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Schule und Integration : Die Grenzen der Zumutung

Tag der offenen Moschee in Berlin: Wie können Moscheevereine, Eltern und Schulen produktiv zusammenarbeiten? Bild: dpa

Moscheevereine als Retter bei Problemen in der Schule? Werner Schiffauer leistet sich eine ethnologische Intervention zu einem religionspolitischen Konflikt, von dem er nichts versteht.

          Es sollte ein Versuch sein, einander skeptisch bis misstrauisch gegenüberstehende Gruppen zusammenzubringen: Werner Schiffauers Projekt „Brücken im Kiez“. Das Wunschziel des Kulturanthropologen, die Moscheegemeinden in den Schulen so weit zu installieren, dass sie konservative muslimische Eltern in die Lage versetzen, mit den Lehrern und Schulleitern „auf Augenhöhe“ – ein Bild, das häufig auftaucht – zu kommunizieren, wurde nicht erreicht.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Zum Glück, möchte man sagen, schaut man sich die Auswahl der angesprochenen Islamverbände und Gemeinden an. Störend wirkt von Anfang an, dass muslimische Eltern als Opfer dargestellt sind, die sich „verletzenden Zuschreibungen“ ausgesetzt sahen, sich nicht respektiert und oft diskriminiert fühlten – wobei diese Gefühlszustände kaum näher ausgeführt werden. Den Pädagogen wiederum wird eine Überlegenheit als Vertreter des säkularen Staates zugeschrieben, obwohl sie ja gerade diese Autorität in problematischen Schulen zum Teil verloren haben.

          Das Leberwurstbrötchen war nicht halal

          Liest man die Berichte mühsamer Diskussionen, die ab und an über ein paar Jahre doch zustande kamen und von denen dieses Buch vor allem handelt, so drängt sich der Eindruck auf, einige Lehrer und Schulleiter hätten sich auf dieses von Schiffauer entwickelte Experiment – ein „Projekt der ethnologischen Aktionsforschung“ – gerade darum überhaupt eingelassen. Das Schulversagen muslimischer Schüler oder die Schwierigkeiten, gemeinsamen Schwimmunterricht oder Klassenfahrten durchzusetzen, ist eine Belastung, die dazu führt, dass Pädagogen angesichts der Vergeblichkeit ihrer Bemühungen resignieren.

          Schiffauer nimmt dies zwar zur Kenntnis, doch gehört sein Herz den seiner Ansicht nach Schwächeren, den Eltern, die oft in prekären Verhältnissen leben, gering gebildet sind und das komplizierte System Schule kaum zu verstehen imstande sind. Denen vor allem wollte er Brücken bauen. Doch verhaken sich die Diskussionen dann doch immer wieder im Leberwurstbrötchen, das nicht halal war, in „Blicken“, die man zu spüren meinte, in Verdachtsmomenten, die Kinder konservativer Muslime würden wegen ihres Glaubens benachteiligt – ohne je einen tragfähigen Befund anführen zu können. Den Schulleiterwunsch, endlich einmal über Rassismus gegen deutsche Kinder zu reden, über Beleidigungen von Lehrerinnen und Erzieherinnen, über aggressives Verhalten von Eltern, konnte man nicht erfüllen.

          Fragwürdige Moscheevereine in der Bildungsarbeit

          Zudem verblüfft dann doch, dieses Projekt unter anderem mit der salafistischen Al-Nur-Moschee in Berlin-Neukölln zu versuchen, deren radikal-religiöse, vor allem religionspolitische Ziele mehr als bedenklich sind. Wie immer beschreibt Werner Schiffauer nur die Oberfläche der Gemeinde, völlig wertfrei und voller Empathie. In der Al-Nur-Moschee genössen vor allem „größere Veranstaltungen von bekannten Predigern oder prominenten Gelehrten (meistens sonntags), die aus anderen Städten oder aus den Herkunftsländern der Gläubigen kommen“, besondere Aufmerksamkeit, schreibt er. In der Tat, die Liste skandalöser Auftritte radikal-islamistischer Prediger dort ist lang und interessiert nicht nur, wie Schiffauer glaubt, den Verfassungsschutz, sondern vor allem die darum sehr beunruhigten Schulen im Umfeld. Dass fragwürdige Moscheevereine wie diese in die Bildungsarbeit eingestiegen sind, ist aus deren Perspektive schlau, rekrutieren sie doch auf diese Weise ihren Nachwuchs.

