https://www.faz.net/-gr3-oxwx

: Weltuntergang in Anekdoten

  • Aktualisiert am

Auf einem unbedeutenden Planeten in einem unbedeutenden Sonnensystem in einer unbedeutenden Galaxis lebt eine Spezies, die sich selbst - ohne jede Ironie - Homo sapiens getauft hat und gerade dabei ist, große Teile ihrer Biosphäre plattzumachen. Bill Bryson ist einer davon. Er hat gerade "Eine kurze Geschichte ...

          3 Min.

          Auf einem unbedeutenden Planeten in einem unbedeutenden Sonnensystem in einer unbedeutenden Galaxis lebt eine Spezies, die sich selbst - ohne jede Ironie - Homo sapiens getauft hat und gerade dabei ist, große Teile ihrer Biosphäre plattzumachen. Bill Bryson ist einer davon. Er hat gerade "Eine kurze Geschichte von fast allem" veröffentlicht, die unter anderem erklärt, wieso es dreizehn Milliarden Jahre gedauert hat, bis endlich jemand so ein Buch schreiben konnte.

          Bryson ist eigentlich ein erfolgreicher amerikanischer Reiseschriftsteller. Seine Reportagen können einen Leser süchtig machen, wenn er für ihre sehr angelsächsische Form der liebevollen Bösartigkeit empfänglich ist. An den Naturwissenschaften war Bryson nie sonderlich interessiert, so sagt er jedenfalls. Vor ein paar Jahren wurde er aber vom Saulus zum Paulus. Er wollte wissen, was eigentlich hinter den Begriffen wie Urknall, Relativitätstheorie, Elementarteilchen, Galaxis, Planet, Kontinentalverschiebung, Eiszeit et cetera steckt und wie es zur Entstehung des Menschen durch natürliche Zuchtwahl gekommen ist. Das resultierende Buch kann man allen seinen Geistesverwandten empfehlen. Hier hat ein geläuterter naturwissenschaftlicher Ignorant für seinesgleichen geschrieben. Ein langjähriger Leser des "Scientific American" wird wenig für ihn prinzipiell Neues entdecken, und das ist gut so. Wir sind im Grundkurs für Erstsemester.

          Zum Glück ist Bryson immer noch Bryson geblieben. Ein Hofnarr mutiert nicht plötzlich zum Physikprofessor. Statt nach Australien reist er diesmal durch die Zeit. Er beschreibt wissenschaftliche Erkenntnisse in der historischen Reihenfolge, in der sie entstanden, und er ergänzt das mit kuriosen Anekdoten aus dem Leben der zugehörigen Wissenschaftler. Dabei ist er zwar so anzüglich, wie es seine Art ist, aber man spürt doch gleichzeitig, daß er den Haderlumpen und den Schwachköpfen viel verzeiht, wenn sie sich kompensatorisch auf anderen Gebieten Verdienste erworben haben. Albert Einsteins uneheliches Kind wurde zur Adoption freigegeben, ohne daß er es je zu Gesicht bekam. So what? Die Allgemeine Relativitätstheorie ist trotzdem vom Feinsten. "Hubble war im Beobachten viel besser als im Nachdenken." Ein Lob von Bill Bryson ist manchmal ein Danaergeschenk. Je mehr er sich der Gegenwart nähert, desto mehr hält er sich aber mit seinen Gemeinheiten zurück. Vielleicht ist er konfliktscheu, vielleicht steckt dahinter aber auch der sehr humane Wunsch, keine lebende Person zu verletzen. Oder sind die verschrobenen Originale in der Wissenschaft inzwischen ausgestorben wie die Trilobiten? Das wäre schade.

          Das Buch schildert die Kette der Zufälle, die vorläufig mit uns Herrentieren endete. Wir bekommen einen Überblick über die Entstehung des Universums, der Erde, des Lebens und die Evolution von Homo sapiens. Dabei ging und geht immer wieder viel kaputt. Die Geschichte der Welt ist eine Geschichte der Zerstörung. Sterne mußten explodieren, damit es Nachschub von den schwereren chemischen Elementen gab. Ein Asteroid stürzte auf die Erde und verursachte das Aussterben der Dinosaurier, die dann von den Säugetieren beerbt wurden. Während der Eiszeiten rasierten die Gletscher ganze Kontinente. Heute hat sich das Artensterben aufgrund der besonderen Talente der Menschheit gewaltig beschleunigt.

