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: Wie MAN mobil wurde

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Mit Nörgeleien der Menschen haben neue Erfindungen stets zu kämpfen. Nicht besser erging es den ersten Lastwagen mit Dieselmotor, die der Hersteller MAN im Jahre 1925 an drei Brauereien auslieferte: an Hasen-Bräu in Augsburg (benannt nach einem Hasen, der sich in die Wirtsstube verirrt haben soll), ...

          Mit Nörgeleien der Menschen haben neue Erfindungen stets zu kämpfen. Nicht besser erging es den ersten Lastwagen mit Dieselmotor, die der Hersteller MAN im Jahre 1925 an drei Brauereien auslieferte: an Hasen-Bräu in Augsburg (benannt nach einem Hasen, der sich in die Wirtsstube verirrt haben soll), August Bremme in Wuppertal und eine offenbar keinen Aufwand scheuende Brauerei aus Havanna auf Kuba.

          Alle Bierkutscher lobten die Sparsamkeit der neuen Lastwagen. "Der Verbrauch liegt bei nur einem Drittel der Benzinmotoren." Auch über die Stabilität gab es, nach vielen Schwierigkeiten in der Entwicklung, kaum Klagen. Der zweite Wagen, der nach Wuppertal ging, hielt sogar bis 1954.

          Anlass zum Nörgeln aber gaben unerwünschte Nebenwirkungen des neuen Antriebs auf die transportierte Ware. Stammkunden behaupteten steif und fest: "Das Bier schmeckt nach Dieselöl."

          Irgendwie aber scheint das Problem gelöst worden zu sein: Auf jeden Fall machte die Erfindung Rudolf Diesels (1858-1913), deren Bedeutung MAN frühzeitig erkannt hatte, das Unternehmen weltberühmt. Weniger bekannt sind die Ursprünge des Konzerns, der zu den ältesten im Dax gehört. Diesen Wurzeln widmet sich ein neues Buch "Die MAN - eine deutsche Industriegeschichte". Anlass für sein Erscheinen ist das 250-Jahre-Jubiläum der Firma: Das Unternehmen gab es schon lange vor seinen Nutzfahrzeugen.

          Die Ursprünge des Konzerns liegen in der Schwerindustrie. Genauer in der St. Antony Hütte, einem Eisenwerk in der Gegend des heutigen Oberhausen. Sie wird auch "Wiege des Ruhrgebiets" genannt. Schon 1758, also zur Zeit Friedrichs des Großen, lässt dort der Münsteraner Domherr Franz Ferdinand von Wenge Eisenerz abbauen und zu Töpfen, Ambossen und Kanonenkugeln verarbeiten. Später schließt St. Antony sich mit den Nachbarhütten Gute Hoffnung und Neu Essen zusammen: Die Gutehoffnungshütte entsteht.

          Parallel beginnt in Süddeutschland der zweite Strang der Unternehmensgeschichte. Die 1840 gegründete Sandersche Maschinenfabrik wird nach einer Fusion in Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg umbenannt - abgekürzt M.A.N. 1921 übernimmt die Gutehoffnungshütte das Unternehmen; beide Stränge verbinden sich.

          Viele der Produkte der früheren Jahre sind irgendwann wieder verschwunden. Die Herstellung von Eismaschinen zum Bierkühlen hat das Unternehmen genauso wieder aufgegeben wie die von Dampfpflügen für Bauern. Und Anhänger für Reisebusse mit offener Aussichtsplattform landeten auf der langen Liste der Erfindungen, die sich nie wirklich durchgesetzt haben.

          Gewachsen ist der Konzern in den 250 Jahren seiner Geschichte immer dann besonders stark, wenn es Krieg gab. Auf Druck der Obersten Heeresleitung baut das Unternehmen schon im Ersten Weltkrieg Lastwagen mit Benzinmotor. Deren Qualität ist offenbar nicht schlecht: Jedenfalls sind schwärmerische Äußerungen von Soldaten aus Feldpostbriefen überliefert. "Keiner unserer Fahrer würde je ein anderes Fabrikat dem Ihren vorziehen", heißt es darin. Ein Lastwagen sei im Hochgebirge abgestürzt - "und ohne jede Reparatur tadellos weitergefahren".

          Geschütze, Munition, U-Boot-Motoren - die Liste der Rüstungsprodukte des Unternehmens in jener Zeit ist lang. Auch ein Zehntel des enormen Stacheldraht-Bedarfs der deutschen Armee wird von der Gutehoffnungshütte gedeckt.

          Zwischen 1914 und 1918 tauchen in den Werkshallen die ersten Frauen auf: aus Not, weil die Männer größtenteils eingezogen sind. Bis dahin waren weibliche Beschäftigte nur als Putzfrauen und Kantinenhilfen geduldet.

          Auch in der Zeit des Nationalsozialismus gehören Gutehoffnungshütte und MAN zu den größten Rüstungsproduzenten - und beschäftigen mehr als 31 000 Zwangsarbeiter. Konzernchef Paul Reusch hatte schon in der Weimarer Republik erkennen lassen, dass er von der Demokratie wenig hielt und der Ordnung der Kaiserzeit hinterhertrauerte. Gleichwohl ist dem Ruhr-Baron die sozialistische Seite der Nationalsozialisten zuwider. Auf eine Bitte der NSDAP um Spenden schreibt er 1921: "Wir haben keine Veranlassung, unsere eigenen Totengräber zu unterstützen." Später arrangiert er sich mit Hitler. Dem Regime bleibt Reusch gleichwohl suspekt - er wird aber zunächst mit Rücksicht auf die Rüstungsproduktion geschont. 1942 setzen die Nationalsozialisten ihn ab.

          Nach dem Krieg übernimmt sein Sohn Hermann den Wiederaufbau der Gutehoffnungshütte. Er schafft es, sogar in den biederen fünfziger Jahren durch eine gewisse Rückwärtsgewandtheit aufzufallen: Er legt den Termin der Hauptversammlung auf den 21. Januar - "Kaisers Geburtstag".

          Doch die Alliierten setzen dem Unternehmen im Ruhrgebiet enge Grenzen. Bergbau, Eisen- und Stahlproduktion dürfen nicht mehr in einer Hand bleiben. Gutehoffnungshütte und M.A.N. konzentrieren sich auf den Maschinen- und Anlagenbau. Zunächst gezwungenermaßen; langfristig profitiert das Unternehmen davon. Als Krupp und andere im Ruhrgebiet die Stahl- und Kohlekrise trifft, kommen die Oberhausener vergleichsweise glimpflich davon.

          Die Spätfolgen der zweiten Ölkrise jedoch bringen den Konzern Anfang der achtziger Jahre in Bedrängnis. Bei der Umstrukturierung 1986 werden die Punkte aus dem Namen M.A.N. gestrichen, der Sitz wird nach München verlegt, die Gutehoffungshütte verschwindet ganz. Auf dem Gelände in Oberhausen, auf dem sich einst ihre Werke befanden, steht heute das Einkaufszentrum Centro.

          "Die MAN - Eine deutsche Industriegeschichte" von Johannes Bähr, Ralf Banken und Thomas Flemming. Erscheint am 29. Juli im Verlag C. H. Beck. 38 Euro.

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