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: Wie kann man für den Nicht-Menschen sprechen?

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Das Buch hat einen Schluß, der nach allem Gesagten überraschen muß und doch völlig stimmig ist. Der Muselmann selbst erhält das Wort. Aus dem 1983 veröffentlichten ersten Buch über den Muselmann, das unter dem Titel "An der Grenze zwischen Leben und Tod" veröffentlicht worden war, zitiert Agamben acht Berichte von solchen, die wider Erwarten und manchmal fast wie durch ein Wunder aus dem Stadium der Entmenschlichung wieder auftauchen konnten. Sie sind, Zeichen des echten Dokuments, alles andere als gleichförmig. Unter anderem erfährt man von der Abneigung der Muselmänner gegen die "besseren" Gefangenen.

Den Zusammenhang des Buchs, in dem der "Muselmann" Bedeutung gewinnt, der nicht-menschliche Mensch, stiftet der Begriff der Biopolitik. Agamben greift auf die Überlegungen Foucaults zur Transformation der Macht in der Moderne zurück. Die traditionelle, souveräne Macht, so Foucault, definierte sich durch ihr Recht über Leben und Tod. "Sterben machen und leben lassen" war ihre Formel. Die Bio-Macht kehrt diese Formel um in: "Leben machen und sterben lassen". Der Tod wird privatisiert, er verliert, so Agamben, den "Charakter eines öffentlichen Rituals, an dem nicht nur Individuen und Familien, sondern in gewissem Sinne das gesamte Kollektiv teilnahm, und wird zu etwas, das versteckt werden muß, zu einer Art privater Schande". Es gehört zu den vielen glücklichen Funden dieses Buchs, wenn Agamben das Sterben des Caudillo Francisco Franco an dem Schnittpunkt dieser beiden Machtlinien verortet: Franco, der letzte Kombattant der alten Souveränitätsidee, wurde in seinem langen Sterben das Objekt eines "Leben-Machens" der Biopolitik.

Dennoch möchte man hier ein Fragezeichen setzen. Und man könnte geradezu die umgekehrte These wagen und behaupten, daß für jegliche Politik seit jeher die Geburt das verdeckte und verdrängte Zentralthema war, das freilich in der Moderne durch Statistik und Demographie augenfälliger geworden ist. Auch könnte man sich eine eindringlichere Untersuchung des Verhältnisses von Demokratie und Demographie vorstellen, als sie Agamben hier in wenigen Zeilen eher andeutet als wirklich leistet.

"Der Mensch ist das sprechende Wesen, das Lebewesen, das Sprache hat, weil es vermag, Sprache nicht zu haben, weil es seine in-fantia vermag." Agamben spricht, übrigens mit einem ungemein scharfen Seitenhieb gegen die Kommunikationstheorie des Frankfurter Philosophen K. O. Apel, vom "infans", von dem Wesen, das noch keine Sprache haben kann, als dem eigentlichen und zugleich unmöglichen Subjekt des Zeugnisses. Dies ist nun der heikelste, vielleicht auch der interessanteste Punkt dieses Buchs. Einem Philosophen, der so aufmerksam für sprachliche Prägungen ist wie Agamben - und gerade hierin ist er Benjamin verwandt -, kann es nicht entgangen sein, daß das Kind, in-fans, also das sprachlose Wesen dem lateinischen Wortsinne nach, eine unheimliche Perspektive in die Gegenwart eröffnet.

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