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: Wie natürlich ist das Natürliche?

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Zu den Lieblingsträumen der Aufklärer gehörte der Glaube an die menschliche perfectibilité. Der alte Mensch war etwas, das überwunden werden sollte, der Mensch der Zukunft sollte das Produkt bewusster Selbstgestaltung sein. Im Verlauf der Aufklärung durchlief dieser Gedanke einen doppelten Radikalisierungsprozess.

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          Zu den Lieblingsträumen der Aufklärer gehörte der Glaube an die menschliche perfectibilité. Der alte Mensch war etwas, das überwunden werden sollte, der Mensch der Zukunft sollte das Produkt bewusster Selbstgestaltung sein. Im Verlauf der Aufklärung durchlief dieser Gedanke einen doppelten Radikalisierungsprozess. Zum einen wandelte sich die Selbstvervollkommnung von einem Recht zu einer Pflicht des Menschen, und zum anderen umfasste sie nun neben der intellektuellen und moralischen Existenz des Menschen auch dessen physisches Substrat.

          Während die älteren Aufklärer sich noch mit der verbessernden Wirkung von Bildung und Erziehung begnügten, propagierte John Stuart Mill die Idee einer bewussten Gestaltung der menschlichen Fortpflanzung in Form einer gezielten Geburtenkontrolle. In den Worten des Düsseldorfer Philosophen Dieter Birnbacher sind für diesen aufklärerischen Traditionsstrang "die Gegebenheiten der Naturseite des Menschen - wie die Gegebenheiten der äußeren Natur - primär ein challenge, eine Herausforderung". Das Vorbild dieser Betrachtungsweise stellte pikanterweise der Absolutismus dar, dessen Überwindung in politicis die Aufklärer auf ihre Fahnen geschrieben hatten.

          Wer klonend sich bemüht

          So wie dort die gleichförmig gemachten Untertanen lediglich als Material der souveränen Zwecksetzungen des Herrschers fungierten, so war die Natur, auch die Natur des Menschen selbst, "dafür da, mithilfe menschlicher Ingenuität und Energie kultiviert, überboten und nach eigenen, autonom gesetzten Zielen gestaltet zu werden". Zu dieser Ingenieurwissenschaft vom Menschen bekennt sich auch Dieter Birnbacher.

          Der "säkulare Humanist", als der Birnbacher sich versteht, werde "jeden Versuch willkommen heißen, die Bedingtheiten und Abhängigkeiten des Menschen von der äußeren, aber auch von seiner inneren Natur abzumildern und seine Autonomie zu stärken - nicht nur durch Bildung und Erziehung, sondern auch durch die Weiterentwicklung von Technik und Medizin". Im "alltagsmoralischen Denken" sei zwar bis heute die Überzeugung verbreitet, dem Unterschied zwischen der Natürlichkeit und der Künstlichkeit eines Vorgangs komme ethische Relevanz dergestalt zu, dass in natürliche Geschehensabläufe nicht unbegrenzt eingegriffen werden dürfe.

          Wer so denkt, steht nach Birnbachers Urteil indessen noch im Bann "voraufklärerischer Traditionen", namentlich des Platonismus und des Christentums. Natürlichkeit sei zwar ein emotional ansprechendes Ideal. "Es in den Rang eines Allgemeingültigkeit beanspruchenden moralischen Prinzips zu erheben, erscheint jedoch ebenso verfehlt wie der Versuch, seine Befolgung nicht nur durch moralische, sondern auch durch strafrechtliche Normen zu erzwingen."

          Die Konsequenzen seiner Position erläutert Birnbacher zum einen anhand des Falls der Geschlechtswahl. Technisch ist heute eine weitgehend sichere Geschlechtswahl möglich, und zwar ohne dass ungeborenes Leben vernichtet werden muss. Dennoch ist hierzulande die Geschlechtswahl fast ausnahmslos verboten. Aber, so fragt Birnbacher, weshalb soll die naturgegebene Zufälligkeit der Geschlechterverteilung schützenswert sein, zumal doch die Störung der Naturordnung "für den Menschen das Natürlichste überhaupt" sei?

          Das Gleiche gilt Birnbacher zufolge für das reproduktive Klonen. Von einer Menschenwürdeverletzung, wie die herrschende Meinung sie annimmt, könne hier nicht die Rede sein. Ein Recht des Embryos auf natürliche Entstehung könne es bereits aus logischen Gründen nicht geben, da zum Zeitpunkt des Klonvorgangs noch kein Subjekt existiere, das Träger eines solchen Rechts sein könnte. Der Widerstand gegen das Klonen wurzele letztlich in einer diffusen gesellschaftlichen Angst vor dem Neuen, einem Unbehagen darüber, dass "eine prometheische Technologie eine weitere von der Natur gezogene Grenze überschreitet". Daraus könne ein aufgeklärter Zeitgenosse indessen nur die Lehre ziehen, "im Sinne eines Gefühlsschutzes Innovationen nicht zu übertreiben und die Anpassungsfähigkeit des Menschen nicht zu überfordern". Unbehagen sei hingegen "kein akzeptables Argument gegen die Innovation als solche".

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