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: Wer bin ich für Dich, wer nach so vielen Jahren?

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Es beginnt fast nebenbei, leicht und frühsommerlich. Ein Tag im Mai 1948. Die einundzwanzigjährige Dichterin und Philosophiestudentin ist eine umschwärmte junge Frau, als ihr im Wiener Haus des Malers Edgar Jené ein junger Mann vorgestellt wird: Paul Celan. Blicke fliegen hin und her, erste Worte ...

          Es beginnt fast nebenbei, leicht und frühsommerlich. Ein Tag im Mai 1948. Die einundzwanzigjährige Dichterin und Philosophiestudentin ist eine umschwärmte junge Frau, als ihr im Wiener Haus des Malers Edgar Jené ein junger Mann vorgestellt wird: Paul Celan. Blicke fliegen hin und her, erste Worte knüpfen ein Band zwischen den jungen Leuten, das unverbindlich scheint zwischen dem Gelächter und den Diskussionen in dieser Runde aus Künstlern und Literaten. Ingeborg Bachmann ist nicht allein gekommen, sie befindet sich in Begleitung ihres Wiener Mentors, des Schriftstellers Hans Weigel, auch er ein Exilierter jüdischer Herkunft, mit dem sie zeitweilig zusammenlebt.

          Wann weiß einer, dass ihm der andere zum Prüfstein wird? Dass ein Wort des einen dem anderen das Sprechen vereisen, aber auch die Zunge lösen würde, dass nichts mehr ist, wie es vorher war? Von jenem Maitag aus spannt sich das Drama dieser Begegnung in das Leben der beiden Dichter hinein, die von da an miteinander und gegeneinander ihren Weg suchen, ein jeder mit seiner eigenen Herkunft und seiner eigenen Geschichte geschlagen. Ingeborg Bachmann ist die Tochter eines früh der NSDAP beigetretenen Kärntner Lehrers, der als Offizier den Zweiten Weltkrieg mitgetragen hatte; Paul Celan ein aus Czernowitz gebürtiger staatenloser Jude deutscher Sprache, dessen Eltern in einem deutschen Konzentrationslager ermordet wurden und der ein rumänisches Arbeitslager unter schwierigsten Bedingungen überstanden hat.

          Erst vor wenigen Tagen ist der Lyriker aus der Bukowina in der österreichischen Hauptstadt eingetroffen, ein Flüchtling, ein Heimatloser, wie so viele in diesen Tagen. Doch in jenem Mai 1948 ist es Frühling in Wien, und die, die hier aufeinandertreffen, haben überlebt. Und so beginnt das, was beider Leben und Schreiben verändern wird, scheinbar leicht - und doch dauert es nur wenige Tage; bis der Bogen gespannt ist und die ersten Pfeile des lyrischen Sprechens in das Herz der deutschen Finsternis zielen.

          "Der surrealistische Lyriker Paul Celan" habe sich "herrlicherweise" in sie verliebt, schreibt Ingeborg Bachmann am 20. Mai 1948 ihren Eltern. Ihr Zimmer sei "ein Mohnfeld", denn er beliebe sie "mit dieser Blumensorte zu überschütten". Genau drei Tage später widmet ihr der um entscheidende sechs Jahre ältere Celan das Gedicht "In Ägypten", ein Liebesgedicht, das neun Gebote der Liebe und des Schreibens nach der Schoa verkündet. Mit diesem Gedicht, das den Briefwechsel eröffnet, reißt Paul Celan den Abgrund auf, der von nun an das Sprechen und Schreiben dieser beiden Schriftsteller bestimmt und der das Problem von Schreiben und Autorschaft nach Auschwitz in exemplarischer Weise benennt.

          Die in der deutschen Literaturgeschichte nur wenig bekannte Liebesbeziehung dieser beiden Dichter gehört zu den dramatischsten und folgenreichsten Begebenheiten der deutschen Literatur nach 1945. Das Ungeschützte und Preisgegebene, dass sich in diesen Briefen dokumentiert, hat Ingeborg Bachmanns Familie lange zögern lassen, diesen Briefwechsel zur Veröffentlichung freizugeben. In vielen Gesprächen haben Ingeborg Bachmanns Schwester Isolde Moser und ich diese Herausforderung umkreist, gemeinsam mit Heinz Bachmann und Hans Höller sind wir schließlich zu der Auffassung gelangt, dass dieser Briefwechsel veröffentlicht werden muss. Denn die Briefe Ingeborg Bachmanns und Paul Celans dokumentieren nicht nur ein existentielles Ringen um die deutsche Sprache im Angesicht der historischen Katastrophe, sondern offenbaren auch einen verzweifelten Kampf um private Verständigung und poetisches Verstehen. Diese Auseinandersetzung schließt im Lauf der Jahre auch die jeweiligen Lebenspartner mit ein, so dass wir uns entschlossen haben, auch die Briefe von Max Frisch und Gisèle Celan-Lestrange aufzunehmen.

