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: Wie ein Verlag seine willige Autorin im Monsun stehen ließ

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Die Ethnologin Urte Undine Frömming hat an der Freien Universität in Berlin über die kulturelle Bewältigung von Naturkatastrophen promoviert. Ihre Dissertationsschrift legt sie als Buch vor. Das Thema der Arbeit ist hochinteressant.Die Autorin war lange Zeit auf der Insel Flores in Indonesien, um Feldstudien zu betreiben.

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          Die Ethnologin Urte Undine Frömming hat an der Freien Universität in Berlin über die kulturelle Bewältigung von Naturkatastrophen promoviert. Ihre Dissertationsschrift legt sie als Buch vor. Das Thema der Arbeit ist hochinteressant.

          Die Autorin war lange Zeit auf der Insel Flores in Indonesien, um Feldstudien zu betreiben. Sie untersuchte dort, wie die Bevölkerung mit den Folgen der dort häufigen Vulkanausbrüche, Flutwellen, Erdbeben und heftigen Monsunregen fertig wird. Sie wurde in Riten eingeweiht, mit denen Menschen auf Flores Geister besänftigen. Die Geister leben in personifizierten Vulkanen, und dort werden auch die Vorfahren vermutet, mit deren Seelen sich die Menschen verbinden wollen.

          Nur unter großen Mühen kommt man im Lauf von Feldforschungen so weit, daß man an rituellen Handlungen nicht nur teilnehmen kann, sondern auch ihren Sinn detailliert erklärt bekommt und die Abläufe fotografieren kann. Die Riten sind derart reich an Details, daß deren genaues Befolgen schwerfällt. Aber dies ist notwendig, denn sie enthalten praktische Ratschläge für das Verhalten bei einer Katastrophe: Bricht ein Vulkan aus, muß man so schnell wie möglich davonrennen und darf sich nicht umdrehen.

          Durch die Beachtung von Vorzeichen lassen sich drohende Tsunami-Wellen erkennen. Wer sie erkennt, kann entkommen, bevor die Welle über ihm zusammenschlägt. Frömming resümiert: "Meine Untersuchung in Indonesien hat die anfängliche Hypothese bestätigt, daß Menschen, die in der Nähe von gefährlichen Orten in der Natur leben, diese in ihr religiöses Leben einbeziehen und einen speziellen rituellen Umgang in bezug auf diese Naturräume pflegen. Darüber hinaus werden die Naturräume (wie zum Beispiel Vulkane) innerhalb der Mythologie kulturell konstruiert und damit Metakommentare und vielfältige Diskurse über die Gesellschaft kreiert." Man hätte einiges einfacher und klarer ausdrücken können. Aber solche Sätze müssen hervorgehoben werden. Sie sind die erfreulich interessanten in diesem Buch.

          Frömming fuhr nach ihrem Aufenthalt auf Flores nach Island. Auf dieser Insel ist die Bevölkerung ebenso wie diejenige im Südosten Asiens immer wieder mit Vulkanismus und seinen Begleiterscheinungen konfrontiert. Erstaunlicherweise geht die Bevölkerung im hochzivilisierten Island mit Naturkatastrophen ganz ähnlich um wie diejenige auf Flores. Man versucht, sich mit den Geistern in einer Parallelwelt zu arrangieren, man versöhnt sich mit dem "versteckten Volk". Wohl bekennen sich diese Menschen zum Christentum; aber es gibt auch andere Welten, mit denen man sich auseinandersetzen muß.

          Alle diese Ausführungen sind sehr aktuell; sie interessieren die Menschen auf der ganzen Welt, denn wir alle stehen noch unter dem Schock der Folgen von Tsunami-Wellen und den Hurrikans von 2005. Urte Undine Frömming hätte ihr Thema ausführlicher behandeln können. Dem Leser wird nicht klar, ob die Riten, von denen die Rede ist, immer wieder in der mitgeteilten Form praktiziert werden. Gibt es Varianten? Auf ähnliche Mythen in anderen Regionen, vom Popocatpetl in Mexiko, aus Griechenland, wird leider nur in einer Fußnote verwiesen. Die Autorin referiert deren Inhalt nicht.

          Leider verläßt Urte Undine Frömming ihr Thema viel zu früh und beginnt mit "Rundumschlägen" im Reich von Philosophie, Geschichtstheorie und dem Verhältnis von Natur- und Geisteswissenschaften. Was hat das alles mit der kulturellen Deutung und Verarbeitung von Naturkatastrophen zu tun? Mythen ständen gegen wissenschaftliche Erkenntnisse, meint Frömming. Aber kein Wort verliert sie darüber, daß auch viele wissenschaftliche Erkenntnisse in Form von Mythen bekanntgemacht werden. Gibt es die DNA dadurch in einer mit Händen besser zu greifenden Form, weil man ihre Struktur als Doppelhelix gedeutet hat?

          Spätestens beim Stellen dieser Fragen wird deutlich, daß Frömmings Werk kein gutes Buch ist. Zahlreiche Interpunktionsfehler erschweren die Lektüre. "Anscheinend" und "scheinbar" werden ebenso verwechselt wie "wenn" und "als" oder "gleichwohl" und "obwohl". Es ist von "menschlichen Frauen" die Rede, von teilweise getöteten Kindern und von Schafen, die inmitten einer bedrohlichen Naturkulisse "gedankenlos ihre Köpfe ins satte Grün tauchen".

          Warum muß betont werden, daß eine Aussage von 1992 "immer noch gültig" ist? Wie kommt man auf die Idee, daß Naturwissenschaften vor allem anderen die Menschen von Unberechenbarkeiten der Natur befreien wollen? Dies wird im ersten Satz der Einleitung des Buches behauptet, und schon da legt sich die Stirn des Lesers in Falten. Etliche Zitate, die den Rezensenten interessierten, fehlen im Literaturverzeichnis. Mal liest man über Paul Ricouer, dann wieder von Paul Ricoeur, andere Autoren werden in noch mehr Varianten präsentiert.

          Dem Rezensenten, der selbst Hochschullehrer ist, fallen solche Fehler in Seminararbeiten und Praktikumsberichten immer wieder auf. Dort bereits müssen sie bekämpft und korrigiert werden. Aber wenn sie in der gedruckten Fassung einer Dissertation auftreten, ist das eine Katastrophe. Hier versagte nicht nur die Autorin, sondern auch deren akademische Betreuung und der Verlag. Eine gründliche Durchsicht des Textes einer Schreibanfängerin fand nicht statt. Dies muß in aller Deutlichkeit angeprangert werden. Ein interessantes Thema wurde halb bearbeitet zu Grabe getragen.

          HANSJÖRG KÜSTER.

          Urte Undine Frömming: "Naturkatastrophen". Kulturelle Deutung und Verarbeitung. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2006. 251 S., br., 32,90 [Euro].

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