß, wie er Parteigenosse geworden ist. Der zerstreute Professor, der bei der ersten Autofahrt eine Karambolage verursacht und sich nie wieder hinters Steuer setzt: Wird er vergessen, daß er die Führerscheinprüfung bestanden hatte?

          Wie konnte ein humanistisch gebildeter junger Mensch Mitglied der NSDAP werden? Heute beschreibt diese Frage ein moralisches Rätsel, dessen Emphase allerdings nur aus einer spezifisch deutschen humanistischen Tradition verständlich wird, aus einer Überschätzung des Geistes, die schon bei Humboldt einhergeht mit der Kritik der Erbsündenlehre, der Verkennung der Möglichkeit des Bösen. Versetzt man sich in die Zeit zurück, so kann man die Frage ganz unpathetisch beantworten: Es war gar nicht so einfach. Wie man Mitglied der Staatspartei wurde, wie man dem Willen, Gefolgschaft zu demonstrieren, Erfolg verschaffen konnte, das war Herrschaftswissen. Denn vom gesellschaftlichen Engagement, um wieder eine heutige Wendung zu benutzen, über das in Personalakten Buch geführt wurde, hingen auch im Universitätsbetrieb die Karrierechancen ab.

          Wie es dem Avantgardebewußtsein der Partei entsprach, begriff Hitlers Bürokratie die Hochschullehrerauswahl als Elitenauslese, deren Funktionsweise ein Vergleich veranschaulichen mag. Die Lehrkräfte hatten sich einem Regime von Erwartungen zu fügen, wie es die Kandidaten von Begabtenförderungswerken wie der Studienstiftung des deutschen Volkes kennen. Die Kultivierung wissenschaftlicher Talente geht nicht ohne Einseitigkeit der Lebensführung ab. Politisch erwünscht ist aber politische Aktivität; der Jungforscher soll nicht nur Forscher sein. Daher das Phänomen des Masseneintritts von Einser-Abiturienten bei Amnesty oder Greenpeace. In ähnlicher Weise mußten unter Hitler auch Privatdozenten und sogar Professoren ihre Lebensläufe komplettieren. Während bei Hochschullehrern, die 1933 in Amt und Würden waren, gemeinhin der Karteieintrag in einer Seitenorganisation der Partei genügte, im Kraftfahrer- oder Lehrerbund, wurde in der jüngeren Generation die Parteimitgliedschaft zur Berufungsvoraussetzung.

          Daß ein beitrittswilliger Nachwuchsgelehrter sich mit der Bitte um Auskunft über die Modalitäten an einen Mönch wandte, muß als Kuriosum gelten - und ist doch ein symbolisches Bild für eine Fremdheit zwischen Wissenschaft und Nationalsozialismus, die festzustellen keine Entlastung bedeutet, da in ihr nichts anderes zum Vorschein kommt als das für alle Welt Befremdliche der gelehrten Lebensform. Im Zweifelsfall wußte selbst ein Benediktiner, der in seinem Gelübde der Welt entsagt hatte, mehr von ihr als ein auf Adolf Hitler vereidigter Universitätslehrer. Daß wir dieses reine Exempel der Zeitfremdheit eines reinen Wissenschaftlers studieren können, verdanken wir Michael Feldkamp, der 216 Briefe des Historikers Leo Just ediert hat.

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