          Intensiver als in allen anderen Briefwechseln Paul Celans, völlig anders auch als in den virtuosen Maskeraden und Inszenierungen künstlerischer Authentizität, die Ingeborg Bachmanns 2004 veröffentlichten Briefwechsel mit Hans Werner Henze kennzeichnen, geht es hier um das Überleben des poetischen Sprechens. Neun Jahre nach ihrer ersten Begegnung in Wien schreibt Celan mit dem Verweis auf "In Ägypten": "Sooft ichs lese, seh ich Dich in dieses Gedicht treten: Du bist der Lebensgrund, auch deshalb, weil Du die Rechtfertigung meines Sprechens bist und bleibst." Und Bachmann wird den in ihrer Lyrik aufgenommen Dialog mit Motiven und Zitaten aus Celan-Gedichten und ihren biographischen Erinnerungen noch in ihrer späten Prosa fortführen. "Mein Leben ist zu Ende, denn er ist auf dem Transport im Fluß ertrunken", sagt etwa das Traum-Ich vom Fremden mit dem schwarzen Mantel in "Malina". "Er war mein Leben. Ich habe ihn mehr geliebt als mein Leben."

          Von Anfang an ist der Kampf gegen das Verstummen, die Überwindung des Schweigens das zentrale Thema der Briefe. Atemlos und fast erstickt bewegen sich beide immer wieder in einem Niemandsland tief verstörten Sprechens: "Schwere", "Dunkel", "Schweigen" und "Schuld" sind Leitwörter in diesem Briefgespräch, in dem zwei Sprachgewaltige um jedes einzelne Wort ringen. Wer diese Briefe heute liest, ist mittendrin im Bitten und Flehen der beiden für die Nachkriegszeit so bedeutenden Lyriker. Mittendrin in ihrer Suche nach dem richtigen Wort, hört er die beiden flüstern und klagen und spürt ihr Frösteln machendes Verstummen voreinander in gleicher Weise, wie er sich ihrem seligen Einverständnis nicht entziehen kann, wenn Liebesglück und poetisches Sprechen endlich einmal zusammenfinden.

          Doch weder die poetische Sprachmacht noch die persönliche Sensibilität dieser beiden Dichter können die Erfahrung ihrer Differenz in Herkunft und Geschlecht überwinden. Als sie in Wien aufeinandertreffen, ist die "Todesfuge" bereits auf Rumänisch erschienen. Aus den Erfahrungen der Schoa kann Celan seine Dichtung nur als "Grabschrift" verstehen. Schon in seinem ersten Ingeborg Bachmann gesandten und ihr gewidmeten Gedicht "In Ägypten" bestimmen der Schmerz und die Erinnerung an die toten jüdischen Frauen "Ruth! Noemi! Mirjam!" den neuen festlichen Bund. In der Liebe "zur Fremden" wird jede bisherige Liebe überstiegen: "Du sollst die Fremde neben dir am schönsten schmücken." Poetisches Sprechen heißt bei Paul Celan, ein Totengedächtnis zu erfüllen - und es ist dieser Auftrag, der ihn aufs äußerste verwundbar macht und der ihn zwingt, jeder Kritik an seinen Gedichten mit bedingungsloser Härte entgegenzutreten.

          Von Anfang an ist sich Ingeborg Bachmann der uneinholbaren Fremdheit Celans bewusst. Und doch versucht sie mit aller Kraft der Liebenden, ihn zu sich ins Leben zu holen und sein lyrisches Sprechen lebendig werden zu lassen. Sie will ihn beschützen und fördern, und sie wird in den Jahren ihrer Freundschaft nichts unversucht lassen, um ihm das zu beweisen. Ein Jahr nach ihrer ersten Begegnung schreibt sie: "Immer geht's mir um Dich, ich grüble viel darüber und sprech zu Dir und nehm Deinen fremden, dunklen Kopf zwischen meine Hände und möchte Dir die Steine von der Brust schieben, Deine Hand mit den Nelken freimachen und Dich singen hören."