          Die Al-Nur-Moschee ist immer wieder Anlaufstelle für radikale Priester und Salafisten. Kann man mit ihr zusammenarbeiten?

          Eine Referentin für ein Elternseminar von Schiffauers „Brücke“-Projekt in der Al-Nur-Moschee sagte dann doch ab. Sie hatte sich, wie Schiffauer tadelnd schreibt, bei Neuköllner Migrationsarbeitsgruppen erkundigt, die ihr dringend und begründet abrieten. Nur der Kulturanthropologe ist überzeugt, dass eine Gemeinde wie diese, der man von Seiten des Staates zu Recht und bestens belegt „parallelgesellschaftliche Tendenzen“ vorwirft, solche Seminare als Chance der Öffnung zur Gesellschaft nutzen will. Ihnen die Schulkinder auch noch zuzuführen wäre jedoch eine Katastrophe. Zwar gibt es längst viele Schulen, in denen türkische und arabische Migrantenkinder die deutliche Mehrheit stellen. Doch heißt das keinesfalls, dass deren Eltern sich gern und mehrheitlich in extremen Moscheegemeinden wie dieser organisieren.

          Bittere Erfahrungen mit extremen Sittenwächtern

          Die Aleviten Berlins wiederum zogen sich nach einigen Elternseminaren aus dem Projekt zurück. Schiffauer beschreibt gerade diese erfolgreiche, autarke und selbstbewusste Gemeinde als zu stark auf ihre furchtbaren Gewalterfahrungen in der Türkei fixiert. Aber das Problem sind eher die unbestraften Mörder, von denen einige mitten unter uns leben. Denn neun der frommen Attentäter des Pogroms von Sivas im Jahr 1978 erhielten in Deutschland politisches Asyl. Aleviten kennen die Täter und wissen auch, welchem Islamverband sie zuzurechnen sind. Trotzdem klagt Werner Schiffauer, der Allesversteher, es sei „lähmend“ gewesen, dass sie „im Kontakt zu den anderen Gemeinden sehr zurückhaltend sind“.

          Er erwähnt auch nicht die anderen guten Gründe, die sie für ihre Zurückhaltung haben, nämlich ihr von den orthodoxen Verbänden mit Argwohn beobachtetes freiheitliches Verständnis von Zivilgesellschaft, Toleranz und Religion und ihre bitteren Erfahrungen in deutschen Schulen mit extremen muslimischen Sittenwächtern, deren bevorzugtes Mobbingziel etwa kopftuchlose alevitische Mädchen sind. Die Aleviten mit der islamischen Gemeinde Millî Göruş zusammenschweißen zu wollen, wie es das Projekt vorsah, ist absurd.

          Die Aufsteiger und die Absteiger

          Nicht verwunderlich ist dagegen, dass die Vertreter von Millî Göruş bei „Brücken im Kiez“ am besten abschneiden, hat doch Werner Schiffauer deren vermeintlicher Modernisierung ein ganzes Buch gewidmet. Auch wenn Millî Göruş nicht mehr vom Verfassungsschutz beobachtet wird, gehört sie weder für Lehrer noch für die Mehrheit der Muslime in Deutschland zu den Verbänden, denen sie Reformen und Integrationshilfen zutrauen, im Gegenteil. Da auch in diesem Buch keinerlei Aufklärung über die klandestine Organisationsstruktur und ökonomische Potenz dieser religionspolitischen Bewegung zu finden ist, muss sich der Leser auch hier mit den Früchten von Schiffauers „beobachtender Teilnahme“ begnügen: Man redet miteinander und glaubt einander alles, es sei denn, es handelt sich um einen Lehrer.

