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: Wie Willibald das sagt

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Jede Generation begeht ihre eigenen Fehler. Das ist ihr gutes Recht. Es war schon einzigartig, wie in den Siebzigern die Vorsicht vor allen erzieherischen Maßnahmen anwuchs. Das Fernsehen entwickelte sich in den Wohnzimmern zu einem Lernmedium - "Die Sendung mit der Maus" für die Kleinen wurde hier groß.

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          Jede Generation begeht ihre eigenen Fehler. Das ist ihr gutes Recht. Es war schon einzigartig, wie in den Siebzigern die Vorsicht vor allen erzieherischen Maßnahmen anwuchs. Das Fernsehen entwickelte sich in den Wohnzimmern zu einem Lernmedium - "Die Sendung mit der Maus" für die Kleinen wurde hier groß. Das erwachende Erziehungsbewußtsein führte zu einer breiten, in vielen Fällen politisch völlig überfrachteten Diskussion. Eltern experimentierten eng nach Summerhill, waren zuerst feurig antiautoritär eingestellt und hielten die Haltung gegenüber den rebellierenden Kindern dann auf die Dauer doch nicht mehr durch. Sie taten sich zusammen und gründeten private Kinderläden, sprachen von emanzipatorischer, freier, repressionsarmer Erziehung und dachten dabei gerne an irgendeine ominöse sozialistische Erziehung. Auch das Kinderlied wurde politisiert, man denke nur Dieter Süverkrüps Lied vom Baggerführer Willibald: "Wie Willibald das sagt, so wird es auch gemacht: / Die Bauarbeiter legen los und bauen Häuser, schön und groß, / wo jeder gut drin wohnen kann, weil jeder sie bezahlen kann, / der Baggerführer Willibald baut eine neue Schwimmanstalt, /da spritzen sich die Kinder naß, das macht sogar den Baggern Spaß!"

          Muß das früher alles toll gewesen sein, denkt sich der späte junge Mensch und greift zum besseren Verständnis des Treibens zu Werner Faulstichs Buch. Hier findet der Leser erst einmal eine sich verästelnde Gesellschaft, die völlig verunsichert war durch die anhaltenden Autoritätskonflikte, durch die Aufrüstung und das kalte Klima der Weltpolitik. Individuell sah es auch nicht besser aus: Im Oktober 1970 starb Jimi Hendrix. Einen Monat später starb Janis Joplin. Kurz darauf starb dann auch noch Jim Morrison. Was konnten die Siebziger also nach einem solchen trübsinnig machenden Beginn noch für die Lebensbewältigung und Lebensfreude erwarten lassen?

          Zum Beispiel neue durchschlagende Ideen in der Werbeindustrie: Im Jahr 1973 zierte zum ersten Mal eine Trikotwerbung die Männerbrust der Braunschweiger Eintracht, die damals noch in der Bundesliga ihre Runden drehte. Heute dümpelt die Braunschweiger Eintracht in der Regionalliga Nord herum, obwohl sie doch ein neues Zeitalter der Sportwerbung eingeleitet hat. Der Präsident des Deutschen Sportbundes, Willi Weyer, wetterte damals: "Reklamezeichen auf Sportlerbrüsten sind Krisenzeichen einer veränderten inneren Einstellung und verraten die Prinzipien, unter denen wir einmal angetreten sind." Über den braunen Hosen der Eintracht prangte der Hubertushirsch mit seinem Strahlenkreuz im lichtdurchfluteten Geweih, prangte auf den orangen - ja, orangen - Hemden, die lange Ärmel hatten. Für den, der Augen hat, ganz sicher ist: Die Siebziger waren, man kann es schon hier an den Hemden und Hosen der Eintracht sehen, die Ära des eigenwilligen Geschmacks für Farben. Innerhalb eines Jahrzehnts mußten die erstaunt dreinblickenden Kinder mitansehen, wie ihre befreiten Eltern die Regale, die Sitzmöbel und die Heizkörper, manches Mal auch noch die Tapeten an den vier Wänden, überpinselten - zuerst mit Orange, dann mit Braun, dann mit Grün. Das half aber alles nichts gegen die graue Gegenwart der Ökonomie, die sich immer weniger mit einer runden, handlichen antikapitalistischen Theorie fassen ließ: Die Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik stieg von 0,6 Prozent im Jahr 1970 auf 3,4 Prozent im Jahr 1979, die Zahl der Betriebe mit unter zwanzig Beschäftigten sank von 52 000 im Jahr 1970 auf 6000 im Jahr 1980. Dagegen stieg die Zahl der Industrieroboter von 135 (1974) auf 1250 (1980).

          Unser gegenwärtiges Jahrzehnt scheint mit den siebziger Jahren eine auffallende Verwandtschaft zu haben - und das nicht nur, weil die Schlagzeilen ähnlich hier wie dort klingen: "hohe Arbeitslosigkeit", "zu hohe Kosten im Gesundheitswesen", "Terrorismus". Die Verwandtschaft betrifft Formen der Lebensbewältigung und der Lebensfreude. Denn wie heute stieg auch damals - und zwar zusammen mit den zunehmenden Kneipengründungen - das Bedürfnis nach Zerstreuung, nach Unterhaltung, nach populärer Kultur. Es wuchs der Hunger nach Stars, die gleichsam nebenan zu Hause waren. Die Plakatmotive einer Werbung für Likör machten aus über zweitausend Abgebildeten endlich für kurze Zeit, aber eben nur ein einziges Mal in ihrem Leben: Prominente. Durch die Wirkung des Likörs wurde ganz offensichtlich der trinkende Mitmensch zu einem auffallenden Individualisten.

          Bei der populären Kultur setzt Werner Faulstich mit seiner Dekadenbetrachtung an. Deutet die Aufsatzsammlung ansonsten auf eine editorische Ruhe hin und langweilt sie den Leser nicht selten, hängen sich die Beiträge nun an Aspekte des Wortes Kultur dran: Mit der Kultur geht es rasch von der Religion bis zum Sport, von der Gesetzgebung bis zur Werbung, von der Musik bis zur Literatur, von der Entwicklung der Medien bis zur Pädagogik. Faulstich praktizierte als Autor und Herausgeber diese Annäherungsweise auch schon für die Kultur der fünfziger und sechziger Jahre. Die einzelnen Perspektiven, wie Stricknadeln durch das Wollknäuel der Kulturgeschichte gesteckt, kreuzen sich. Und die Illusion induktiven Erkennens breitet sich warm im jungen Leser aus.

          GÖTZ LEINEWEBER

          Werner Faulstich (Hrsg.): "Die Kultur der 70er Jahre". Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Wilhelm Fink Verlag, München 2004. 274 S., s/w-Abb., geb., 39,90 [Euro].

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