          Die kurze Zeitspanne der gemeinsam in Wien verbrachten Wochen bis zu Celans Abreise nach Paris Ende Juni 1948 lässt beide nicht ohne Irritation zurück. Die offen zugestandene "Sehnsucht nach Dir und unserem Märchen" hindert die junge Studentin nicht daran, ihr Philosophiestudium und die begonnene Promotion über das Werk Martin Heideggers in aller Entschiedenheit voranzutreiben. Sie denkt nicht daran, Wien einfach zu verlassen und die 1947 begonnene Arbeit an ihrem ersten, heute verschollenen Roman "Stadt ohne Namen" einer Liebe zu opfern, die sie im schwierigen Wiener Nachkriegsalltag allein zurücklässt. Und sie ist sich sehr wohl der Tatsache bewusst, dass von Celan wenig reale Mithilfe bei dem Aufbau einer gemeinsamen Existenz zu erwarten wäre. So schreibt sie ihm im Sommer 1949: "Für mich bist Du aus Indien oder einem noch ferneren, dunklen, braunen Land, für mich bist Du Wüste und Meer und alles, was Geheimnis ist. Ich weiss noch immer nichts von Dir und hab darum oft Angst um Dich, ich kann mir nicht vorstellen, dass Du irgend etwas tun sollst, was wir andern hier tun, ich sollte ein Schloss für uns haben und Dich zu mir holen, damit Du mein verwunschener Herr drin sein kannst, wir werden viele Teppiche drin haben und Musik, und die Liebe erfinden."

          Im brieflichen Austausch widersteht die junge Studentin Celans "Ungeduld", genauso wie sie auch seine wiederkehrenden Vorhaltungen ignoriert: "Du sagst es nicht, Du sagst auch nicht, für wie lange, sagst nicht, ob Du Dein Stipendium bekommst." Celans drängende Frage "Wie weit oder wie nah bist Du, Ingeborg?" hingegen beantwortet sie erstaunlich offen: "Du wirst Dir ja denken können, dass die Zeit seit Dir für mich nicht ohne Beziehungen zu Männern vergangen ist", um sogleich einzuräumen: "Wie lange wohl unser Mai und unser Juni hinter all dem zurückliegen, fragst Du: keinen Tag, Du Lieber! Mai und Juni ist für mich heute abend oder morgen mittag und noch in vielen Jahren."

          Und tatsächlich bleibt diese "Einheit der Zeit" als wiederkehrende Beschwörung ihrer ersten Wiener Treffen, des Zaubers der gemeinsam besuchten Orte wie des Wiener Stadtparks und der Chiffren ihres gegenseitigen Erkennens als Liebende, die verborgene Klammer dieses Briefwechsels über Jahre hinweg. Ingeborg Bachmann schreibt: "Das Blatt, das Du in mein Medaillon gegeben hast, ist nicht verloren, auch wenn es schon lange nicht mehr drinnen sein sollte; ich denk an Dich und hör Dir noch immer zu."

          Doch das Zuhören und Sprechen bleibt schwierig. Die Irritationen und Missverständnisse aus der Wiener Zeit, das schmerzliche Erkennen der unüberbrückbaren Differenz zwischen Opfersohn und Tätertochter und die daraus folgenden, immer wiederkehrenden Störungen im brieflichen Gespräch wie im Versuch unzähliger Telefonate, auf die der Briefwechsel viele Hinweise gibt, lassen Celan sagen: "Vielleicht täusche ich mich, vielleicht ist es so, daß wir einander gerade da ausweichen, wo wir einander so gerne begegnen möchten, vielleicht liegt die Schuld an uns beiden. Nur sage ich mir manchmal, daß mein Schweigen vielleicht verständlicher ist als das Deine, weil das Dunkel, das es mir auferlegt, älter ist."

          Nach dem Abschluss ihres Studiums durch Promotion im März 1950 vergehen viele Monate, bis Ingeborg Bachmann am 14. Oktober 1950 endlich bei Paul Celan in Paris eintrifft. Doch der ersehnte Aufenthalt gerät zum Debakel. Ihrem Wiener Freund Hans Weigel gesteht sie, dass der Versuch eines gemeinsamen Lebens "strindbergisch" wurde, man habe sich "gegenseitig die Luft" genommen.

