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: Wie kann man für den Nicht-Menschen sprechen?

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Anders stehe es mit dem Wort "Schoa", Katastrophe. Zwar: Auch dies sei euphemistisch getönt, indem es in seiner biblischen Verwendung nicht selten die Idee einer göttlichen Strafe einschließe. Aber historisch hält es Agamben für weniger belastet als den christlich kontextualisierten Begriff "Holocaust", der den Tod in den Gaskammern mit der Idee einer völligen Hingabe an heilige und höhere Ziele vermische: "Ich werde ihn deswegen niemals benutzen. Wer ihn weiterhin verwendet, beweist Unwissen oder Mangel an Sensibilität oder beides."

Agamben wurde 1942 geboren, in dem Moment also, da die Maschinerie der Vernichtung aufgebaut war. Er ist gegenwärtig der bedeutendste Philosoph in der Nachfolge Walter Benjamins, dessen Schriften er in Italien herausgegeben hat. Nicht daß er ihn immer zitieren würde: Nur manchmal bemerkt der Leser, daß - etwa in einer fragwürdigen These zum Ekel als der Vorstellung, von dem Verabscheuten als Gleicher erkannt zu werden - ein Gedanke Benjamins zum Dogma erhoben wird. Aber benjaminianisch ist Agamben in einem wesentlicheren Sinne: Er nimmt einen Text als philosophisches Problem, und die Texte des höchsten Ranges sind zugleich die an philosophischen Problemen reichsten. In ihnen hat jedes Wort einen Bedeutungshof, der nach der philosophischen Deutung verlangt, ja geradezu nach einer Versammlung aller nur denkbaren philosophischen Echos, die er aufruft. So findet man in diesem Buch Heidegger - der 1949 von der "Fabrikation von Leichen" in den Lagern sprach - und Hannah Arendt, Michel Foucault und Theodor W. Adorno, Spinoza und Keats, den Sprachwissenschaftler Benveniste und den Dichter Pessoa als Gewährsleute für die Beantwortung einer und nur einer Frage, die sich allerdings in einen weiten Bedeutungshorizont auffächert: Wie kann man für jemanden sprechen, dem die Sprache genommen ist - für den Muselmann?

Schon bei Benjamin gab es die Aufmerksamkeit für das Problem des "Lebens", des "bloßen Lebens" und des "Überlebens". Und wie Benjamin die klassischen Texte kommentierte, so ist dieses Buch eigentlich nichts anderes als ein Kommentar zum Werk oder fast nur zu einzelnen Passagen von Primo Levi. Aber kein philologischer Kommentar - auch wenn Agamben immer mit einzelnen Wörtern und Begriffen beginnt, mit der Scham, dem Archiv, der biologischen Funktion -, sondern ein philosophisch, vor allem sprachtheoretisch verbindlicher Kommentar.

Primo Levi hatte den Muselmann mit der mythischen Gorgo verglichen, die den versteinert, der sie erblickt. "Unerträglich für menschliche Augen" sei der Anblick des Ausgehungerten, schreibt Agamben. Und dies sei der Grund, warum der Muselmann in den historischen Untersuchungen über die Vernichtung lange Zeit kaum erwähnt worden sei. Was bezeugt der Zeuge? Und wer autorisiert ihn? Einer, der selbst nicht Zeugnis ablegen kann, der über keine Sprache mehr verfügt - der Muselmann. Ein Abstand ist aufgerissen, und die ganze Anstrengung Agambens besteht darin, diesen Abstand offenzuhalten und möglichst genau zu beschreiben. "Normalerweise legt der Zeuge im Namen von Wahrheit und Gerechtigkeit Zeugnis ab, und aus ihnen erwächst seinem Wort Dichte und Fülle. Doch hier beruht die Gültigkeit des Zeugnisses wesentlich auf dem, was ihm fehlt; in seinem Zentrum enthält es etwas, von dem nicht Zeugnis abgelegt werden kann, ein Unbezeugbares, das die Überlebenden ihrer Autorität beraubt." Es ist ein Abstand zwischen dem Menschen und dem Nicht-Menschen, Nicht-mehr-Menschen. Zwischen der Sprache und der Sprachlosigkeit. Erst hier erhält das Wort "Untermensch" einen Sinn. Agamben behauptet, daß der "Untermensch uns sehr viel mehr interessieren muß als der Übermensch".

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