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: Wenn das der Duden wüsste

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Der eine war der erste deutsche Verleger, der schon die Statur eines Konzernchefs besaß; der andere als Diplomat, Historiker, Publizist und Literaturkritiker ein vielseitiges Talent, wie es sich jeder Buch- und Zeitungsverleger wünscht. Cotta gewann für seinen Verlag Goethe und Schiller; Varnhagen ...

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          Der eine war der erste deutsche Verleger, der schon die Statur eines Konzernchefs besaß; der andere als Diplomat, Historiker, Publizist und Literaturkritiker ein vielseitiges Talent, wie es sich jeder Buch- und Zeitungsverleger wünscht. Cotta gewann für seinen Verlag Goethe und Schiller; Varnhagen verdiente sich nach dem ironischen Ausspruch seines Freundes Heine den Titel "Statthalter Goethes auf Erden". Beide konnten nicht mit einem adligen Vater aufwarten, aber sich auf die aristokratische Herkunft eines Vorfahren berufen und erhielten das Adelsprädikat nachträglich zugesprochen. Doch beide waren politische Gegner der alten Adelsherrschaft.

          Der Freiherr von Cotta beteiligte sich an riesigen Aktiengeschäften (Fabriken und Dampfschifffahrt) und hinterließ den Erben viel Ärger; Karl August Varnhagen von Ense, der 1814 die Königin der Berliner Salons, Rahel Levin, geheiratet hatte, gefiel sich in der Rolle eines literarischen Prinzgemahls und stellte sich nach Rahels Tod ganz in den Dienst ihres Nachruhms.

          Der Briefwechsel zwischen Varnhagen von Ense und Johann Friedrich von Cotta liegt nun in einer zweibändigen Ausgabe vor, die den Philologen wie den Historiker und darüber hinaus den am politischen und kulturellen Leben in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts interessierten Leser gleichermaßen erfreuen muss. Die Arbeit für den Briefband und den umfassenden, das weite "Kommunikationsnetz" der beiden Briefschreiber heranziehenden Kommentar im zweiten Band teilten sich Konrad Feilchenfeldt, Bernhard Fischer und Dietmar Pravida, die dafür schon durch ihre Vorarbeiten qualifiziert waren. Diese Ausgabe war nach Wilhelm Vollmers Sammlung der Briefe Schillers und Cottas (1876), Horst Fuhrmanns und Lieselotte Lohrers Edition der Korrespondenz von Schelling und Cotta (1965) und Dorothea Kuhns Ausgabe des Briefwechsels zwischen Goethe und Cotta (1979 bis 1983) nur noch wünschbarer geworden. Denn Varnhagen stand Cotta nicht nur als Autor des Stuttgarter Buchverlags, sondern auch als Mitarbeiter der Augsburger "Allgemeinen Zeitung" nahe; die Bibliographie der Beiträge zwischen 1814 und 1849 umfasst mehrere hundert Artikel.

          Aber die Beziehungen, die schließlich freundschaftlichen Charakter annahmen, waren nicht nur geschäftlicher Art, obwohl die politischen Verbindungen Varnhagens und dessen enormer Bekanntenkreis dem Verleger und Zeitungsherausgeber willkommen sein mussten, wie umgekehrt Varnhagen eigene Freunde dem Verleger zuführte. Die folgenreichste Vermittlung war die seines Freundes Heinrich Heine (die erste Empfehlung des "jungen Freunds" und Verfassers der "hochgenialen Reisebilder" trägt das Datum des 11. Mai 1827). Die berühmten Briefe Heines aus Paris über Politik, Kunst und Volkscharakter erschienen in der Augsburger "Allgemeinen Zeitung" seit 1831, die wichtigsten, später unter dem Titel "Lutetia" gesammelten, in den Jahren zwischen 1840 und 1843. Aber funktionieren konnten die Beziehungen Varnhagens zu Cotta wie zu Heine nur, weil gemeinsame liberale Ansichten in politischen und literarischen Kernfragen die drei verbanden. Cotta und Varnhagen waren Patrioten, aber alles andere als "Franzosenfresser". Varnhagen förderte nach seiner Ernennung zum Geschäftsträger Preußens am badischen Hof im Jahre 1815, von Berlin aus bald misstrauisch beobachtet, die Arbeit im badischen Verfassungsausschuss und Bestrebungen "für das Bürgertum, gegen die Vorrechte des Adels". Mit den "Demagogenverfolgungen", die der Mord des Studenten Karl Sand am Schriftsteller Kotzebue, dem verhassten "Verräter" und "Obskuranten", auslöste (1819), fiel auch Varnhagen in Ungnade, wurde vom Mannheimer Hof abberufen und zunächst in den Wartestand, 1824 in den Ruhestand versetzt. Der Briefwechsel spiegelt Varnhagens Bitterkeit über die verschärfte Zensur und die politische Stagnation. "Papiere sind jetzt ein böser Schatz, sie können jeden Augenblick zu feurigen Kohlen werden." Er fühlte sich bedrückt von der "Gewitterstille, die über Deutschland brütet". Bis zu seinem Tod 1858 lebte er in Berlin.

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