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: Wie kann man für den Nicht-Menschen sprechen?

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An einer Stelle geht der Philosoph auf die "Leugner" ein, die das Zeugnis bestreiten, auf jene "Revisionisten" also, die die Existenz der Vernichtungspolitik insgesamt oder in einzelnen Abschnitten nicht wahrhaben oder in ihrem Ausmaß heruntersetzen wollen. Agamben glaubt nun, einen unbestreitbar sicheren Grund der Zeugenschaft gefunden zu haben: "Wenn der Überlebende nicht von der Gaskammer oder von Auschwitz Zeugnis ablegt, sondern für den Muselmann, wenn er allein von einer Unmöglichkeit zu sprechen her spricht, dann kann sein Zeugnis nicht geleugnet werden."

Nun will sich niemand gern mit den Leugnern beschäftigen. Ihr Anliegen ist meist mit querulatorischen Zügen behaftet, und ihr triumphierendes Nachmessen der Vernichtungskapazitäten von Krematorien hat etwas unmittelbar Abstoßendes. Aber die Leugner bilden nicht die einzige morsche Stelle in der Erinnerungspolitik. Agambens Rechtfertigung des Zeugnisses des Muselmanns weist darauf hin, daß sich mit der internationalen Ausweitung des Gedenkens neue Probleme gebildet haben. Es wird noch lange ein Rätsel bleiben, warum in einer so ehrenwerten, überall anerkannten Sache wie der Erinnerung an die Mordaktionen hier und da eben doch mit untergeschobenen oder aufbereiteten Dokumenten operiert wurde. Wie lange hat es gedauert, bis man die Öffentlichkeit darüber informierte, daß die Gaskammern von Auschwitz, die der Besucher heute sieht, Nachkriegsrekonstruktionen durch den polnischen Staat sind. Wie lange zeigte das amerikanische Wiesenthal-Zentrum das Foto einer Menschenmenge im Lager, bei dem, im Hintergrund, der Rauch des Krematoriums hineinretuschiert worden war.

Raul Hilberg, der bedeutendste Historiker der Vernichtungspolitik, und Ernst Nolte dürften in den meisten Fragen verschiedener Ansicht sein, aber sie kommen darin überein, daß man die Augenzeugenberichte des gefeierten Elie Wiesel nur mit äußerster kritischer Aufmerksamkeit lesen sollte. Hilbergs bislang letztes Buch, das großartige Alterswerk "Die Quellen des Holocaust", hat stillschweigend von manchen der berühmtesten, offenbar aber auch wenig zuverlässigen Zeugen wie Kurt Gerstein und Jan Karski Abschied genommen. So sind der Leugner und der Propagandist komplementäre Figuren unserer Zeit.

Keine Philosphie gibt es, die nicht irgendwann einmal auf die Suche nach ihrem kosmischen Gleichnis gehen würde: die kantische Rede vom moralischen Gesetz in mir und dem gestirnten Himmel über mir ist die heimliche Wunschformel jedes Denkers. Für Agamben, der nach einem Vergleich für die Paradoxien des Zeugnisses im Namen der Sprachlosen, der Sprache Beraubten sucht, sind es im expandierenden Universum die entferntesten Galaxien, die sich "mit Überlichtgeschwindigkeit von uns entfernen, so daß uns ihr Licht nicht erreichen kann und die Dunkelheit, die wir am Himmel sehen, nichts anderes ist als die Unsichtbarkeit dieses Lichts". Man ahnt, was gemeint ist, und das Gleichnis wäre schön, wenn es triftig wäre. Aber solche Galaxien gibt es nicht. So bleibt an manchen Stellen dieses Buchs, trotz des großen Ernstes der Darstellung, durchaus der Eindruck des Manierierten, des nachträglich Poetisierten, auch dort, wo die Bedeutung etwa des Begriffs der Melancholie für die Lager-Welt nicht wirklich einsichtig wird. Aber das sind einzelne Passagen in einem Buch, das zu den großen philosophischen Versuchen unserer Zeit gerechnet werden muß.

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