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: Wie kann man soviel wissen?

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Ein Riesenstoff, behandelt von einem einzigen Autor in einem Buch: die Grundlegung des modernen Europas. Michael Borgolte fragt, wie Christentum, Judentum und Islam den Aufstieg des Abendlandes beförderten. Um das Jahr 300 bestand das Römische Reich ebenso wie seine Vorländer aus lauter Polytheismen, die bei aller Buntscheckigkeit das gleiche kultische Grundmuster verrieten.

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          Ein Riesenstoff, behandelt von einem einzigen Autor in einem Buch: die Grundlegung des modernen Europas. Michael Borgolte fragt, wie Christentum, Judentum und Islam den Aufstieg des Abendlandes beförderten. Um das Jahr 300 bestand das Römische Reich ebenso wie seine Vorländer aus lauter Polytheismen, die bei aller Buntscheckigkeit das gleiche kultische Grundmuster verrieten. Untereinander waren sie verträglich. Im Mittelalter aber standen sich drei Monotheismen gegenüber, von denen jeder auf seine alleinige Rechtgläubigkeit pochte. Von diesem schroffen Wandel her - so verstehe ich Michael Borgoltes Buch - müssen wir das Mittelalter neu verstehen. Dem Verfasser geht es, gelegentlich von der Fülle der ausgebreiteten Fakten verdeckt, um einen bisher noch unerprobten Deutungsansatz.

          Wie läßt sich dieser ehrgeizige Versuch einordnen? Borgolte, der an der Berliner Humboldt-Universität Mittelalterliche Geschichte lehrt, den Lesern dieser Zeitung als Rezensent bekannt ist und sich in seinem Fach auch als rühriger Wissenschaftsorganisator betätigt, ist seit langem erpicht, das Mittelalter im gesamteuropäischen Rahmen zu überschauen. Daß ihn besonders die Kirchen- und Religionsgeschichte interessiert, zeigt sich darin, daß er ihr diesmal über die Hälfte seines neuen Buches widmet. Borgolte reiht sich ein in die imponierende Initiative des dynamischen Verlegers Wolf Jobst Siedler sen., Vergangenheit für einen breiteren Kreis von Gebildeten verstehbar zu machen. Drei Reihen haben nacheinander diesem Ziel gedient. Die erste behandelte die deutsche Geschichte seit 1750, die zweite lieferte die Rückverlängerung bis 1250 nach. Markenzeichen war durchweg, daß keine gelehrten Herausgeber, sondern der Verleger selbst verantwortlich zeichnet. Weiterhin, daß jeder Band einem einzigen Verfasser von Rang anvertraut wurde. Die dritte Reihe weitet das Konzept auf das Mittelalter und die Antike aus, wobei der zeitliche und räumliche Rahmen jedes Bandes viel breiter als in den ersten Reihen abgesteckt wird. In Borgoltes Band geht es um die Grundlegung des modernen Europas, wobei er die lange Strecke von 300 bis 1400 verfolgt, ohne die Wahl des Endpunktes zu begründen. Weniger als die früher erschienenen beiden Bände der Mittelalterreihe wird hier die Gesamtdarstellung eines Zeitraums angestrebt. Das eigentliche Ziel ist ein Schneisenschlag mit ganz bestimmter, origineller Ausrichtung.

          In diesen Dimensionen sind interessante Gegenüberstellungen möglich: etwa das scheiternde Großreich der Karolinger mit den lang andauernden, höchst wirksamen Versuchen des Papsttums, die westliche Kirche stärker als bisher zu integrieren und administrativ zu modernisieren. Die Ostkirche wird in ihrer Eigenart ernstgenommen, aber auch, wo es sinnvoll erscheint, mit der Westkirche verzahnt: etwa in ihrem Kampf gegen die dualistischen Häresien von Bogumilen und Katharern.

          Borgolte greift seinen Riesenstoff mit beachtlicher Kompetenz an. Manchmal fragte ich mich staunend, wie man soviel wissen kann wie er. Aber gelegentlich kam mir der Verdacht, daß er seine Leser - die Laien wie die Fachleute - überfordert. Die Umsetzung von Geschichte in Literatur ist immer ein Balanceakt zwischen einem Erzählen von Geschehenem und dem Versuch, die Fakten zu analysieren und in eine Ordnung zu bringen. Manchmal scheint mir Borgolte es mit dem Erzählen zu weit zu treiben. So verfolgt er für Mitteleuropa die Dynastien der Könige und Kaiser im einzelnen, ohne für Westeuropa eine ähnliche Ausführlichkeit anzustreben. Die mit den Sachsen beginnenden Bekehrungen in Europa müßten nicht jede für sich abgehandelt werden. Denn der langen Reihe läßt sich ein einfacheres Grundmuster ablesen.