          Während Celan Anfang November 1951 in Paris die Frau findet, die ihm das von Ingeborg Bachmann imaginierte "Schloss" bauen kann, die aus altem französischen Adel stammende Künstlerin Gisèle Lestrange, und dadurch die materielle Unabhängigkeit gewinnt, die er zum Schreiben braucht, kämpft sie in Wien weiter gegen die "zermalmende, schreckliche, hundertköpfige Hydra Armut". Ein Nervenkollaps, Fieberschübe und Zusammenbrüche gehören zu diesem Überlebenskampf, in dem sie um jeden Broterwerb und jede freie Stunde für das eigene Schreiben ringt. Im April 1951 gelingt es ihr endlich, eine Anstellung bei der amerikanischen Besatzungsbehörde zu finden, ab September ist sie dann als freie Mitarbeiterin für den von der Besatzungsbehörde gegründeten Sender Rot-Weiß-Rot tätig.

          Als Celan ihr in dieser Zeit schreibt: "Lass uns nicht mehr von Dingen sprechen die unwiederbringlich sind, Inge", und fortfährt "Und bitte komm nicht meinetwegen nach Paris!", trifft sie das ins Herz: "Ich habe alles auf eine Karte gesetzt und ich habe verloren. Was mit mir weiter geschieht, hat wenig Interesse für mich. Ich kann, seit ich aus Paris zurück bin, nicht mehr leben, wie ich früher gelebt habe, ich habe das Experimentieren verlernt."

          Von nun steht sie entschiedener als je zuvor auf eigenen Füßen. Vorbei die Zeit, in der sie Celan verschämt eingesteht: "Du wirst mir vielleicht übel nehmen, dass ich auf eine erschreckende Art ,tüchtig' bin." Jetzt nimmt sie ihr Leben und Schreiben selbst in die Hand. Aus der freien Mitarbeit beim Sender wird eine feste Redakteursstelle, und es gelingt ihr, endlich auch eigene Hörspiele zu verfassen. Seit den vierziger Jahren schreibt sie Gedichte, nun nimmt sie literarische Verbindungen nach Deutschland auf, versucht endgültig, den engen Kosmos des Wiener Literatenkreises hinter sich zu lassen. So wie sie die Aufnahme ihrer eigenen Gedichte vorantreibt, so versucht sie auch mit allen Mitteln, den Freund und einstigen Geliebten mit auf diese Reise zu nehmen.

          Fortsetzung auf der folgenden Seite.

          Die in den Briefen mehrfach angesprochenen und mit allerlei Finessen auf den Weg gebrachten Einladungen zur Tagung der "Gruppe 47" 1952 in Niendorf bei Hamburg erzählen exemplarisch von den Hürden dieser Vermittlung. Celan, von Bachmann brieflich wiederholt zum Kommen aufgefordert, liest die "Todesfuge" und das Gedicht "Ein Lied in der Wüste". Sein melodiöses Sprechen wird im Kreis dieser vorwiegend am realistischen Erzählen orientierten Autoren, darunter nicht wenige ehemalige Wehrmachtssoldaten, "als ärgerliches Pathos eines jüdischen Lyrikers" verbucht. Ingeborg Bachmann, obwohl sie mit Schüchternheit kämpft und ihre Verse nur "stockend und leise" zu Gehör bringen kann, zeigt Gespür für die Erwartungshaltung dieser literarischen Tafelrunde. Für die Autorin öffnet sich mit ihrer ersten Einladung zur Tagung der "Gruppe 47" ein Tor zur Welt, für Celan wird der Auftritt zum Desaster. Gekränkt zieht er sich nach Paris zurück. Bachmann aber lässt nicht locker. Sie appelliert an den Freund, Manuskripte an die Verlage zu schicken, Lesungen wahrzunehmen - und ist sich sehr wohl der Gefahr bewusst, dass man die beiden Lyriker gegeneinander ausspielen könnte. Niendorf soll sich nicht wiederholen.

