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: Wen die Nachtigall stört

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Sie ruhte in sich. Sie tat, was sie für richtig hielt. Sie heiratete nicht. Sie rauchte. Und sie schrieb einfach nicht mehr. Wie gern hätten die beiden Dichter ihre Schreibmaschine ins Baumhaus getragen. Aber dafür war sie zu schwer, und so schleppten Nelle Harper Lee und Truman Streckfus Persons das monströse Ding, eine schwarze Underwood No.

          Sie ruhte in sich. Sie tat, was sie für richtig hielt. Sie heiratete nicht. Sie rauchte. Und sie schrieb einfach nicht mehr. Wie gern hätten die beiden Dichter ihre Schreibmaschine ins Baumhaus getragen. Aber dafür war sie zu schwer, und so schleppten Nelle Harper Lee und Truman Streckfus Persons das monströse Ding, eine schwarze Underwood No. 5 im Stahlgehäuse, zwischen ihren Kinderzimmern hin und her. Um mal hier, mal dort zu schreiben, mit nur einem Finger und über die Einwohner ihrer Straße, der South Alabama Avenue von Monroeville. Sie war ein Wildfang, er verträumte die Tage im Nachbargarten, zwischen Azaleen und Flieder. Sie war kurzgeschoren, seine Tante zog ihm Hawaiihemden an und weiße Bermudas und setzte ihm ein Eton-Käppchen auf die feinen blonden Haare - kein Wunder, daß Trumans Mitschüler an der Monroeville Elementary School ihn ständig verprügeln wollten. Wäre da nicht Nelle gewesen, die Baseballspielerin und Bäumekletterin, die sich vor ihn stellte. Es war wie Becky Thatcher und Huckleberry Finn, nur andersherum, auch wenn der Mississippi weit war: eine Südstaatenromanze, mehr noch, eine Art Blutsbrüderschaft zwischen zwei der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts, Harper Lee und Truman Capote.

          An diesem Freitag kommt in Amerika mit "Infamous" schon der zweite Film in kurzer Zeit über Truman Capote in die Kinos, nach dem oscarprämierten "Capote" aus dem Vorjahr. Und auch dieser zweite Film widmet sich der Entstehung von "In Cold Blood", jenem Reportagebuch über den kaltblütigen Mord an der Familie Clutter, das Truman Capote 1965 berühmt gemacht hat - und das er gemeinsam mit Harper Lee in Kansas recherchierte. Diesmal spielt Sandra Bullock die Rolle des "assistant researchist" Harper Lee, wie Capote seine Freundin genannt hatte, beim ersten Film war es die elegante Catherine Keener gewesen. Die viel interessantere Geschichte aber, die der lebenslangen und hartgeprüften Freundschaft zwischen den beiden Nachbarskindern aus Monroeville, die sich gegenseitig auf der schwarzen Underwood No. 5 ihre Geschichten diktierten, hat nun der Journalist und Kinderbuchautor Charles J. Shields erzählt, in seiner Biographie der Pulitzerpreisträgerin Harper Lee, es ist die erste überhaupt.

          "Mockingbird" heißt sein Porträt: Nachtigall. Das gibt schon im Titel vor, wie man das Leben der Schriftstellerin verstehen muß, im Spiegelbild ihres einzigen Buches nämlich. "To Kill a Mockingbird" erschien 1960 und verkaufte sich seither millionenfach auf der ganzen Welt, es wurde Ende der achtziger Jahre an 74 Prozent aller öffentlichen Schulen Amerikas durchgenommen, in Umfragen nennen es manche Leser ihr zweitwichtigstes Buch nach der Bibel. Harper Lee aber, die im April achtzig Jahre alt geworden ist, hat nach "Wer die Nachtigall stört" nie wieder ein Buch veröffentlicht. Und selbst das eine ist nur leicht kostümierte Autobiographie: die Geschichte einer Kleinstadt in Alabama namens Maycomb (alias Monroeville) in den dreißiger Jahren, in der ein gerechter Anwalt namens Atticus Finch (der Mädchenname ihrer Mutter, der Vater war Anwalt) einen zu Unrecht der Vergewaltigung beschuldigten Schwarzen vergeblich vor der Todesstrafe zu retten versucht, während seine mutterlos aufwachsenden Kinder Jem und die Erzählerin Scout (alias Harper Lee) und deren Freund, der notorische Lügner und Sommergast Dill (alias Truman Streckfus Persons alias Capote), die Zauber der großen Ferien und ihre Geheimnisse erforschen.

          Zu diesen Geheimnissen zählt Arthur "Boo" Radley, der Nachbarssohn, der hinter verriegelten Fensterläden lebt und nur im Dunkeln herauskommt, ein Phantom, das Jem, Scout und Dill fürchten und in Mutproben aus seinem Versteck locken wollen. Und natürlich gab es einen Boo Radley auch in der South Alabama Avenue von Monroeville, nur zwei Häuser weiter: Alfred R. Boleware, dessen Vater ihn nach einem Einbruch einsperrte, im ewigen Hausarrest. All das trägt Charles J. Shields fulminant zusammen, alles reimt sich auch zusammen, seine eigentliche Pointe aber traut er sich nicht auszusprechen: daß Boo Radley in Harper Lee seine Wiedergängerin fand, daß sie sich entschied, Boo zu sein.

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