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: Wie natürlich ist das Natürliche?

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Der Versuch Birnbachers, die Kritiker des biopolitischen Innovationsfurors als ein Häuflein Ewiggestriger hinzustellen, die, vom Tempo der Modernisierung überfordert, ihre Zuflucht in einem Natürlichkeits-Biedermeier suchen, zeugt von einer bemerkenswerten Verständnislosigkeit gegenüber deren eigentlichem Anliegen. Auch der Gegner von Geschlechtswahl und reproduktivem Klonen weiß selbstverständlich, dass die Tatsache der Natürlichkeit eines Vorgangs für sich genommen normativ bedeutungslos ist.

Birnbacher selbst nimmt seine Kontrahenten vor dem Vorwurf eines primitiven Sein-Sollens-Fehlschlusses in Schutz. Für den ethischen Naturalisten sei der Naturalismus in der Regel "keine logisch-semantische, sondern eine axiologische bzw. normative Position, der zufolge die Tatsache, dass ein Wesen oder ein Vorgang ,natürlich' ist, zu seinem Wert bzw. zu seiner Erhaltungswürdigkeit beiträgt - nicht aus Gründen der Logik oder Semantik, sondern aufgrund einer normativen Setzung". So kann, wie etwa Robert Spaemann gezeigt hat, von Menschenrechten überhaupt nur dann die Rede sein, wenn ihre Innehabung nicht erst von den Vernünftigkeitskriterien anderer Menschen abhängt, sondern sich bereits aus der schlichten Teilhabe ihres Trägers an der menschlichen Natur ergibt. Und so gehört es zu den Grundnormen gerade einer säkularen, auf die Kraft des besseren Arguments vertrauenden Gesellschaft, dass die gezielte Einflussnahme auf die Identität anderer Personen im Prinzip nur auf geistigem Weg erfolgen darf. Aus Respekt vor der Autonomie des Betroffenen soll diesem die Chance erhalten bleiben, sich kraft besserer eigener Einsicht von den Prägungen seiner Herkunftswelt zu emanzipieren.

Wo Entwürdigung beginnt

Mit diesem Autonomieverständnis, nicht einem treuherzig-romantischen Natürlichkeitspostulat, steht die Bestimmungsmacht in Konflikt, die der Befürworter von Geschlechtswahl und reproduktivem Klonen für sich reklamiert. Wie ist es möglich, dass einem im Übrigen so scharfsinnigen Autor wie Birnbacher die normative Relevanz des Natürlichen in derart eklatanter Weise entgeht?

Der Grund liegt darin, dass Birnbacher nicht über die philosophischen Kategorien verfügt, derer es bedarf, um die Idee personal verkörperter Würde angemessen zu erfassen. Der zuletzt von Spaemann erneuerte klassische Gedanke der Selbsttranszendenz des Seienden - die Einsicht, dass das Seiende einen Sinn hat, den es gerade in seinem Selbstsein darstellt und den es zu achten gilt - ist Birnbacher gänzlich fremd. Der säkulare Humanist aus Düsseldorf kennt nichts anderes als das unvermittelte Nebeneinander eines von seiner eigenen Naturbasis abgelösten, inhaltlich leer laufenden Willens zur Selbststeigerung auf der einen und einer bedeutungs- und rechtlosen Natur auf der anderen Seite.

In dieser Perspektive schnurren Würdeverletzungen auf Interessenbeeinträchtigungen zusammen, und der Gedanke, dass bestimmte Weisen der Erzeugung interessenfähiger Subjekte bereits als solche entwürdigend sein können, erscheint geradezu abwegig. Metaphysikfrei ist eine solche Sichtweise indessen keineswegs. Im Gegenteil: Sie entpuppt sich als eine besonders krude und unplausible Variante des alten cartesischen Dualismus von res cogitans und res extensa. Eine schlechte Metaphysik aber bringt schlechte Ergebnisse hervor. Anschauungsmaterial dafür liefert Birnbachers Buch.

MICHAEL PAWLIK

Dieter Birnbacher: "Natürlichkeit". Verlag Walter de Gruyter, Berlin, New York 2006. 205 S., br., 19,95 [Euro].

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