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Auktionshaus Hôtel Drouot : Zum Ersten, zum Zweiten und – zum Dritten!

  • -Aktualisiert am

Honoré Daumiers „Am Tag der Auktion“ aus einer Bilderserie über das Hotel Drouot Bild: Picture-Alliance

Über einen Ort, der auf Rundgängen durch Paris nicht fehlen sollte: Lukas Fuchsgruber erforscht in seinem neuen Buch die Geschichte des Auktionshauses Hôtel Drouot.

          3 Min.

          Während die künstlerische Bildungsreise, die Grand Tour, noch bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein vornehmlich an die antiken Stätten Italiens führte, entwickelte sich Paris zu einem Zentrum des westlichen Kunstmarktes. Neben einflussreichen Akademien, Kunstsalons und Händlern auf der einen Seite und finanzkräftigen Auftraggebern, passionierten Sammlern und musealen Institutionen auf der anderen, die zusammen das Entstehen, dann das Zirkulieren von Kunst begünstigten, kam Auktionen dabei immer größere Bedeutung zu. In Frankreich hatte allein der Huissier, der Gerichtsvollzieher oder Büttel, das Recht, Versteigerungen abzuhalten. Im achtzehnten Jahrhundert entdeckten die Kunsthändler die Vorteile von Auktionen. Sie mieteten zunächst Säle an und zogen einen Huissier als offizielle juristische Aufsicht hinzu, um Kunstwerken durch die Inszenierung des Ausstellens, Taxierens, Bietens und schließlich Zuschlagens einen neuen, nun öffentlichen Marktplatz zu bieten.

          Das Pariser Versteigerungshaus Hôtel Drouot, noch heute ein Zusammenschluss von mehr als siebzig Auktionatoren, ist ein typisch französisches Phänomen. Es entstand aus einer Mischung aus Zentralisierung und Korporatismus, indem sich im neunzehnten Jahrhundert Kunsthändler mit der juristisch legitimierten Genossenschaft der Huissier-Auktionatoren assoziierten, um dann ab 1852 in einem eigens errichteten Gebäudekomplex an der Rue Drouot – mit seinen Ausstellungs- und Auktionssälen, Passagengängen und Entladehöfen – Expertise und öffentlichen Auktionsplatz unter einem Dach zu vereinen. Das Gebäude – 1976 abgerissen und durch einen Neubau ersetzt – hatte zwei Etagen. Unten wurden Zwangs- und Nachlassversteigerungen abgehalten. Das obere Geschoss war den hochwertigeren und von einem vornehmeren Publikum besuchten Kunstauktionen vorbehalten.

          Künstlerauktionen als neu aufgekommenes Phänomen analysiert

          Schon zur Entstehungszeit des Drouot war die Zahl der Auktionatoren auf achtzig festgelegt worden. Sie agierten im Tandem mit Händlern, die gleichzeitig als Experten auftraten. Der Kunstkritiker Philippe Burty, der zur damals blühenden Auktionshausliteratur einiges beigetragen hat, empfahl ausdrücklich den Besuch im anregenden Trubel des Hôtel Drouot: „Insgesamt lohnt es für den Fremden, für Auswärtige, die in Paris vorbeikommen, sich das Hôtel Drouot vorzunehmen, sei es auch nur zur Studie.“ Seine Empfehlung kann heute noch gelten.

          Lukas Fuchsgruber: „Das Spektakel der Auktion“.
Die Gründung des Hôtel Drouot und die Entwicklung des Pariser Kunstmarkts im 19. Jahrhundert.
Diaphanes Verlag, Zürich 2021. 
226 S., Abb., br., 30,– €.
          Lukas Fuchsgruber: „Das Spektakel der Auktion“. Die Gründung des Hôtel Drouot und die Entwicklung des Pariser Kunstmarkts im 19. Jahrhundert. Diaphanes Verlag, Zürich 2021. 226 S., Abb., br., 30,– €. : Bild: Diaphanes Verlag

