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: Wie stehen Zwerg und Schwein zum Plattenbau?

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Um die Welten der Ulrike Ottinger zu betreten, geht der Besucher durch einen Rahmen, der zur Kulisse von "Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse" gehört, ihrem Film aus dem Jahr 1984. Inspiriert von Gustave Moreau, symbolistischer Maler des Fin de Siècle, plazierte sie ihn während der Dreharbeiten in der kargen Landschaft von Fuerteventura und postierte drei Schicksalsgöttinnen in ihm.

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          Um die Welten der Ulrike Ottinger zu betreten, geht der Besucher durch einen Rahmen, der zur Kulisse von "Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse" gehört, ihrem Film aus dem Jahr 1984. Inspiriert von Gustave Moreau, symbolistischer Maler des Fin de Siècle, plazierte sie ihn während der Dreharbeiten in der kargen Landschaft von Fuerteventura und postierte drei Schicksalsgöttinnen in ihm. Und so versinnbildlicht schon der Eingang in die Ausstellung eine der charakteristischen Positionen Ottingers: ihr spielerisches Verhältnis zur Realität, gespeist von der Frage, wie sich Landschaft und Industrie durch Inszenierung verändern. Als betrete man die Kabine eines startenden Flugzeugs und verließe den gewohnten Grund, ist mit dem Schritt durch die Kulisse Ottingers Kosmos betreten, der "Realität" und "Fiktion" verschwimmen lässt: etwa wenn sie fotografisch eine Zwergwüchsige vor den Toren des Berliner Olympiastadions inszeniert, wo bei den Olympischen Spielen 1936 ein gegenteiliges, menschenfeindliches Körperbild propagiert wurde.

          Ottinger, vor ihrer Karriere als Filmemacherin und Regisseurin im Paris der sechziger Jahre als Bildende Künstlerin, später am Bodensee als Galeristin tätig, nutzt die Fotografie seit ihrer Pubertät im Kontext von Malerei und Film nicht bloß als Ergänzung, sondern als eigenständige Form; was ihr die Teilnahme an der Documenta X und XI und Ausstellungen weltweit eintrug; schon in Paris arrangierte sie Gruppenfotos, deren Motive sie dann auf die Leinwand brachte; und auch die im Kontext ihrer Filme entstandenen Fotografien sind nicht einfach "film stills", bloße Momentaufnahmen bewegter Bilder. Sie führen ein Doppelleben als neue Inszenierungen. Lange bevor "location scouts" zu unvermeintlichen Akteuren am Set wurden, entdeckte Ottinger die abgehalfterten, kargen Winkel und bröckelnde Industriearchitektur ihrer neuen Heimat Berlin und nutzte die bei dieser umtriebigen Suche entdeckten Orte oft erst Jahre später für Filmarbeiten. Etwa ein West-Berliner Plattenbauviertel, vor dessen gespenstisch toter Kulisse sie einerseits für "Bildnis einer Trinkerin" (1979) filmte, wo jedoch auch die Fotografie "Zirkus in Gropiusstadt" entstand, mit einem Travestiten auf dem Drahtseil, beobachtet von Zwerg und Schwein. Mit welcher Akribie Ottinger ihre Spiel- und Dokumentarfilme vorbereitet hat, belegen die vor Material berstenden Drehbücher, die Folianten ähneln. Sie versammeln auf großformatigem, vergilbtem Papier ihre Inspirationsquellen: Skizzen, Comics, Zeitungsausschnitte, eigene und historische Fotografien. Statt den Filmtext in den Vordergrund zu drängen, ist er lediglich gleichberechtigtes Bruchstück. So haben die ausgestellten Drehbücher, darunter auch zu nicht realisierten Filmen wie "Diamond Dance" und "Die Blutgräfin", den Rang von Fantasiestützen. Wie auch die "Bildpartitur", 114 zu einem Panoptikum arrangierte Fotografien aus dem Kontext von "Freak Orlando" (1981), die exotisierende Kolonialbilder neben Kriegs-, Architektur- und Kunstfotografie stellen.

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