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: Wer nie sein Steak mit Tränen aß

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Ein kanonisches Werk, das wissen wir von Tolstoi, Kierkegaard aber auch Louis de Funès, braucht einen Titel, der auf eine Entscheidungsfrage hinausläuft: Krieg und Frieden, Entweder - Oder, Brust oder Keule. Der bedeutendste Klassiker der argentinischen Literatur heißt "Civilización y Barbarie" - Zivilisation und Barbarei.

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          Ein kanonisches Werk, das wissen wir von Tolstoi, Kierkegaard aber auch Louis de Funès, braucht einen Titel, der auf eine Entscheidungsfrage hinausläuft: Krieg und Frieden, Entweder - Oder, Brust oder Keule. Der bedeutendste Klassiker der argentinischen Literatur heißt "Civilización y Barbarie" - Zivilisation und Barbarei. Und so erfreulich es ist, dass jetzt endlich auch eine erste deutsche Ausgabe dieses Buches vorliegt, so befremdlich ist das auch. Wenn man stattdessen vermelden müsste, dass es dieser Tage erstmals gelungen sei, in einer kleinen, bibliophilen Auflage Goethe ins Spanische zu übersetzen, fände man das auch ein bisschen seltsam.

          Man kann die Sache wirklich nicht hoch genug hängen. Wer, nur zum Beispiel, García Márquez gelesen hat und Vargas Llosa, und wer wissen will, wo der Graben, der die beiden trennt, in Wirklichkeit schon anfängt, wer die Welt kennenlernen will, in der diejenige Hälfte von Borges' Erzählungen zu Hause ist, die nicht in einer Bibliothek spielt, sondern in zweifelhaften Tavernen und zwischen messerstechenden Gauchos, und auch wer einfach nur über Phänomene wie Hugo Chávez staunt: Der muss, muss, muss dieses Buch lesen. Und wer sich für Lateinamerika nicht interessiert, sondern nur für kataraktartig sprudelnde Formen der Prosa - der übrigens auch.

          So, das war erst einmal das Grundsätzliche.

          Worum es sich bei diesem Werk überhaupt handelt, ist schon schwieriger zu sagen. Domingo Faustino Sarmiento hat dieses Konstrukt 1845 eilig im chilenischen Exil zusammengenagelt, als Kampfschrift gegen die Diktatur von Juan Manuel de Rosas. Für einen Roman ist es zu sehr ein Essay, für einen geopolitischen, kultur- und geschichtsphilosophischen Essay kommen allerdings entschieden zu viele Leute darin um. Die geschilderten Grausamkeiten geben dem Ganzen etwas Episches, in weiten Teilen changiert das Buch zwischen mythischem Klagegesang, Splatter und Wahlkampfrede.

          Das wichtigste, häufigste Wort lautet im Spanischen "degüellar", und der Übersetzer hat dafür den archaischen Terminus des Abkehlens gefunden: "Das Hinrichten mit dem Messer, das Abkehlen anstelle des Erschießens, ist ein Fleischerinstinkt, den Rosas zu nutzen verstand, um auch dem Tod einen gauchesken Zuschnitt und dem Mörder grauenvolle Genüsse zu bieten, vor allem aber, um die gesetzlichen und in den kultivierten Gesellschaften zulässigen Verfahrensformen durch solche zu ersetzen, die er amerikanisch nennt und in deren Namen er Amerika auffordert, zu seiner Verteidigung auf den Plan zu treten . . ."

          In diesem Fall zur Verteidigung gegen eine französische Blockade. So kann man die Monroe-Doktrin natürlich auch auslegen, mit dem Schlachtermesser. Es ist die Zeit, in welcher der eben unabhängig gewordene Kontinent zu staatlichen Strukturen und vor allem zu einer Identität finden muss. Sarmiento ist Parteigänger des liberalen Kosmos in den großen, europäisch geprägten Städten: Universitäten, Bibliotheken, Zeitungen, Umgangsformen, Fracktragen, solche Dinge versteht er unter Zivilisation, und diese Zivilisation ist zwingend an die Lebensform der Städte gebunden. Dem stellt er die Barbarei der Pampa gegenüber. Und gegen den Kampf zwischen beidem ist das, was zwischen den Heerscharen des Himmels und der Hölle abläuft, ein Freundschaftsspiel. Die rund siebzig Seiten, in denen Sarmiento zu Beginn erst einmal darlegt, wie seiner Ansicht nach "das physische Erscheinungsbild der Argentinischen Republik" die Charaktere, Sitten und Ideen der Gauchos determiniert, der Rinderzüchter, Lassowerfer, Spurensucher, Messerhelden, Banditen, kurz den Wilden Westen im Süden Amerikas: Das gehört stellenweise zu den dramatischsten und poetischsten Landschaftsschilderungen, die man überhaupt irgendwo finden kann, gerade dann, wenn diese Landschaft in Anekdoten über ihre Bewohner aufgelöst wird.

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