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: Wenn der Mensch schweigt, sprechen die Dinge

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Nein", sagt Inge Jens, "das hat es wohl tatsächlich noch nie zuvor gegeben. Dass so viele so alte Menschen, dass so viele Achtzigjährige wie heute am öffentlichen Leben ihres Landes teilnehmen und es mitbestimmen, ist vermutlich einzigartig." Aber wie ist dieses Phänomen jenseits des Biologischen ...

          Nein", sagt Inge Jens, "das hat es wohl tatsächlich noch nie zuvor gegeben. Dass so viele so alte Menschen, dass so viele Achtzigjährige wie heute am öffentlichen Leben ihres Landes teilnehmen und es mitbestimmen, ist vermutlich einzigartig." Aber wie ist dieses Phänomen jenseits des Biologischen zu erklären? Warum schaut eine Gesellschaft, die sich selbst dem Jugendwahn verfallen glaubt, gebannt auf ihre unermüdlichen Greise? "Es hat vor allem mit moralischer Integrität zu tun", sagt der Theologe Hans Küng, 81, der nur ein paar Schritte entfernt wohnt, "ohne Integrität und Ehrlichkeit wäre das nicht denkbar." Marcel Reich-Ranicki, 88 Jahre alt und dem Tübinger Ehepaar seit mehr als einem halben Jahrhundert verbunden, verweist auf die "relative Schwäche der nächsten Generation, darin liegt wohl der Hauptgrund für die enorme Rolle der Achtzigjährigen heute". Inge Jens denkt noch einen Moment nach, dann sagt sie: "Die Alten haben ja gar nichts mehr auszustehen. Es findet nicht einmal mehr ein Generationenkonflikt statt. Vielleicht sucht unsere Gesellschaft einfach nur etwas, vor dem sie Respekt haben kann."

          Bis vor wenigen Jahren gehörte Walter Jens zur Speerspitze seiner Generation. Zwischen den Politikern Schmidt und von Weizsäcker, den Schriftstellern Grass, Walser, Enzensberger, den Kritikern Reich-Ranicki und Kaiser war er der Rhetor. Zugleich war er von allem etwas: Schriftsteller, Kritiker und republikanischer Homo politicus, der mit Böll demonstrierte, desertierte amerikanische Soldaten versteckte und in Hunderten, wenn nicht Tausenden von Kommentaren vor Rundfunkmikrofonen und Fernsehkameras dem Land sagte, was es zu denken hatte. Jens war eine öffentliche Person. Der Schutz der Anonymität war nicht gewünscht und im kleinen Tübingen auch nicht denkbar. Wenn Walter Jens Schnupfen hatte, wusste es die halbe Stadt.

          Jetzt ist Walter Jens dement, und das ganze Land weiß es. Inge Jens hat Interviews gegeben, in denen sie den Zustand ihres Mannes beschreibt, der älteste Sohn Tilman, 54 Jahre alt, hat ein Buch "Demenz. Abschied von meinem Vater" geschrieben, das beileibe nicht nur die Kritik spaltet (F.A.Z. vom 23. Februar). Hans Küng rutscht unruhig auf seinem Sessel hin und her, bleibt aber bei seinem Vorsatz: Nein, er werde sich zu dem Buch mit keinem Wort äußern. Marcel Reich-Ranicki hatte schon nach den in der "Bild"-Zeitung vorabgedruckten Auszügen genug: "Was Tilman Jens getan hat, ist taktlos, geschmacklos und völlig überflüssig." Gert Ueding, Schüler von Jens und dessen Nachfolger auf dem Lehrstuhl für Allgemeine Rhetorik, hat mit dem Buch den Sohn rezensiert und Tilman Jens literarischen Vatermord in der Tradition von Schillers Franz Moor vorgeworfen.

          Den Generationenkonflikt, den Inge Jens vermisst, sehen viele Beobachter in ihrem eigenen Haus toben: Da rächt sich einer, der sein Leben lang im Schatten des Vaters gestanden hat, gibt das wehrlos gewordene Familienoberhaupt dem Gespött preis und zeigt den Vater, wie dieser nie sein und nie gesehen werden wollte: geistig verwirrt, hilflos, der Sprache beraubt.

          "Ein bissel Angst", sagt Tilman Jens am Montag im Gespräch in Frankfurt, habe er schon vor der Buchpremiere in Tübingen. Die Angriffe gegen ihn auf der Leserbriefseite des "Schwäbischen Tagblatts" waren massiv, es gab Aufrufe nicht zur zum Boykott der Lesung, sondern auch des Veranstalters, der ehrwürdigen Osianderschen Buchhandlung, gegründet 1596.

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