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: Wie legt man den Koran aus?

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Über kein anderes Buch ist in den vergangenen Jahren kontroverser diskutiert worden als über den Koran. Ohne Vorwissen ist er keine leichte Lektüre, sich ihm unbefangen zu nähern ist ebenfalls kaum möglich - das gilt für Nichtmuslime wie für Muslime. Spätestens seit dem 11. September ist er im Westen als gewalttätige Doktrin verschrien und als Quelle von Unterdrückung.

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          Über kein anderes Buch ist in den vergangenen Jahren kontroverser diskutiert worden als über den Koran. Ohne Vorwissen ist er keine leichte Lektüre, sich ihm unbefangen zu nähern ist ebenfalls kaum möglich - das gilt für Nichtmuslime wie für Muslime. Spätestens seit dem 11. September ist er im Westen als gewalttätige Doktrin verschrien und als Quelle von Unterdrückung. Jedes neue Attentat von Al Qaida macht Muslime zu Verbrechern und den Islam zum Hauptangeklagten; als Beweis für seine Zerstörungswut werden Koranverse zitiert, in deren kämpferischem Vokabular sich die tatsächlichen Taten widerzuspiegeln scheinen. Auf die Atmosphäre des Misstrauens reagieren Muslime mit einer instinktiven Verteidigungshaltung und versuchen, die Verurteilung ihrer Religion ihrerseits mit Koranzitaten zu widerlegen. In beiden Fällen werden die Belege nur selten kontextualisiert und verwandeln sich so in Schlagwörter, die in populistischer Weise Emotionen schüren. Unbewusst machen sich Nichtmuslime und Muslime damit die Rhetorik religiöser Fundamentalisten zu eigen. Sie bestätigen deren Logik und theologisieren ein gesellschaftspolitisches Problem.

          Einen anderen Weg beschreitet Nasr Hamid Abu Zaid, der als einer der wichtigsten zeitgenössischen Islamreformer gilt. Statt den Koran zu verteidigen, möchte er Anleitungen geben, den Koran zu verstehen. Für ihn ist der Koran ein historischer Text, geschrieben und zusammengefügt von Menschenhand, der auf eine gesellschaftlich motivierte Suche nach Lösungen bestimmter historischer und politischer Probleme antwortet und sich deshalb an bestimmte Adressaten wendet - ausdrücklich oder implizit. Die koranischen Aussagen, folgert er daraus, können deshalb nicht wörtlich auf unsere Zeit übertragen werden, sondern es bedarf ihrer historischen Einordnung, einer hermeneutischen Analyse, um sie zu verstehen. Für diese These wurde Abu Zaid in seiner Heimat Marokko wegen Apostasie angeklagt, von seiner Frau zwangsgeschieden und lebt seitdem im niederländischen Exil, wo er an der Universität Utrecht den Lehrstuhl für Humanistik und Islam innehat. Welche Dimensionen sich tatsächlich durch eine diskursanalytische Untersuchung des Korans eröffnen, verdeutlicht der Reformdenker auf eindrucksvolle Weise mit seinem neuen Buch "Mohammed und die Zeichen Gottes", das Hilal Sezgin zusammen mit ihm veröffentlicht hat.

          Die vierzehn Kapitel über die Entstehungsgeschichte des Korans, über historische Fragen und spirituelle Praxis und über Themen wie Geschlechterbeziehung, Gewalt und Fundamentalisten sind das Ergebnis einer Interviewreihe, die die Journalistin im Sommer 2007 mit Abu Zaid geführt hat. Der Islamwissenschaftler analysiert Suren, historische Zusammenhänge und Hadithe, die außerkoranischen Überlieferungen über Aussprüche und Handlungen des Propheten. Auf verblüffende Weise entkräftet er Vorurteile, die bei uns schon so oft gesagt und gehört worden sind, dass sie vielen inzwischen als wissenschaftlicher Konsens gelten.

          "Jede religiöse Figur ist vor ihrem jeweiligen historischen Hintergrund zu betrachten, vor den Notwendigkeiten ihrer Zeit; und sie ist auch nach den Notwendigkeiten jener Zeit zu beurteilen, nicht nach den heutigen", schreibt Abu Zaid und porträtiert Mohammed als einen geselligen, erfolgreichen Kaufmann, den neben tiefempfundener Religiosität vor allem soziales und politisches Geschick auszeichnete. Seine Verwicklung in kriegerische Konflikte, die von Kritikern als Beweis für den Eroberungsanspruch des Islam gewertet wird, ergab sich fast automatisch aus den politischen Bedingungen der Zeit. Im Arabien des siebten Jahrhunderts gab es kein Rechtssystem und keine Macht, die das Recht durchsetzte. Das Einzige, was zählte, waren Stämme, deren Gemeinschaft sich durch Blutsverwandtschaft legitimierte.

          Mit dem Islam begründete Mohammed dagegen eine Gesellschaft, deren Zusammenhalt auf gemeinsamen, höheren Werten basierte. Das Entstehen der neuen Glaubensgemeinschaft war von Anfeindungen und Konflikten begleitet, was die Aufrufe zum Kampf erklärt. Übersehen werde allerdings oft, meint Abu Zaid, dass dieser nur gegenüber denen erhoben werde, die der muslimischen Gemeinde gefährlich waren, nicht aber - wie von Fundamentalisten oft behauptet - gegen Andersgläubige als solche. "Weder Mohammeds eigene Gemeinde noch die frühen Kalifen haben diese Stelle so verstanden", schreibt Abu Zaid. Mit der Etablierung der Gemeinde wandelte sich die Botschaft des Korans von einer eschatologisch-spirituellen zu einer stärker sozio-politischen. Auch die Suche nach eigenen Rechtsnormen spiegelt sich im Koran wider, wobei nur sechzehn Prozent der 114 Suren sogenannte "juristische Verse" sind. Der Koran schuf neue Rechtsgrundsätze, schöpfte aber auch aus den damals üblichen Gewohnheitsrechten - viele Regelungen der Scharia sind somit keine Erfindung des Islam.

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