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: Wie kann man für den Nicht-Menschen sprechen?

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Wenn es nämlich richtig ist, daß der Zeuge für denjenigen spricht, der nicht sprechen kann, in-fans ist, dann gilt dies in höchstem Maß für jene, die nicht nur sprach-, sondern auch stimmlos sind: für die Ungeborenen. Sie sind es, die gegenwärtig die Hauptobjekte der Biopolitik darstellen, und alles, was für den Muselmann gilt, für seine sprachlose, unmenschliche Stellung, trifft auch ihre Lage. Es ist für dieses Buch der extremste Testfall, wenn man im Gedankenexperiment das Wort "Muselmann" durch "abgetriebener Fötus" ersetzt.

Etwa einhundertdreißigtausend Abtreibungen gibt es pro Jahr in der Bundesrepublik Deutschland: Die von Agamben ins Auge gefaßten Menschen, die zugleich Nicht-Menschen sind, treten hier und heute in großen Massen auf. Vielmehr: Sie sind so sehr Nicht-Objekt eines Blicks, wie es Agamben in der Interpretation der mythischen Gorgo-Figur für die Muselmänner behauptet. Die Foucault-Formel für sie ist noch nicht gefunden. Menschliches Leben steigern und Noch-nicht-Menschen vernichten?

Es ist gerade der philosophische Ansatz Agambens, der die Parallele über ein demagogisches und blasphemisches Spiel mit dem Unvergleichbaren erhebt, ja sachlich zwingend macht: Er selbst schlägt die Brücke zur Gegenwart, wenn er den Muselmann mit einem Koma-Patienten vergleicht. Und nicht nur hier drängt sich der Gedanke auf, daß Agamben die Assoziationen an die aktuelle Lage jedenfalls nicht ausschließt. In der Diskussion des physiologischen Werkes von Xavier Bichat, das vor zweihundert Jahren im menschlichen Leben eine vergetative "organische" und eine animalische Seite unterscheiden wollte, macht Agamben auf die Vervielfachung der Begriffe von Leben und Tod aufmerksam, die man bei Bichat findet: "Wie nämlich im Fötus das organische Leben vor dem animalen beginnt, so überlebt es im Altern und in der Agonie den Tod des animalen Lebens." Der Fötus und der Muselmann erweisen sich in dieser Perspektive als haargenaue Entsprechungen.

Man möchte wünschen, daß dieses Buch nicht das letzte in der Reihe jener bleibt, die Agamben der Biopolitik, dem "bloßen Leben" und dem Überleben gewidmet hat.

Giorgio Agamben: "Was von Auschwitz bleibt". Das Archiv und der Zeuge. (Homo sacer III). Aus dem Italienischen von Stefan Monhardt. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003. 159 S., br., 9,- [Euro].

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