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: Wenn es um Leben und Tod geht, ist die Kultur kein Argument

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Zu den beunruhigenden Zügen der deutschen Diskussion über den Rang von Embryonen gehört die Diskrepanz zwischen einer Rhetorik, die Würde und Lebensrecht der Ungeborenen hochhält, und einer Praxis, die davon häufig nur wenig übrigläßt. Prominentes Beispiel ist das Abtreibungsrecht, wie es zuletzt etwa ...

          Zu den beunruhigenden Zügen der deutschen Diskussion über den Rang von Embryonen gehört die Diskrepanz zwischen einer Rhetorik, die Würde und Lebensrecht der Ungeborenen hochhält, und einer Praxis, die davon häufig nur wenig übrigläßt. Prominentes Beispiel ist das Abtreibungsrecht, wie es zuletzt etwa von Reinhard Merkel kritisiert wurde: Einerseits hat das Bundesverfassungsgericht die nicht durch eine Indikation gedeckte Abtreibung während der ersten drei Schwangerschaftsmonate für rechtswidrig erklärt, andererseits hat es strikt untersagt, aus dem Umstand der Rechtswidrigkeit irgendwelche strafrechtlichen Konsequenzen zu ziehen. Wenn Prinzipien und Praxis derart auseinanderklaffen, ist freilich nicht stets die letztere dafür verantwortlich zu machen. Manchmal stellt eine freizügige Praxis lediglich eine verdeckte Notwehr gegen eine Semantik dar, die, obwohl sie offiziell noch aufrechterhalten wird, längst als unhaltbar durchschaut ist. Liegt es so auch im Falle des Umgangs mit dem ungeborenen Leben?

          Diese Frage stand im Mittelpunkt des dem "Wert des Menschen" gewidmeten Philosophicum in Lech, dessen Beiträge jetzt von Konrad Paul Liessmann als Buch herausgegeben wurden. Die Antworten fielen so aus, wie man dies nach dem Studium der Teilnehmerliste erwarten konnte. Norbert Hoerster und Reinhard Merkel bekräftigten ihre These von der Anknüpfung des Rechts auf Leben an ein faktisches Lebensinteresse, während Robert Spaemann und Eberhard Schockenhoff ein Lebensrecht des Embryos vom Beginn seiner biologischen Existenz an verteidigten. Also alles wie gehabt? Nicht ganz. Die bisherigen Hauptargumente zugunsten eines umfassenden Lebensschutzes waren ontologischer Natur: Das genetische Entwicklungspotential eines Menschen sei mit der Verschmelzung von Ei und Samenzelle vollständig entstanden. Dieses Potential entfalte sich im Verlaufe eines kontinuierlichen biologischen Prozesses. Embryo und geborener Mensch seien identisch.

          In Lech stützten Spaemann und Schockenhoff ihre Kritik an der Gegenauffassung demgegenüber in erster Linie auf ein normatives Argument. Welche Konsequenzen hätte es, so fragte Spaemann, wenn wir als Mitglieder der menschlichen Rechtsgemeinschaft nur unter der Voraussetzung anerkannt würden, daß wir bestimmte tatsächliche Eigenschaften aufwiesen? In diesem Fall läge es im Belieben der bereits anerkannten Mitglieder, diejenigen Eigenschaften zu definieren, aufgrund deren jemand Menschenwürde besitze und Menschenrechte beanspruchen dürfe. "Das aber würde den Gedanken des Menschenrechts überhaupt aufheben. Dieser setzt nämlich voraus, daß jeder Mensch als geborenes Mitglied der Menschheit kraft eigenen Rechts den anderen gegenübertritt, und dies wiederum bedeutet, daß die biologische Zugehörigkeit zur Spezies Homo sapiens allein es sein darf, die jene Minimalwürde begründet, welche wir Menschenwürde nennen."

          Was ist von diesen Argumenten, den herkömmlichen sowie dem neu hinzugekommenen, zu halten? Nichts, erwidert Dieter Birnbacher. Birnbacher, einer der wenigen bekennenden Utilitaristen unter Deutschlands Philosophen, gehört hierzulande zu den Bioethikern der ersten Stunde. Eine Auswahl seiner einschlägigen Aufsätze liegt nun unter dem Titel "Bioethik zwischen Natur und Interesse" vor. Die Schwäche des Potentialitätsarguments erblickt Birnbacher darin, "daß wir in allen anderen Anwendungsfällen als dem Anwendungsfall Mensch es weit von uns weisen, ein potentielles x mit denselben Rechten und demselben Status auszustatten wie das x, zu dem sich das potentielle x normalerweise oder günstigstenfalls entwickelt". Entsprechendes gelte in bezug auf das Identitätsargument. "Kinder haben nicht dieselben Rechte und Pflichten wie die Erwachsenen, zu denen sie im Laufe der Zeit heranwachsen." Diesen Befund hat freilich niemand jemals bezweifelt. Daß Embryonen und Kinder nicht sämtliche Rechte von Erwachsenen haben, bedeutet aber nicht, daß ihnen nicht zumindest einige von deren Rechtspositionen zustehen können. Und für welches Recht liegt diese Annahme näher als für das Recht auf Leben, dessen Respektierung die Grundvoraussetzung für den Erwerb aller weiteren Rechtspositionen darstellt?

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