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: Wenn die Literatur das Böse zum Leben erweckt

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GENF, 21. FebruarAls im Spätsommer 2006 Jonathan Littells "Les Bienveillantes" in Paris erschienen, arbeitete der Historiker Paul-Eric Blanrue - dessen neuestes Buch von Sarkozy und Carla Bruni handelt - an einem Werk über den Antisemitismus. Er sollte den Roman für die Zeitschrift "Historia" besprechen.

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          GENF, 21. Februar

          Als im Spätsommer 2006 Jonathan Littells "Les Bienveillantes" in Paris erschienen, arbeitete der Historiker Paul-Eric Blanrue - dessen neuestes Buch von Sarkozy und Carla Bruni handelt - an einem Werk über den Antisemitismus. Er sollte den Roman für die Zeitschrift "Historia" besprechen. "Ich habe ihn verschlungen", erzählt Blanrue und war so hingerissen, dass er nach der Kritik auch noch ein Buch über Littell schrieb. Er gab ihm den Titel "Die Schlechtgesinnten": "Les Malveillantes" (Editions Scali).

          Für Paul-Eric Blanrue sind "Die Wohlgesinnten" kein historisches Werk, sondern ein sehr subjektiver Roman über den Zweiten Weltkrieg und ein Buch der literarischen Querverbindungen. "Una ist Ada", schreibt Blanrue: Max Aues Schwester, mit der er ein Verhältnis hat, entspricht der Romanfigur von Nabokov. Intensive Ausführungen widmet Blanrue dem Zwillingsmotiv des Romans, das er auf Michel Tourniers "Les Météores" zurückführt. Er zitiert dazu viele Belegstellen aus dem Roman.

          Sehr wichtig ist für den Essayisten die Tatsache, dass Max Aue gegen Auschwitz und die Gaskammern ist. "Er beteiligt sich nicht an den Massakern, er ist ein Berichterstatter und Kommentator. Er möchte die Juden lieber als Sklaven gebrauchen. Er ist ein Mörder, aber er tötet mehr Menschen aus seiner Umgebung als Juden. Er ermordet Freunde, seine Mutter, den Stiefvater, einen Greis, der in der Kirche Bach spielt." In Max Aue will er den antifaschistischen Schriftsteller Max Aub erkennen: jüdische Familie, deutscher Vater, französische Mutter. Den Unterschied macht das kleine "e" anstelle des "b" aus: Es steht im Französischen für die weibliche Form. Blanrue zitiert dazu eine Aussage des Ich-Erzählers, der erklärt, dass ihm zur Frau nur dieses kleine "e" fehle. Im Namen - als Omen - hat er es.

          Blanrue lobt den Roman als extrem welthaltig und radikal subjektiv. Es sei ein Roman über Littell selbst, der die Öffentlichkeit scheut: "Er versteckt sich, um nicht über sich selber sprechen zu müssen. Alle seine Obsessionen sind im Roman. Ich denke nicht, dass Littell weitere Bücher schreiben wird. Ich mag mich irren, aber nach so einem Werk ist ein weiterer Roman eigentlich unvorstellbar. Littell geht in seiner maskierten Selbstenthüllung so weit, dass man nicht sieht, was er darüber hinaus noch zu sagen haben sollte."

          Ein "Bordbuch" als Leser der "Wohlgesinnten" wollte der Schriftsteller und Journalist Marc Lemonier schreiben - Randnotizen zum besseren Verständnis. Es ist indes sehr viel mehr geworden: "Les Bienveillantes décryptées" (Editions Le Pré aux Clercs) zeichnet das historische Panorama der Handlung, informiert über den Kriegsverlauf, die Schlachten, die Ausmerzung und die Deportation der französischen Juden, über Auschwitz und das Warschauer Getto. Lemonier skizziert ebenfalls das kulturelle Klima in Deutschland - mit Porträts der "Ufa-Starlets" Ilse Werner, Maria Milde, Marika Rökk, Karajan und Furtwängler - und jenes der intellektuellen Kollaboration in Frankreich: Brasillach, Rebatet, Céline, die Zeitschrift "Je suis partout". Der Autor folgt der Dramaturgie des Romans und beschreibt am Schluss den Untergang Berlins. Offenbar hat Marc Lemonier auf den Spuren der "Bienveillantes" einige der historischen Schauplätze besucht, deren zeitgenössisches Gesicht er beschreibt.

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