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: Wer pflegt liebevoll?

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In der Natur sorgen viele Arten durch überreichen Nachwuchs für ihre Erhaltung, etwa Fische. Sie investieren aber nichts in die Aufzucht. Andere, wie die Primaten, stecken viel Zeit und Kraft in die Aufzucht, um den Nachwuchs für den Kampf um das Überleben noch besser auszurüsten. Pflege und Ausbildung ...

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          In der Natur sorgen viele Arten durch überreichen Nachwuchs für ihre Erhaltung, etwa Fische. Sie investieren aber nichts in die Aufzucht. Andere, wie die Primaten, stecken viel Zeit und Kraft in die Aufzucht, um den Nachwuchs für den Kampf um das Überleben noch besser auszurüsten. Pflege und Ausbildung der Menschenkinder gehören daher zu den anthropologischen Konstanten, allerdings kulturell vielfach variiert. Die Spartaner sollen kranke Kinder getötet haben. Das Christentum hat die Unschuld der Kinder betont. Der Idealismus wollte, dass sie sich die Welt anverwandeln. Bis etwa 1900 bezogen sich Bildung und Ausbildung freilich auf Ziele in der Gesellschaft. Dann wurde Erziehung selbstreferentiell, wenn man einmal von der nationalsozialistischen Barbarei absieht. Heute geht es allein um das Wohl des Kindes. Das Wohl ergibt sich aus dem, was das Kind selbst will, und aus seinen Karrieremöglichkeiten. Die Gesellschaft ist nur noch über die Karriere mit dem Kindeswohl verbunden.

          Parallel zu dieser Entwicklung ist ein Problem entstanden eine zu niedrige Geburtenrate. Wahrscheinlich besteht ein Kausalverhältnis. Das Glück der Kinder ist die Last der Eltern, die alle Ansprüche einlösen müssen, aber keine stellen dürfen und deshalb lieber auf Kinder verzichten. Ein Chinese meinte dazu: "Sie machen die falsche Politik; wenn Sie mehr Kinder haben wollen, dürfen Sie nicht die Rechte der Kinder stärken, Sie müssen das Ansehen der Eltern heben; Kinder kriegen keine Kinder." Aber das ist fernöstliche Weisheit.

          In dieser Situation ein Buch über die Chancengleichheit von Kindern zu schreiben kann eigentlich nur schiefgehen. Auf der einen Seite rennt man sperrangelweit geöffnete Türen ein, auf der anderen Seite erreicht man die Sphäre nicht, in der über die Zukunft der Kinder entschieden wird: die "Straße" , das häusliche Leben, das Klassenzimmer, die Kommunikation von Angesicht zu Angesicht. Diese Realität nimmt der Verfasser denn auch kaum wahr. Seine erste Überschrift lautet: "Die Chancengleichheit des Aufwachsens von Kindern als Ziel deutscher Sozialpolitik". Dazu gehören eine Welt, die sich prinzipiell formen lässt, und Kinder, denen nichts heiliger ist als eine gutbürgerliche Karriere.

          Kinder in der Testfalle

          Da das Ziel feststeht, scheint der Weg klar. Er führt durch den Kindergarten, muss jedoch verfassungsrechtlich abgestützt werden - um was zu erreichen? Eine Optimierung der Chancengleichheit? Die obliegt dem einfachen Gesetzgeber und lässt sich mit der Verfassung nicht herbeiführen. Die Verfassung kann vielleicht Diskriminierungsverbote vorsehen, aber nicht regeln, wer oder was als gleich oder ungleich gelten soll. Über Chancengleichheit kann genau genommen nur in einem System nach Art des Hundertmeterlaufs entschieden werden. Es müssen Zulassungsbedingungen, Leistungskriterien, Schiedsgerichte, Preise und Sinn der Auslese festgelegt werden. Davon handelt der Verfasser indessen nicht. Er setzt die reichlich steril gewordene Debatte über soziale Gerechtigkeit fort. Die Positionen gibt er im Wesentlichen korrekt wieder. Aber wenn er abweicht, wird es schräg. So hält er Tests, ob ein Kind eine Kindergartenerziehung benötigt, für unzulässig, weil sie ausgerechnet die Benachteiligten diskriminierten. Lieber will er eine Kindergartenpflicht für alle im Grundgesetz festlegen. Also Zwang für alle statt Auslese derer, die es nötig haben. Merkwürdige Volksschul-Gerechtigkeit. Oder eine Variation des Wertlosigkeits-Arguments des Bundesverfassungsgerichts: Wenn es für ein Kind keinen Platz in der öffentlich finanzierten Kinderbetreuung gibt, ist die Erziehungsfreiheit der Eltern wertlos. Als ob öffentliche Kinderbetreuung die einzige und beste Erziehungsalternative wäre. Der Satz wird überboten durch "die zentrale Gerechtigkeitsintuition" des Verfassers: "Niemand soll aufgrund von Dingen, für die er nichts kann, schlechter dastehen im Leben als andere." Wäre der Verfasser konsequent, müsste er für die Abschaffung des Erbrechts und des Privateigentums eintreten. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, als halte er alle für unfrei, die keine Staatsknete bekommen.

          Kinder ohne Begriffsdichte

          Dass der Verfasser das zentrale Problem seiner Arbeit, die Entwicklung des Kindes, begrifflich nicht zu fassen bekommt, ist eigentlich nicht ihm, sondern dem vorherrschenden Gleichheitsverständnis zuzurechnen, das keine Unterschiede zwischen Menschen anerkennen will. Der Verfasser hält die Gleichordnung von Erwachsenen und Kindern denn auch für ein Postulat der Wissenschaft. Entwicklungen lassen sich aber nur durch Kriterien bestimmen, die sich aus einem Vergleich von Anfang, Ziel und Ende ergeben.

          Der Verfasser hat jedoch Vorbehalte gegen Erziehungsziele, die sich in der Tat an gesellschaftlichen Normen orientieren müssen. In Anlehnung an amerikanische Überlegungen stellt er deshalb einen Katalog von Fähigkeiten auf, die Kindern von Staats wegen anerzogen werden sollen. Die erste Fähigkeit ist, "ein volles Menschenleben zu führen; nicht vorzeitig zu sterben". Diesen Satz erläutert der Verfasser sehr fromm: "Durch liebevolle Pflege" müsse dafür gesorgt werden, "dass Kinder nicht sterben, solange dies vermeidbar ist". Aber wer pflegt liebevoll? Doch nicht die Politik! Frau von der Leyen kann höchstens fünf Babys gleichzeitig die Wangen streicheln. Also müssen es die Leute tun, die schon bisher ihre Kinder falsch erzogen haben? Man könnte noch härter fragen.

          Der Verfasser verkennt, dass die Politik die Erziehung grundsätzlich nicht beeinflussen kann. Sonst schnitte die Bundesrepublik bei den Pisa-Vergleichen besser ab. Sinnvoll diskutieren kann man nur über Ausnahmen. Aber darum geht es in dieser Arbeit nicht.

          GERD ROELLECKE

          Josef Hoffmann: "Soziale Gerechtigkeit". Zur Chancengleichheit des Aufwachsens im Sozialstaat des Grundgesetzes. Nomos Verlag, Baden-Baden 2006. 205 S., br., 44,- [Euro].

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