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: Wer bin ich für Dich, wer nach so vielen Jahren?

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Doch weder die poetische Sprachmacht noch die persönliche Sensibilität dieser beiden Dichter können die Erfahrung ihrer Differenz in Herkunft und Geschlecht überwinden. Als sie in Wien aufeinandertreffen, ist die "Todesfuge" bereits auf Rumänisch erschienen. Aus den Erfahrungen der Schoa kann Celan seine Dichtung nur als "Grabschrift" verstehen. Schon in seinem ersten Ingeborg Bachmann gesandten und ihr gewidmeten Gedicht "In Ägypten" bestimmen der Schmerz und die Erinnerung an die toten jüdischen Frauen "Ruth! Noemi! Mirjam!" den neuen festlichen Bund. In der Liebe "zur Fremden" wird jede bisherige Liebe überstiegen: "Du sollst die Fremde neben dir am schönsten schmücken." Poetisches Sprechen heißt bei Paul Celan, ein Totengedächtnis zu erfüllen - und es ist dieser Auftrag, der ihn aufs äußerste verwundbar macht und der ihn zwingt, jeder Kritik an seinen Gedichten mit bedingungsloser Härte entgegenzutreten.

Von Anfang an ist sich Ingeborg Bachmann der uneinholbaren Fremdheit Celans bewusst. Und doch versucht sie mit aller Kraft der Liebenden, ihn zu sich ins Leben zu holen und sein lyrisches Sprechen lebendig werden zu lassen. Sie will ihn beschützen und fördern, und sie wird in den Jahren ihrer Freundschaft nichts unversucht lassen, um ihm das zu beweisen. Ein Jahr nach ihrer ersten Begegnung schreibt sie: "Immer geht's mir um Dich, ich grüble viel darüber und sprech zu Dir und nehm Deinen fremden, dunklen Kopf zwischen meine Hände und möchte Dir die Steine von der Brust schieben, Deine Hand mit den Nelken freimachen und Dich singen hören."

Die kurze Zeitspanne der gemeinsam in Wien verbrachten Wochen bis zu Celans Abreise nach Paris Ende Juni 1948 lässt beide nicht ohne Irritation zurück. Die offen zugestandene "Sehnsucht nach Dir und unserem Märchen" hindert die junge Studentin nicht daran, ihr Philosophiestudium und die begonnene Promotion über das Werk Martin Heideggers in aller Entschiedenheit voranzutreiben. Sie denkt nicht daran, Wien einfach zu verlassen und die 1947 begonnene Arbeit an ihrem ersten, heute verschollenen Roman "Stadt ohne Namen" einer Liebe zu opfern, die sie im schwierigen Wiener Nachkriegsalltag allein zurücklässt. Und sie ist sich sehr wohl der Tatsache bewusst, dass von Celan wenig reale Mithilfe bei dem Aufbau einer gemeinsamen Existenz zu erwarten wäre. So schreibt sie ihm im Sommer 1949: "Für mich bist Du aus Indien oder einem noch ferneren, dunklen, braunen Land, für mich bist Du Wüste und Meer und alles, was Geheimnis ist. Ich weiss noch immer nichts von Dir und hab darum oft Angst um Dich, ich kann mir nicht vorstellen, dass Du irgend etwas tun sollst, was wir andern hier tun, ich sollte ein Schloss für uns haben und Dich zu mir holen, damit Du mein verwunschener Herr drin sein kannst, wir werden viele Teppiche drin haben und Musik, und die Liebe erfinden."

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