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: Wer zuletzt lacht, lacht am schlimmsten

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Im Grunde", schreibt Martin Amis bereits auf Seite 29 seines neuen Buchs, "war die Debatte beendet, nachdem 1973 und 1975 die ersten beiden Bände von Archipel Gulag erschienen waren." Damit meint er die Debatte über den Kommunismus. Der war 1973 noch ein weltpolitischer Faktor, und trotzdem hielt ihn ...

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          Im Grunde", schreibt Martin Amis bereits auf Seite 29 seines neuen Buchs, "war die Debatte beendet, nachdem 1973 und 1975 die ersten beiden Bände von Archipel Gulag erschienen waren." Damit meint er die Debatte über den Kommunismus. Der war 1973 noch ein weltpolitischer Faktor, und trotzdem hielt ihn Amis mit der Publikation der Bücher von Alexander Solschenizyn über das sowjetische Lagersystem für endgültig diskreditiert. Warum schreibt der britische Schriftsteller dann jetzt noch sein Buch "Koba, der Schreckliche"?

          Dieses Buch ist eine Abrechnung mit Stalin, der sich als Kind selbst den Spitznamen Koba gegeben hatte - nach einer in Russland populären literarischen Robin-Hood-Figur. Als Abrechnung mit Stalin ist das Buch auch eine Abrechnung mit dem Kommunismus als Ideal; eine, die Amis auf der Grundlage einer einzigen furchtbaren Zahl vornimmt: den geschätzten zwanzig Millionen Toten, die Stalins Politik im eigenen Land gefordert hat.

          Die Abrechnung enthält allerdings noch einen Faktor, der nicht quantitativ zu fassen ist: "Koba, der Schreckliche" ist im Kern autobiographisch, auch wenn es sich fast ausschließlich mit Stalin beschäftigt. Amis wurde 1949 in Oxford geboren. Sein Vater, der berühmte Romancier Kingsley Amis, war seit dem Einfall der Deutschen in die Sowjetunion 1941 Mitglied der Kommunistischen Partei Großbritanniens. "Die Welt", so schreibt sein Sohn, "hatte die Wahl zwischen zwei Wahrheiten; und der junge Kingsley entschied sich, wie die überwiegende Mehrheit der Intellektuellen in aller Welt, für die falsche."

          Dieser Satz ist grob missverständlich und nur deshalb akzeptabel, weil er im Buch erst einen Absatz nach der Erwähnung des deutschen Angriffs steht. Martin Amis meint mit der zweiten, der richtigen Wahrheit natürlich nicht die der Nationalsozialisten, sondern die Wahrheit über Stalins seinerzeit längst etabliertes Terrorregime. Auch wenn Kingsley Amis sich später zum strammen Antikommunisten entwickeln sollte, will der Sohn den Parteibeitritt seines damals neunzehnjährigen Vaters nicht beschönigen: "Die ersten beiden Briefe in The Letters of Kingsley Amis sind die einzigen in einem Buch von 1200 Seiten, in denen ich meinen Vater nicht wiedererkenne." Beide Briefe stammen aus dem Jahr 1941 und nehmen Partei für die Partei.

          Kingsley Amis sollte bis 1956 deren Mitglied bleiben, als ihm der Ungarn-Aufstand und die Enthüllungen Chruschtschows auf dem 20. Parteitag der KPdSU die Augen öffneten. Er trat dann in die Labour-Partei ein und wählte damit einen "ehrlichen Atheismus", wie sein Sohn es nennt. Er selbst, so der Autor, habe dadurch im Alter von sieben Jahren endlich die Schutzimpfung gegen die kommunistische Krankheit erhalten, die ihm bei der Geburt 1949 verweigert worden war. Dieser Impfschutz hält, das beweist "Koba, der Schreckliche" überdeutlich, bis heute vor.

          Das Virus aber, das die Krankheit auslöst, hält Martin Amis immer noch für hochgefährlich. Mehr als das: Es ist mutiert und deshalb womöglich jetzt noch gefährlicher. Das Anzeichen dafür sieht Amis im Gelächter, mit dem Stalin heute oft bedacht wird - und zwar gerade von denen, die ihm einmal treu gewesen sind. Amis zitiert aus den Protokollen des 20. Parteitags die Reaktion des Plenums auf die von Chruschtschow wiedergegebene Äußerung Stalins, dass es trotz seiner Anstrengungen in den dreißiger Jahren immer noch zu viele Ukrainer gebe: wildes Gelächter. Amis führt dazu aus: "Man muss schon überlegen, ehe man versteht, aus welchem Grund Bolschewiki das komisch finden können. Belustigten sie die elefantenhafte Plumpheit und das wahnhafte Misstrauen von Stalins Paranoia? Teilweise vielleicht. Wahrscheinlicher jedoch war ihr Gelächter Ausdruck eines noch nachträglich schweren moralischen Schocks, ein Ausdruck schierer Erleichterung darüber, dass solche Ungeheuerlichkeiten jetzt der Vergangenheit angehörten. Sie lachten, weil sie lachen konnten."

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