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Emotionen und Gerechtigkeit : Der dunkle Grund des Rechts

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In welchem Verhältnis stehen Gerechtigkeit und Emotionalität? Bild: dpa

Sandra Schnädelbach analysiert Debatten um juristische Emotionalität im Kaiserreich und der Weimarer Republik. Die Thesen sind empirisch schwer prüfbar, aber für jeden Juristen lesenswert.

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          „Allen Menschen sind die Gesetze ins Herz geschrieben.“ Der Satz aus dem Römerbrief (2,15) stellt eine bildhafte und anschauliche Verbindung zwischen Recht, Gerechtigkeit und Emotionalität her. Das Spannungsverhältnis zwischen diesen Elementen ahnen jedoch sowohl juristische Laien als auch Rechtsexperten. Noch jede Epoche hat darüber gestritten, wie Recht und Gefühl zusammengehen sollen. Die fabelhafte Studie der Historikerin Sandra Schnädelbach analysiert einschlägige Diskussionen in den fünf Jahrzehnten zwischen Deutschem Kaiserreich und Weimarer Republik und fördert mit reichem Material glänzende Beobachtungen zutage.

          Obwohl Diskussionen um Gerechtigkeit und Emotionalität viel älter sind, tritt erst um 1800 das zusammengesetzte Hauptwort „Rechtsgefühl“ erstmalig auf. Wenige Jahre später verfasst Heinrich von Kleist seine Novelle, in der die titelgebende Figur Michael Kohlhaas seinem „Rechtgefühl“ (!) folgend ins Unrecht kippt. Neue Nahrung erfahren die Diskussionen um das Rechtsgefühl durch die sogenannte Historische Schule, die den Ursprung des Rechts im „Volksgeist“ ausmacht. Der Jurist Georg Friedrich Puchta ist 1828 überzeugt von der emotional-moralischen Fundierung des Rechts und behauptete in historischer Perspektive: „Ursprünglich ist das Recht ein mehr oder weniger dunkles Gefühl.“

          Schnädelbach setzt wenige Jahrzehnte später an und ist sich der gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts gewandelten Rahmenbedingungen des Diskurses über das Rechtsgefühl bewusst: Recht will eine Wissenschaft sein, aber die bewunderten Leitdisziplinen kommen nun aus den Naturwissenschaften. Das Recht soll in Kodifikationen exakt und vollständig niedergeschrieben sein, und zugleich soll es höheren Gerechtigkeitsanforderungen entsprechen. Die Richter sollen sich ihres an Universitäten geschulten Verstandes bedienen, aber keine Justizautomaten sein. Nimmt man noch die außerrechtlichen Bruchlinien zwischen Kaiserreich und dem Ende der Weimarer Republik hinzu, ahnt man, wie komplex das Bild wird.

          Empirisch schwer prüfbar

          Man muss Schnädelbach vermutlich Glauben schenken, wenn sie behauptet, dass der Diskurs über Gefühle unter den Juristen in diesen Jahrzehnten Hochkonjunktur besaß, auch wenn solche vergleichenden Aussagen empirisch schwer nachprüfbar sind. Noch genauer und vergleichend zu untersuchen wäre auch ihre pauschalierende Annahme einer juristischen Rationalität in „westlichen Rechtskulturen“, die in der Rechtspraxis keine Emotionen erlaube. Legen nicht die Juristenporträts etwa von Honoré Daumier, die zwischen Realismus und Karikatur oszillieren, auch für das neunzehnte Jahrhundert anderes nahe?

          Sandra Schnädelbach: „Entscheidende Gefühle“. Rechtsgefühl und juristische Emotionalität vom Kaiserreich bis in die Weimarer Republik. Wallstein Verlag, Göttingen 2020. 411 S., geb., 34,– €.
          Sandra Schnädelbach: „Entscheidende Gefühle“. Rechtsgefühl und juristische Emotionalität vom Kaiserreich bis in die Weimarer Republik. Wallstein Verlag, Göttingen 2020. 411 S., geb., 34,– €. : Bild: Wallstein Verlag

          Schnädelbachs zeitlicher Ausgangspunkt ist die Tübinger Rektoratsrede des Philosophen und Theologen Gustav Rümelin, der sich 1871 mit dem Rechtsgefühl befasst. Er wird einer der wenigen Nichtjuristen bleiben, die noch Anschluss in juristischen Diskussionen finden. Denn parallel dazu vollzieht sich innerhalb der Rechtswissenschaft eine Säkularisierung und Enttheologisierung. Offene Rekurse auf (christliches) Naturrecht werden seltener. Ein Kuriosum ist es, dass ausgerechnet Gustav Rümelins Sohn Max 1925 erneut und wieder in Tübingen über das Rechtsgefühl räsoniert – und zwar als Jurist.

          Schnädelbach führt zunächst umsichtig in die theoretischen Debatten des letzten Viertels des neunzehnten Jahrhunderts ein. Sie sind geprägt vom Aufstieg und der praktischen Relevanz der Naturwissenschaften und vor allem der Psychologie. Mancher der Juristen, insbesondere Rudolf von Jhering, vollziehen sogar innerhalb ihres eigenen Werks eine Wende hin zu Biologie und Empirie. Rechtspraktische Fragen verbinden sich hier mit rechtsphilosophischen Überlegungen. Das Recht wird aus religiösen und metaphysischen Begründungszusammenhängen herausgelöst, die noch eine Generation zuvor dominant waren. Jhering behauptet 1877: „Nicht das Rechtsgefühl hat das Recht erzeugt, sondern das Recht das Rechtsgefühl.“

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