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: Wer bändigt die rauhen Sitten?

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Dieses Buch eines in Iran geborenen und in den Vereinigten Staaten lehrenden Islamwissenschaftlers erscheint zur rechten Zeit. Es stellt sich mit seinem notwendig historischen Ansatz gegen alle fundamentalistischen Ansichten. Kein Gott außer Gott", das ist die erste Hälfte der "Schahada", des muslimischen Glaubensbekenntnisses, und der Titel von Reza Aslans Buch.

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          Dieses Buch eines in Iran geborenen und in den Vereinigten Staaten lehrenden Islamwissenschaftlers erscheint zur rechten Zeit. Es stellt sich mit seinem notwendig historischen Ansatz gegen alle fundamentalistischen Ansichten. Kein Gott außer Gott", das ist die erste Hälfte der "Schahada", des muslimischen Glaubensbekenntnisses, und der Titel von Reza Aslans Buch. Aslan, in Iran geboren, lehrt an einer amerikanischen Universität Islamwissenschaften und ist in den Vereinigten Staaten auch journalistisch zu Fragen des Islams hervorgetreten. Das Werk, im vorigen Jahr auf Englisch veröffentlicht, liegt jetzt auf Deutsch vor - zu einem Zeitpunkt, da auch bei uns das Thema Islam immer brennender wird.

          Aslan schreibt nicht primär die politische Geschichte des Islams, sondern erzählt eine "große Geschichte" des Glaubens; denn er definiert die Religion als "Erzählung des Glaubens", so wie sie sich den Gläubigen darbietet, seit nun mehr als vierzehnhundert Jahren ihre Anschauungen, Traditionen und Dogmen geformt hat - unabhängig davon, ob dies alles den Fakten entspricht.

          Wer den heutigen Islam verstehen will, muß sein Geworden-Sein verstehen, was ihn nicht der Aufgabe enthebt, die Fakten zu erforschen, das heißt die Hintergründe der im Koran vorliegenden Offenbarung und die Ausgestaltung der wichtigsten Lehren des Islams in ihrem gesellschaftlichen und historischen Zusammenhang zu entschlüsseln. Mit dieser Auffassung erweist sich der Autor als Anhänger der islamischen Reformbewegung; an der Notwendigkeit einer umfassenden Umgestaltung des Islams durch den Islam läßt Aslan keinen Zweifel. Die Islamisten, auch manche orthodoxe Muslime werden an dem Buch keine Freude haben. Dabei hat der Autor, gerade als Iraner, Verständnis für manchen antiwestlichen Affekt in der Welt des Islams, aus deren Sicht sich die großen europäischen Nationen, später Amerika vor allem, als aggressive Mächte erwiesen haben. Auch der Islamismus kann mit seinen Wurzeln nur aus der Konfrontation des Islams mit den imperialistischen Bestrebungen der letzten zwei Jahrhunderte verstanden werden.

          Ausführlich widmet sich Aslan dem Propheten Mohammed, den er als Schöpfer eines neuen Stammes, der islamischen Umma, als deren "Scheich" und traditionellen "Hakam" (Schiedsrichter) in Medina, später Mekka darstellt. Es gelingt dem Verfasser, die Gestalt des islamischen Propheten aus seiner Zeit zu deuten. Es wird deutlich, daß das Arabien zur Zeit seines Wirkens keineswegs eine "heidnische" Tabula rasa, eine religiöse Wüste, gewesen ist; Aslan fächert ein religionsgeschichtliches Tableau auf, das die altarabischen, aber auch jüdischen, christlichen, zarathustrischen, manichäischen, mandäischen und gnostischen Strömungen im Orient jener Zeit herausstreicht. Westliche Untersuchungen zum Frühislam werden, neben den Originalquellen, berücksichtigt, etwa die angelsächsischen Revisionisten (John Wansborough, Patricia Crone); es ist schade, daß der Autor offenbar die Forschungen Günter Lülings über die dezidiert christlichen Inhalte des Urkorans ("Die Rekonstruktion des Ur-Korans", Erlangen 1981) nicht kennt, die nach langen Jahren der Mißachtung immer mehr Beachtung finden und nun auch in englischer Sprache zugänglich sind.