          Natürlich ist unser Wissen von all diesen Dingen unvollkommen, und es ändert sich ständig. Bryson glaubt nicht alles, was man ihm erzählt hat, und er weist immer wieder darauf hin, daß unterschiedliche Quellen unterschiedliche Aussagen machen. Das Buch enthält kein Diagramm und fast keine Formel. Es besteht nur aus guten altmodischen Wörtern. Auch in der Übersetzung spürt man noch viel von der amüsierten Sprache des Originals.

          Zu preisen ist Bryson für seine Bemühung um Präzision. Leider ist nicht alles, was er schreibt, hieb- und stichfest. Es ist nur ein urbaner Mythos, daß in alten Kirchen die Fensterscheiben unten immer dicker werden, weil das Glas nach unten fließt. Benjamin Franklins berühmtes Experiment mit dem Drachen im Gewitter hat womöglich nie stattgefunden. Aber solche zweifelhaften Fakten sind wohl eher Ausnahmen. In der Regel hat sich Bryson liebevoll um die Details bemüht. Er hat nicht nur abgeschrieben, er hat auch verifiziert (oder verifizieren lassen). In einer Fußnote informiert er beispielsweise darüber, daß Einsteins berühmtes Diktum "Gott würfelt nicht" zwar dem Sinn nach, aber nicht wörtlich korrekt ist. "Dinosaurier" bedeutet "schreckliche Echse". Das hat man schon hundertmal gelesen. Hier aber erfährt man auch, daß Velociraptor und Co. nicht zu den Echsen gemäß der Definition der Biologie gehörten. Für einen Biologen ist das zweifelsohne eine Trivialität, aber unsereiner ist für die Information dankbar. Bryson schildert die Geschichte vom Erbsenzähler Gregor Mendel und seinen Mendelschen Gesetzen nicht in der verkürzten Form, in der man sie sonst zu lesen bekommt. Was aber bei dieser löblichen Ausführlichkeit auch dazugehört hätte, ist die Information, daß der Mönch seine statistischen Daten höchstwahrscheinlich etwas geschönt hat, um die - korrekten - Ergebnisse plausibler erscheinen zu lassen. Man merkt eben manchmal doch, daß Bryson ein Neophyt ist, der sich nicht ein Leben lang mit seinem Thema beschäftigt hat.

          Was ist die Quintessenz der Lektüre? Bryson schreibt wie ein Engel. Wer sich für die Naturwissenschaften interessiert und regelmäßig die Empfehlungen der Sachbuchseite dieser Zeitung befolgt hat, gehört aber nicht unbedingt zur Zielgruppe des Buchs. Bryson ist immer lesenswert, aber man kann ja auch gegebenenfalls mit einem anderen Werk anfangen. Noch mehr als sonst empfiehlt sich bei ihm die Lektüre in der Originalsprache.

          ERNST HORST

          Bill Bryson: "Eine kurze Geschichte von fast allem". Goldmann Verlag, München 2004. 672 S., geb., 24, 90 [Euro].

          Weitere Themen

          Der Mythos Kreuzberg

          FAZ Plus Artikel: Rundgang mit Revoluzzern : Der Mythos Kreuzberg

          Vor 40 Jahren haben die Berliner Hausbesetzer einen Stil geprägt, der die ganze Welt erobert hat. Noch heute versuchen Aktivisten so Wohnraum zu erhalten. Ein Rundgang mit drei Revoluzzern von einst.

          Topmeldungen

          Reaktion auf Vorsitzendenwahl : Wie Friedrich Merz seinen Trumpf verspielte

          Der Wunsch, Minister zu werden, kostet Friedrich Merz Unterstützung im eigenen Lager. Führende CSU-Leute üben sich bei Kommentaren zum neuen CDU-Vorsitzenden derweil in Zurückhaltung – um sich die Gunst des eigenen Chefs zu sichern.

          Vor dem Krisengipfel : Ruf nach echtem Lockdown wird lauter

          Vor dem Treffen der Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten mehren sich Forderungen nach härteren Maßnahmen. Gesundheitsminister Jens Spahn spricht angesichts der neuen Virus-Varianten von „besorgniserregenden Meldungen“.
          Die Seiser Alm: Unter der Woche verliert sich auf dem größten Hochplateau Europas kaum eine Menschenseele. (Symbolbild)

          Nach Lockdown wieder geöffnet : Südtiroler Sonderweg

          Nach dem Lockdown über Weihnachten und Neujahr in ganz Italien hat Südtirol seit dem 7. Januar wieder „geöffnet“ und widersetzt sich dem Lockdown.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.