          Doch das einseitige Bitten der Jüngeren um die Zusendung seiner Gedichte, ihre bedingungslose Verehrung seiner Verse - "Ich lebe und atme manchmal nur durch sie" - wandelt sich. Nun spricht sie auf Augenhöhe: "Habe ich Dich nicht einmal gefragt, ob ich Dir etwas schicken darf? Vielleicht kannst Du mir dabei helfen." Ihre Hoffnung, sie könne seine Gedichte "besser lesen als die anderen", weil sie ihm "darin begegne", sieht sich in Celans Reaktionen nicht bestätigt. Doch in ihren Gedichten wird sie ihm beweisen, dass sie zu lesen versteht und dass sie wie kein anderer im Leben des jüdischen Dichters den Finger auf die Wunde der hereinbrechenden Erinnerung zu legen vermag. Im Dezember 1953 schickt sie ihm ihren Gedichtband "Die gestundete Zeit". Von Celan ist keine Reaktion überliefert. Obwohl Bachmanns Gedichte eine ganze Generation von Lesern begeistern, könnte die Botschaft persönlicher nicht sein. Denn nur Celan kann zu diesem Zeitpunkt das Briefgeheimnis ihrer Gedichte entziffern.

          Obwohl Ingeborg Bachmann 1954 ihren Durchbruch als Schriftstellerin erlebt, obwohl sie durch ihren Aufbruch nach Italien und das phasenweise Zusammenleben mit dem Komponisten Hans Werner Henze Freiheit und Inspiration erfährt, lässt sie die Verwerfung durch den einstigen Geliebten nicht los. Eine leidenschaftliche Erlösungssehnsucht treibt ihr Schreiben voran und beeinflusst auch die Motivwahl ihres zweiten Gedichtbands "Anrufung des großen Bären", der 1956 erscheint: "Ich bin noch schuldig. Heb mich auf. / Ich bin nicht schuldig. Heb mich auf." Die poetische Kraft, die sich in den "Liedern auf der Flucht" Bahn bricht, hat eine Richtung: Paul Celan.

          Dieser ist nun Familienvater, sein Pariser Leben hat an Festigkeit gewonnen. Die Gedichtbände "Mohn und Gedächtnis" (1953) und "Von Schwelle zu Schwelle" (1955) machen ihn in der literarischen Öffentlichkeit bekannt. Ohne dass Bachmann es weiß, führt auch Celan das stille Gespräch mit der einstigen Geliebten weiter. Bei einem Aufenthalt in Köln kauft er 1956 ihre "Anrufung des großen Bären", und als er im Sommer 1957 zum ersten Mal seit den gemeinsamen Tagen 1948 in Wien eintrifft, entsteht das Gedicht "Sprachgitter", in dem er erneut um die "In Ägypten" entworfene Differenz ringt und erstmals zwei Perspektiven im Angesicht der Vernichtungserfahrung zusammenführt: "die beiden / herzgrauen Lachen: / zwei / Mundvoll Schweigen".

          Als der gereifte Dichter und die in ihrer Freiheit sicher scheinende Ingeborg Bachmann am 11. Oktober 1957 erneut aufeinandertreffen, bricht ein Sturm los. Eine handschriftliche Notiz von ihr: "Wann fährst Du? Und wann kommst Du wieder?", dahin geschrieben auf einer Lyrikertagung in Wuppertal, eröffnet nun ein sonst nirgendwo in den Briefen mögliches Glück der Vereinigung. Leben und Lieben, Lesen und Schreiben, Sprechen und Schweigen finden nun auf überwältigende Weise zusammen. Celans Gedicht "Köln, Am Hof" benennt diese neue "Herzzeit", das, was "Verbannt und Verloren" schien, weiß sich "daheim". Und nun ist es Paul Celan, der sich von der Geliebten die Gedichte wünscht und der ihr seine eigenen Gedichte gleich Liebesbriefen schickt. Jetzt kann er die erlösenden Worte aussprechen: "Ingeborg, Ingeborg. Ich bin so erfüllt von Dir." Rückblickend muss er feststellen "Ach, ich bin so ungerecht gegen Dich gewesen, all diese Jahre" und gesteht: "Du weißt auch: Du warst, als ich Dir begegnete, beides für mich: das Sinnliche und das Geistige. Das kann nie auseinandertreten, Ingeborg."

          Doch Celans Freispruch ist ein Freispruch auf Zeit. Sie ahnt es längst, das "Ende" ist offen. Und bleibt vorsichtig: "Du darfst meinetwegen jetzt Gisèle nicht versäumen", mahnt sie ihn im Blick auf seine Frau. Die Heftigkeit ihres Wiederfindens macht ihr Angst: "Muß ich jetzt denken, daß ich Dich wieder unglücklich mache, wieder die Zerstörung bringe, für sie und Dich, Dich und mich? Daß man so verdammt sein sollte, kann ich nicht begreifen."