          Die Darstellung von Leben und Wirken Mohammeds ist geeignet, viele Verdrehungen und Mißverständnisse auszuräumen, obschon das Geflecht aus Politik und beduinischer Gewalt, in dem sich der Prophet des Islams zu bewegen hatte und sich bewegte, nicht verschwiegen wird. In der Frauenfrage und beim Thema des Dschihad zeigt Aslan, wie Mohammeds Lehren in späterer Zeit verformt, verschärft und verfestigt wurden, während der Prophet bestrebt war, einen Weg der Mitte und des Maßes zu gehen; bei der Anwendung von Gewalt fällt auf, wie sehr sich Mohammed darum bemühte, die rauhen, ja brutalen Sitten seiner Zeit zu bändigen. Mohammed handelte oft anders, als seine Umgebung es von ihm erwartete und von anderen gewohnt war. Der Autor stellt auch den Dschihad, dessen Regeln später bis in Einzelheiten festgelegt wurden, vor allem als eine arabische "Theorie des gerechten Krieges" dar, im Gegensatz zur heutigen Islamistenszene, die sich oft an keine der vor Jahrhunderten aufgestellten Regeln hält. Hier hätte man sich vielleicht ein kritisches Wort auch zu den historischen Erscheinungsformen des Dschihad gewünscht, ebenso wie beim Thema Frau.

          Nach einer ausführlichen Darstellung jener teilweise turbulenten politischen Ereignisse und gesellschaftlichen Zusammenhänge, die unter Omajjaden (661 bis 750) und Abbasiden (750 bis 1258) zur Herausbildung des islamischen Scharia-Rechts und der islamischen Lebensform führten (die deshalb "historisch" ist und keineswegs unantastbar, wie Fundamentalisten und Traditionalisten behaupten), beschreibt Aslan Entstehung und Wesen der Schia, der er selbst angehört, der zweiten Konfession des Islams, die sich vom Sunnitentum durch ihre kollektiven Trauer- und Opferrituale um die Heilsgestalten der Imame eklatant unterscheidet, aber auch durch ihre höhere Wertschätzung des "idschtihad", der freien theologischen Forschung und Auslegung der Quellen mit rationalen Mitteln, die prinzipiell bis heute gilt. Unter Ajatollah Chomeini (1902 bis 1989) gelang es den Schiiten in Iran, die politisch enorm ausdifferenzierte Opposition gegen den Schah zu bündeln, geschickt durch ihre religiöse Symbolik zu vereinnahmen und den Schiismus in Gestalt einer "islamischen Republik" politisch zu aktivieren. Chomeini brach mit der Tradition eines seit Jahrhunderten herrschenden Quietismus der schiitischen Religionsgelehrten.

          Als dritter Zweig des Islams wird der Sufismus dargestellt, der auf weite Strecken bemüht war, das Religionsgesetz zu verinnerlichen, bisweilen zu überwinden - eine Bewegung, die vor allem unter Persern, Moguln und Osmanen auch die klassische Dichtung des Islams prägte (Nizami, Hafis, Maulawi und andere) und unter dem Einfluß des großen Mystikers Ibn Arabi aus Murcia (1165 bis 1240) eine bis heute verbreitete Theorie von der "Einheit allen Seins" (wahdat al wudschud) entwickelte, einen idealistischen Monismus.

          Der Schluß dieses gehaltvollen und spannenden Buches legt jene panislamischen, antiimperialistischen Bewegungen dar, die von Indien, Iran, der Türkei oder Ägypten ausgingen und heute jene brisante Mischung eines innerislamischen Kulturkampfes zwischen Islamisten, Traditionalisten und Reformern konstituieren. Die Rolle Saudi-Arabiens und des Wahhabitentums bei der Herausbildung und Förderung radikaler, fundamentalistischer Tendenzen und Bewegungen kommt leider viel zu kurz. Im Widerspruch zur vorherrschenden Meinung glaubt Aslan daran, daß die radikalen und verfestigten Formen des Islams, deren schlimmste Ausdrucksform der Terrorismus ist, dauerhaft keine Chance haben werden. Die reformerischen Kräfte werden in der globalisierten Weg siegen, auch wenn das nicht so aussehen mag.

          Reza Aslan: "Kein Gott außer Gott". Der Glaube der Muslime von Muhammad bis zur Gegenwart. Verlag C. H. Beck, München 2006. 335 S., geb., 24,90 [Euro].

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