          So scheiterte der Versuch, den Studentenverband der Millî Göruş in eine Kreuzberger Hauptschule zu implantieren, zuerst für Nachhilfe, dann aber auch für religiöse Botschaften zur rechten Lebensführung, vor allem aus zwei Gründen. Zum einen wäre die Nachhilfe kostenpflichtig gewesen – das Berliner Bonusprogramm für Kinder aus schwierigen Verhältnissen bietet das kostenlos und ohne jede Missionierung an, von ehrenamtlichen Patenschaften ganz zu schweigen. Schiffauers muslimische Eltern verweigern sich solchen Engagements, sie seien doch keine „Dienstleister“ für Mängel im Schulsystem. Außerdem habe es „zu wenig Überschneidung in der Klientel“ gegeben. Aus der Perspektive von Millî Görüş heißt das, die Aufsteiger konnten mit den Absteigern nichts anfangen.

          Das Gerücht zur Tatsache gewandelt

          Als zweiter Grund wird „das Selbstverständnis der säkularen, nationalen und staatlichen Schule“ angeführt. Die Lehrer hielten dieses Selbstverständnis für schwer mit Millî-Göruş-Zielen vereinbar, was Werner Schiffauer kaum verstehen will. Dafür versteht er, warum sich streng religiöse Eltern im Elterncafé der Schule fremd fühlen: Dort engagieren sich fast immer säkular gesinnte (auch muslimische) Eltern. Was eigentlich eine gute Nachricht ist.

          Schiffauer möchte gegenseitiges Misstrauen abbauen. Doch worauf das gründet, ist in endlosen Projektbeschreibungen nur schwer zu finden. Bei ihm reagieren Lehrer mehrheitlich „gereizt“ oder „gekränkt“, etwa wenn die Mütter ihnen den Handschlag verweigern. Für Schiffauer nur „habituelles Unbehagen“. Oder wenn ein Gerücht die Runde macht, ein Lehrer habe auf der ohnehin hochumstrittenen Klassenfahrt Schnaps besorgt, was auf die „mündliche Mitteilung einer Verwandten eines der Betroffenen“ zurückging. Wenige Seiten weiter hatte sich dieses Gerücht zur Tatsache gewandelt und stützt die Forderung frommer muslimischer Eltern von Kindern mit Schulnöten nach einem generellen Rauch- und Alkoholverbot für Lehrer. So geht das weiter, und die armen „verunsicherten“ Eltern bleiben vermeintliche Opfer einer sie ablehnenden Mehrheitsgesellschaft – wobei die in den Schulen ihrer Kinder kaum noch vertreten ist. Warum das so ist, wie diese Segregation sich entwickelt hat, ist nicht Thema des Buches, das überhaupt daran krankt, dass die Situation in den Schulen und das kräftezehrende Dasein der Lehrer darin kaum eine Rolle spielen.

          Einigen Pädagogen wurde es schließlich zu viel, sie zogen sich zurück, auch weil sie den Eindruck hatten, dass Eltern eher als Verbandsvertreter agierten und im Namen der Religion politische Ziele vertraten, insbesondere die von Millî Görüş. So gesehen, war das Projekt „Brücken im Kiez“ für die orthodoxen Islamverbände ein mäßiger Erfolg und für die Pädagogen ein heilsames Lehrstück über Grenzen der Zumutung. Und am Ende der zähen Lektüre dieses Buches ist man schon froh, dass das Neutralitätsgebot für Schulen noch irgendwie intakt ist und gegen den Einfluss paralleler bis islamistischer Lebensentwürfe wirkt.

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