          Was ist von Borgoltes Grundanlage zu halten? Die Konfrontation dreier Monotheismen ist erst im vergangenen Jahrhundert zu einem noch heute andauernden Kernproblem geworden. Aber diese Konfrontation wird, wohlgemerkt, im Vorderen Orient und nicht in Europa ausgetragen. Man muß vorsichtig sein, wenn man ein Stück Gegenwart in einen anderen Raum und in eine andere Zeit zurückprojiziert.

          Instruktiv und weiterführend erscheint, wenn Borgolte der jüdischen Diaspora mehr Aufmerksamkeit schenkt, als es bislang die Regel ist. Aber ich würde die jüdische Komponente nicht zu einem Faktor hochstilisieren, der den Gang der europäischen Geschichte entscheidend mitbestimmt hat. Die Grundkonstellation war vielmehr, daß sich ein christliches Abendland und ein islamisches Morgenland gegenüberstanden, das eben keinen Anteil an der Gestaltwerdung des nachantiken Europas hatte. Vereinfacht gesprochen: Nur südlich der Pyrenäen und dem normannisch-staufischen Sizilien standen sich die beiden religiösen Kulturen aufmerksam Auge in Auge gegenüber. Spanien konnte Américo Castro 1948 nachrühmen, hier hätten - bis zum jähen Abbruch von 1492 - drei Religionen zu einer großen europäischen Kultur beigetragen. Aber sonst haben wir es wohl mehr mit gegensätzlichen Welten zu tun: getrennt verfaßt, anders gesinnt und in der Grundtendenz feindlich.

          Die Kreuzzüge, die eine Ausgrenzung des Islams befestigten, haben das Zusammenwachsen Europas mehr geprägt als die fruchtbaren Berührungen, übrigens auch die zunehmende Ausgrenzung des orthodoxen Ostens von der wachsenden Gemeinsamkeit des katholischen Westens, auf die Borgolte durchaus eingeht.

          Für Borgolte ist wichtig, daß Christentum, Judentum und Islam aus ein und derselben monotheistischen Wurzel hervorgegangen sind. Aber entspricht auch dies der wechselseitigen Wahrnehmung im Mittelalter? Die Juden wie die Muslime sahen ja in den Christen gerade keine Monotheisten. Denn die Trinität erschien ihnen als verabscheuungswürdiger Verrat am abrahamitischen Erbe des Glaubens an einen einzigen Gott. Kurz: Das Schema von drei Komponenten europäischer Religionsgeschichte erscheint mir problematisch.

          In seiner Gliederung dünnt das Buch, je weiter es voranschreitet, aus. Die Religionen werden breit abgehandelt. Die politische Ordnung kommt schon kürzer weg, noch kürzer der letzte Themenbereich, den der Leser erst aus kryptischen Ober- und Untertiteln freilegen muß. Hier geht es um die höhere Bildung und die denkwürdige Frühgeschichte der abendländischen Universität.

          Die drei Felder, auf die sich Borgolte konzentriert, lassen wesentliche Bereiche unberücksichtigt. Das gilt besonders für die Wirtschaft, wo - das hat sich in der letzten Generation immer deutlicher gezeigt - wichtige Weichen auf dem Sonderweg unseres Kontinents gestellt wurden. Wer diesen in seiner Breite überschauen will, dem sei zur Ergänzung die glänzende Analyse empfohlen, die der Wiener Wirtschafts- und Sozialhistoriker Michael Mitterauer unter den provozierenden Titel "Warum Europa?" gestellt hat.

          Es spricht keineswegs gegen Borgolte, wenn man ihm sein Konzept nicht undiskutiert abnimmt. Denn es geht ja in der Historie heute weniger um das Anhäufen von immer neuen Einzelerkenntnissen, sondern um das Durchspielen von verschiedenen Deutungen, die gegeneinander abgewogen werden müssen. Man verstehe also meine Vorbehalte als Aufforderung zu einer Diskussion, deren Ausgang offen ist.

          GOTTFRIED SCHRAMM

          Michael Borgolte: "Christen, Juden, Muselmanen". Die Erben der Antike und der Aufstieg des Abendlandes 300 bis 1400 nach Christus. Siedler Verlag, München 2006. 608 S., geb., 74,- [Euro].

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