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Urbane Fauna : Sing lauter, Vogel, oder stirb

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Leben im Bauschaum: Halsbandsittiche in Düsseldorf. Bild: dpa

Wenn es sonst nichts gibt, dann beißt die Mücke jetzt eben Pendler: Der Biologe Menno Schilthuizen beschreibt, wie Tierarten sich städtischen Lebensräumen anpassen.

          Biologen unterscheiden gerne zwischen ökologischer Zeit, in der sich beobachtbare Prozesse in Ökosystemen abspielen, und evolutionärer Zeit, die sich auf Vorgänge bezieht, die über viel längere Zeiträume hinweg ablaufen und nur durch Fossilien erschließbar sind oder als Variation im Erbgut dokumentiert werden können. Seit einigen Jahrzehnten wird jedoch deutlich, dass diese beiden Zeitskalen sich deutlich überlappen können. Biologen haben in der freien Natur und im Labor eine Vielzahl von Beispielen schneller Evolution beschrieben, bei denen adaptive Änderungen der Morphologie und des Verhaltens stattfinden.

          Inzwischen gilt die Fähigkeit von Pflanzen und Tieren, sich schnell an veränderte Bedingungen anzupassen, als die Regel und nicht mehr als Ausnahme. Einige dieser Adaptionen betreffen Räuber-Beute-Beziehungen, doch ist zweifellos der Mensch der Hauptverantwortliche für die Mehrheit der Fälle schnellen evolutionären Wandels: Verschmutzung, Nährstoffanreicherungen, kommerzieller Fischfang, Fragmentierung von Lebensräumen, der Einsatz von Antibiotika, die Verbreitung invasiver Arten oder Insektizide und Herbizide sind einige seiner wichtigsten anthropogenen Ursachen.

          Die Mücke lebt gut von Pendlerblut

          Die menschliche Einflussnahme beschränkt sich jedoch nicht auf solche einzelnen Faktoren. Mindestens ebenso wichtig sind Veränderungen auf der Ebene von Ökosystemen oder sogar die Schaffung gänzlich neuer Lebensräume. Und kein neuer Lebensraum ist typischer für den modernen Menschen als die Stadt.

          Der niederländische Biologe Menno Schilthuizen beschreibt in seinem Buch die Bedingungen, die Städte zu den modernen „hotspots“ der Evolution werden lassen und oft überraschende Ergebnisse einer urbanen Evolution hervorbringen. Stadtvögel singen lauter und in einer höheren Tonlage als ihre ländlichen Artgenossen, so dass ihr Gesang vor dem Hintergrund des unablässigen Lärms hörbar bleibt. Die Stechmücke Culex molestus hat sich dem Leben in der Londoner U-Bahn angepasst: Die überirdisch lebenden Mücken dieser Art ernähren sich vom Blut von Vögeln, paaren sich in großen Schwärmen und überwintern, während sich die unterirdisch lebenden Mücken vom Blut der Pendler ernähren, sich in Begegnungen von Einzeltieren paaren und über das gesamte Jahr aktiv sind.

          Mittlerweile ein häufig gesehener Gast in den Städten: Fuchs am Mehringdamm in Berlin.

          Im südfranzösischen Albi haben Welse, die vor 35 Jahren im Fluss Tarn von Sportanglern ausgesetzt wurden, gelernt, Tauben, welche sich zum Trinken und Putzen am Fluss einfinden, vom Ufer wegzuschnappen und zu vertilgen. Ein solches Verhalten wurde bei Welsen noch nie beobachtet. Menschen brachten Tauben und Welse in ihre Städte und schufen damit eine ökologische Gelegenheit, die nie zuvor existierte und welche die Welse von Albi nun ausnutzen.

          Schilthuizens Beispiele aus aller Welt zeigen auch, dass es nur eine relativ kleine Gruppe von Tieren, Pflanzen, Pilzen, Einzellern und Viren ist (wobei es natürlich Unterschiede zwischen tropischen und gemäßigten Breiten gibt), welche die Möglichkeiten des städtischen Lebens zu nutzen wissen. Die Urbanisierung der Welt bringt zunächst eine Homogenisierung der Bewohner dieses Lebensraumes mit sich, die über längere Zeiträume jedoch wieder einer Diversifizierung unterworfen wird.

          Menno Schilthuizen: „Darwin in der Stadt“. Die rasante Evolution der Tiere im Großstadtdschungel. Aus dem Englischen von Kurt Neff und Cornelia Stoll. dtv, München 2019. 368 S., geb., 22,–

          Aber ist es in jedem dieser Fälle auch tatsächlich Evolution, die im Verlauf dieser Diversifizierung stattfindet? Schilthuizen widmet ein kurzes Kapitel dieser Frage, doch seine Antwort bleibt unvollständig. Dass ein Organismus bestimmte Merkmale in seiner „natürlichen“ Umwelt und abgeänderte Merkmale in einer städtischen Umwelt hat, bedeutet nicht zwangsläufig, dass Evolution auf genetischer Ebene stattgefunden hat. Gestalt, Physiologie und Verhalten von Organismen sind plastisch, jeder Genotyp eines Organismus hat eine sogenannte Reaktionsnorm. Zwei Bäume mit identischer genetischer Ausstattung zeigen völlig unterschiedliche Wuchsformen, je nachdem, ob sie auf Meereshöhe oder im Gebirge aufwachsen. Die meisten Studien zur schnellen, von Menschen beeinflussten Evolution sind nicht in der Lage, genetische von plastischen Reaktionen zu unterscheiden; und oft steht diese Frage nicht im Vordergrund, da es vorrangig um die Folgen solchen Wandels für ökologische Wechselwirkungen geht. Es gilt auch zu beachten, dass schnelle plastische Reaktionen langsameren genetischen Wandel vorwegnehmen können. Wenn die durch eine plastische Reaktion hervorgerufene Änderung in Gestalt oder Verhalten vorteilhaft ist, kann sich später eine genetische Änderung durchsetzen, die solche Änderungen hervorruft (der sogenannte Baldwin-Effekt). Die Beweise für schnelle genetische Anpassung sind gegenwärtig wohl etwas weniger überzeugend, als der Autor glauben lässt, aber dies beeinträchtigt das Lesevergnügen in keiner Weise.

          Schilthuizens Ziel ist es, dem Leser die Augen zu öffnen für die faszinierenden Prozesse, die in städtischen Umwelten ablaufen, und das gelingt ihm überzeugend. So lassen sich Tauben oder Lichter umschwirrende Insekten und schwermetalltolerante Pflanzen als Etappen auf dem Weg zur Etablierung eines neuen städtischen Ökosystems mit spezifisch angepassten Bewohnern ansehen.

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