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: Wer beschweigt hier wen?

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Der Begriff "Bilanz" impliziert die Gegenüberstellung zweier Waagschalen. In diesem sich als Bilanz des neuen Troia-Streits empfehlenden Buch wird jedoch im wesentlichen nur eine Waagschale präsentiert. Die Schuld daran lastet sein Herausgeber, der Innsbrucker Althistoriker Christoph Ulf, zwei Vertretern ...

          Der Begriff "Bilanz" impliziert die Gegenüberstellung zweier Waagschalen. In diesem sich als Bilanz des neuen Troia-Streits empfehlenden Buch wird jedoch im wesentlichen nur eine Waagschale präsentiert. Die Schuld daran lastet sein Herausgeber, der Innsbrucker Althistoriker Christoph Ulf, zwei Vertretern der anderen Waagschale an, eben Manfred Korfmann und Joachim Latacz, welche die Mitarbeit an diesem Buch abgelehnt hätten. Der Essener Althistoriker Justus Cobet wirft Korfmann und Latacz mit aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gerissenen Zitaten gar eine Strategie des Beschweigens und der Sprachverweigerung vor. Die beiden Genannten haben aber in zahlreichen Artikeln, Vorträgen, Diskussionen und Interviews der Gegenseite ausführlich geantwortet und wollten die gleichen Argumente nicht noch einmal vorbringen, eine Entscheidung, die vom Verlag akzeptiert und respektiert wurde. Warum aber eine Reihe von in- und ausländischen Althistorikern, Archäologen, Gräzisten und Anatolisten, vor allem Kenner der Bronzezeit Griechenlands und Kleinasiens, mit anderen Ansichten als denen Ulfs und der allermeisten seiner Autoren (von denen fast ein Drittel an seiner Universität wirkt) gar nicht erst um Beiträge gefragt wurde, erfährt der Leser nicht. Glücklicherweise gibt es im Buch aber auch konstruktive Beiträge wie die des Freiburger Althistorikers Hans-Joachim Gehrke, des in Amerika lehrenden Schweizer Althistorikers Kurt Raaflaub, des Innsbrucker Sprachwissenschaftlers Ivo Hajnal und des Berliner Indogermanisten Michael Meier-Brügger.

          Die Positionen der beiden Parteien im neuen Streit um Troia sind klar: Während die eine (im folgenden Partei A) meint, daß die von Homer dichterisch überhöhte Überlieferung vom Krieg um Troia in letzter Instanz auf tatsächliche historische Ereignisse in der späten Bronzezeit, also der zweiten Hälfte des zweiten Jahrtausends vor Christus, zurückgeht und hierfür neue Indizien im Zuge jüngster Ausgrabungen in Troia und in rezenten Forschungsergebnissen der Anatolistik erkennt, sieht die andere (im folgenden Partei B) im Troianischen Krieg zumeist ein im früheren ersten Jahrtausend vor Christus von den Ruinen Troias angeregtes Produkt dichterischer Phantasie.

          Ein immer wieder von Partei B vorgebrachtes Argument ist das Dogma, nach dem eine Erzählung in mündlicher Überlieferung nicht länger als drei Generationen weitergegeben werde, weswegen es unmöglich sei, daß die Erzählung vom Troianischen Krieg die schriftlosen "Dunklen Jahrhunderte" zwischen der Zerstörung der mykenischen Paläste um 1200 vor Christus und der Einführung der Alphabet-Schrift in Griechenland im achten Jahrhundert vor Christus überdauert hätte. Daß die "Drei-Generationen-Regel", die aus ethnologischen Forschungen in anders strukturierten Gesellschaften erschlossen wurde, auf die griechischen Verhältnisse so nicht zutreffen kann, belegen aber beispielsweise die Überlieferung von der Seeherrschaft des Königs Minos von Kreta im Raum des Ägäischen Meeres einerseits und der archäologische Nachweis der Dominanz von sogenannten Minoern (Kretern) zwischen dem achtzehnten und dem fünfzehnten Jahrhundert vor Christus an vielen in diesem Zusammenhang genannten Orten andererseits. Daß eine derartige Perennierung kollektiver Erinnerung auf Prägung angewiesen ist, etwa "durch die Form der Erzählung (etwa in gebundener Rede)", legt Hans-Joachim Gehrke in seinem Beitrag sehr schön dar. Darüber, daß diese gebundene Rede bei den Griechen - pace Gehrke - eben der metrisch festgefügte Sängervortrag war, siehe weiter unten.

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