          Bachmann stürzt sich, wieder einmal, in die Arbeit. Eine Dramaturgenstelle beim Bayerischen Rundfunk und die damit einhergehende Übersiedelung nach München kosten Kraft. Am 7. Mai 1958, fast zehn Jahre nach ihrer ersten Begegnung in Wien, kommt es zur erneuten Trennung. Diesmal kämpfen beide um den Erhalt ihrer Freundschaft. Schon Ende Juni sehen sie sich in Paris wieder; am 2. Juli lernt Bachmann endlich Celans Frau Gisèle kennen. Diese Wochen zeichnen den Versuch einer Freundschaft, ein neuer Briefwechsel entsteht.

          Doch das Bemühen, mit vereinten Kräften dem Leben "entgegen" zu gehen, bringt neue, ungeahnte Schnittstellen und Zufälligkeiten hervor, die ihr bisheriges Leben auf den Kopf stellen. Am 3. Juli 1958, nur einen Tag nach der ersten Begegnung mit Gisèle, lernt Bachmann in Paris Max Frisch kennen. Ein coup de foudre nimmt seinen Lauf, der Ingeborg Bachmann auch deshalb überfordern muss, weil die dramatische Beziehung mit Paul Celan zu diesem Zeitpunkt in keiner Weise bewältigt ist.

          Ausgelöst durch eine von Celan als antisemitisch empfundene Rezension des Gedichtbandes "Sprachgitter" von Günter Blöcker brechen 1959 bei Celan lange zurückgehaltene Ängste und Kränkungen neu auf. Wieder will Ingeborg Bachmann helfen, doch das Ausmaß von Celans Ansprüchen überfordert bald ihre Solidarität, ihre Beziehung zu Frisch wie auch ihren eigenen Kampf um Anerkennung im deutschen Literaturbetrieb. Die Frage, wie viel "Kompromiß" das dichterische Sprechen vertragen kann, muss Celan aus seiner historischen Aufgabe des Dichtens als "Grabschrift" anders beantworten als sie.

          Erneute Kränkungen, erneutes Verstummen und Verschweigen sind die Folge. Dass sich nun die Partner einmischen, macht die Sache nicht besser. Der Briefwechsel zwischen Max Frisch und Paul Celan ist ein beredtes Zeugnis eines völlig unterschiedlichen Lebens- und Dichtungsverständnisses, das neue und kapitale Missverständnisse befördern muss. "So schwer es mir auch fällt, Ingeborg", schreibt Celan im November 1959, "ich muss Dich jetzt bitten, mir nicht zu schreiben, mich nicht anzurufen" - um schon fünf Tage später erneut um ihre Telefonnummer zu bitten. Im Februar 1960 fühlt sie sich dann am Ende ihrer Kraft. Längst hat sich Celans "Notschrei" zu einer existenzbedrohenden Krise ausgewachsen.

          Ein letztes Mal begehrt Ingeborg Bachmann auf, will den psychischen und physischen Verlust des Freundes nicht hinnehmen. Erstmalig in der Geschichte dieses Briefwechsels zielt sie auf eine grundsätzliche Klärung dieser Beziehung: "Und ich frage mich eben, wer bin ich für Dich, wer nach sovielen Jahren?" Sie muss sich eingestehen, "dass alle Erklärungen, jedes Eintreten, so richtig es auch gewesen sein mag", das Unglück des geliebten Freundes nicht verringern können, weil "das grössere Unglück in Dir selbst ist". Dass Celan sich nicht aus der verinnerlichten Opfererfahrung lösen kann, mag sie nicht länger hinnehmen: "Du willst das Opfer sein, aber es liegt an Dir, es nicht zu sein." Dieser Brief wird nie abgeschickt, wie so viele Entwürfe in dieser Korrespondenz.

          Im April 1970 stürzt sich Paul Celan in die Seine. Nur drei Jahre später, am 17. Oktober 1973, stirbt Ingeborg Bachmann an den Folgen einer Brandverletzung in Rom.

          - "Herzzeit - Der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan" erscheint am 18. August im Suhrkamp Verlag. Unsere Autorin Andrea Stoll, Mitherausgeberin des Bandes, arbeitet an einer Biographie Ingeborg Bachmanns.

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