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: Wie ein Requiem vom Ende einer humanen Welt

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Wo die Evidenz der Bilder fehlt, suggeriert oder erzwingt Schreiber Zusammenhänge. Richter, so behauptet er einmal, habe "die Wahrheit herbeigemalt". Oder er schreibt: Der Künstler "lernte im Alter von 73 zu verstehen, was es bedeutet, sie (die Tante Marianne als Kind) mit 33 gemalt zu haben". Schließlich rettet sich der Autor ins Paradox: "Trotzdem liefert Richter Beiträge zur Aufklärung, auch deshalb, weil er nichts erklärt und die Deutungen anderen überantwortete."

Der nachhelfende interpretatorische Übereifer resultiert zweifellos auch aus einer konstitutionellen Schwäche oder trotzigen Eigenart von Richters Kunst. Der Maler ist nicht müde geworden zu versichern, und er hat dies in scharfsinnigen Kommentaren immer wieder von neuem begründet, daß er für seine Kunst jedes Urteil, jede Tendenz, jede Absicht, jeden Sinn, jede Eindeutigkeit und Wahrheit, vor allem aber jede Idee und Ideologie und jeden verbindlichen und zwanghaften Stil ablehne. "Der Schein", so schreibt er noch 1989, "ist mein Lebensthema." Und: Der Maler "sieht den Schein der Dinge und wiederholt ihn, das heißt, ohne die Dinge selbst herzustellen, stellt er nur ihren Schein her". Die Fotografie, sein Hauptinstrument, ist der perfekte Schein: Sie entlastet von der Wirklichkeit und ihrer Ergründung. Jürgen Schreibers Bohrungen gelingt es, hinter die Fotos und Richters Fotomalerei zu blicken und dahinter der Wirklichkeit habhaft zu werden. Im Dienste der Aufklärung übertrifft sein Buch die Bilder Richters, die allenfalls Fingerzeige und Wegweiser bieten.

Richter ist ein Meister der Indifferenz, der Verweigerung und Neutralisierung jeder Aussage, ein Virtuose des "Zermalens" und "Vermalens" der Motive, wie er selbst sein Verfahren nennt. Seine Grisaille-Technik der sechziger Jahre ist keineswegs dem "deutschen Requiem" vorbehalten. Zwischen 1964 und 1970 entwickelt der Künstler in dieser Manier ein krauses Repertoire, das in seiner Mischung jede Tendenz und Botschaft durchkreuzt: Motorboote, Stuka-Flieger, Akte nach pornographischen Vorlagen, eine Dame in Robe, Brigitte Bardot mit Mutter, Kühe, Hirsche, "Horst mit Hund", eine "Klorolle" als Anspielung auf Duchamp, Sargträger oder die "Lernschwestern", die Opfer eines Massenmörders in den Vereinigten Staaten wurden. Nicht zuletzt entsteht 1966 ein wunderschönes Hauptwerk wie der "Akt, der die Treppe herabsteigt", das Bildnis seiner ersten Frau Ema, der Tochter des furchtbaren Chefarztes, für das Richter zum ersten Mal die Farbfotografie einsetzt.

Man kann in Richters Sinn-Boykott eine tiefe Skepsis, ja Verzweiflung angesichts einer undurchdringlichen und überwältigenden Wirklichkeit sehen. Nichts ist seiner Kunst fremder als Aufklärung und Moralismus. Die Bilder verweigern jede Evidenz und verwertbare Mitteilung. Nichts ist leichter, als eine Probe aufs Exempel zu machen: Man stelle sich eine Galerie der grauen Bilder Richters vor. Ohne Kommentar wäre nicht herauszufinden, wo die Täter und wo die Opfer, wo die Bösen und wo die Guten stecken. Zu dieser Bewertung bedürfte es des Kommentars.

Die Bilder erzählen auch nichts von den Geschicken seiner Figuren. Das Bild "Tante Marianne" gibt nicht Tante Mariannes Schicksal preis. Als zeit- und sittengeschichtliches Begleitbuch ist Schreibers bestürzende Reportage nützlich und erhellend. Doch die spezifische Ästhetik der Bilder muß es verfehlen. So verwundert es nicht, daß sich Richter mißverstanden fühlt und von Schreibers Darstellung distanziert.

Jürgen Schreiber: "Ein Maler aus Deutschland. Gerhard Richter." Das Drama einer Familie. Pendo Verlag, München, Zürich 2005. 304 S., Abb., geb., 22,50 [Euro].

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