          Mit seinem Buch über das Hôtel Drouot und den Pariser Kunstmarkt im neunzehnten Jahrhundert erschließt Lukas Fuchsgruber ein Thema, das bislang noch nicht übergreifend als zugleich ökonomische und kunsthistorische Studie behandelt wurde. Am zentralisierten Drouot entstand ein spekulativer Kunstmarkt, mit seinen namhaften Auktionatoren, Händlerexperten, zeitgenössischen Kommentatoren und Kunstkritikern, auch mit neu aufkommenden Formaten wie der Künstlerauktion. Gerade diese Einzelauktionen, für die namhafte Künstler wie Camille Corot, Narcisse Díaz oder Théodore Rousseau eigens Werke produzierten, trugen zu Preissteigerungen bei. Der Marktwert eines Künstlers bildete sich in diesem Fall im öffentlichen Raum durch Bietergefechte, die durchaus auch von Strohmännern beziehungsweise den Händlern selbst angeheizt werden konnten.

          Zum ersten Mal werden bei Fuchsgruber diese Künstlerauktionen als neu aufgekommenes Phänomen analysiert. Im zwanzigsten Jahrhundert gab es sie dann nur noch vereinzelt. So etwa die Auktion, die Marcel Duchamp 1926 für Werke von Francis Picabia organisierte. Im Jahr 2008 veranstaltete der britische Starkünstler und Marketingmeister Damien Hirst bei Sotheby’s eine Versteigerung von 223 frisch produzierten Werken. Am Morgen des ersten Auktionstages, symbolische Koinzidenz, musste die amerikanische Bank Lehman Brothers Insolvenz beantragen – mit den bekannten Folgen. Damien Hirsts Versteigerung übertraf mit 140 Millionen Euro die Erwartungen.

          Zahlreiche Abbildungen von Gemälden, Zeichnungen und Drucken

          Im Mittelpunkt des Buchs steht der Zusammenhang zwischen der steigenden Zahl von Auktionen nach deren Monopolisierung im Drouot und einem immer deutlicher spekulativen Kunstmarkt. Untrennbar damit verbunden ist das politisch-ökonomische Umfeld, in das sich diese Finanzialisierung des Kunstmarktes abspielte. Im Jahr der Gründung des Drouot, 1852, begann auch das wirtschaftlich liberal orientierte, politisch autoritäre Zweite Kaiserreich von Napoleon III., das durch die wachsende Industrialisierung von einem starken Aufschwung profitierte. Die Bereicherung des Bürgertums schürte wiederum das Interesse am Erwerb von Kunst. Kunstwerke wurden zu Spekulationsobjekten, das Hôtel Drouot, nahe am damaligen Finanzviertel, aber auch dem Kunstviertel um die Rue Laffitte gelegen, wurde als „Börse der Kunst“ und „Eldorado der Spekulanten“ bezeichnet.

          Zahlreiche Abbildungen von Gemälden, Zeichnungen und Drucken geben einen guten Eindruck von der Stimmung in den Auktionssälen. Mit Honoré Daumier kommt eine ironisch-kritische Betrachtung des Auktionsgeschehens ins Spiel. Das Kapitel über Fälschungen ist besonders aufschlussreich und verweist auf den Zusammenhang zwischen spekulativem Markt und der Vermehrung von Formen der Fälschung und Marktmanipulationen. Dabei fehlt allenfalls der Ausblick auf den erst spät aufgeflogenen, aber bezeichnenden Korruptionsskandal, der im Jahr 2010 Lager- und Speditionsarbeiter des Hôtel Drouot vor Gericht brachte. Sie waren seit der Gründung des Auktionshauses als zunftartige Vereinigung organisiert und nutzten – ihrer geographischen Herkunft wegen „les Savoyards“ genannt – ihr dynastisch vererbbares Monopol für systematischen Diebstahl mitten im Auktionshaus. Beim Spektakel der Auktion ist es sehr sinnvoll, genau hinter die Kulissen zu schauen.

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