https://www.faz.net/-gr3-81sxq

Blogs von Raif Badawi als Buch : Weltbürger gegen Gottesstaat

  • -Aktualisiert am

Dagegen beruft sich Badawi, deutlich auch geschult am europäischen Vorbild, auf Natur- und Menschenrecht und sieht sich selbst „in erster Linie als Weltbürger“: „Ob es uns gefällt oder nicht, wir sind Teil der Menschheit, und uns obliegen demnach dieselben Pflichten wie allen anderen Menschen auch, und wir haben dieselben Rechte. So wie die anderen unserer Andersartigkeit Achtung zollen, so müssen wir auch das Anders-als-wir-Sein der anderen respektieren.“ Es ist vor allem die religiöse Toleranz, die ihm zentral wird: „Die religiösen Überzeugungen der Menschen, ihre Entscheidungen und ihr angeborenes Recht auf Glaubensfreiheit zu respektieren, verlangt uns einen gewissen Großmut ab. Wie wäre es, wenn wir es den anderen einmal gleichtäten und versuchen würden, eine humanistische Zivilisation und normale Beziehungen zu sechs Milliarden Menschen aufzubauen, von denen mehr als viereinhalb Milliarden nicht dem Islam angehören?“

Badawi ist kein Theoretiker, doch seine mitunter einfachen Sätze, die ihre Beglaubigung durch all die Drangsale erfahren, die er erleiden muss, verfehlen ihre Wirkung nicht: „Vernünftige und rationale Menschlichkeit ist der einzige Katalysator und Motor für den Aufbau von Gesellschaften unter dem Vorzeichen der Toleranz, Kreativität und technologischer Entwicklung. Keine wie auch immer geartete Religion kann menschlichen Fortschritt bewerkstelligen. Das ist nicht irgendeinem Mangel der Religionen zuzuschreiben, sondern ganz einfach der Tatsache, dass Religionen eben Religionen sind, sprich: persönliche und intime spirituelle Beziehungen zwischen Individuum und Schöpfer.“

Das westliche Modell ist inzwischen selbst in Gefahr

Mit Verve erklärt Raif Badawi die Idee des Liberalismus, der für viele Muslime gleichbedeutend sei mit „Blasphemie, Apostasie, moralischem Verfall, FKK-Stränden, Homo-Ehe“. Dagegen setzt der Autor emphatisch: „Der Liberalismus bietet alles, was den individuellen Freiheiten ihr Dasein gewährt. Auch die Freiheit der Religionsausübung ist durch ihn garantiert. Jedoch zwingt er der Gesellschaft nicht irgendeinen bestimmten spirituellen Ansatz auf durch Bevormundung oder Tyrannei. Das ist ein Gewinn, kein Zugeständnis oder Kompromiss.“

Als westlicher Leser wird man vielleicht versucht sein, Badawi angesichts seines scheinbar ungebrochenen Fortschrittsglaubens für naiv zu halten, gerade dann, wenn er die Entwicklung des Westens als Vorbild für die arabische Welt preist. Man könnte fürchten, Badawi sei auf dem Weg hin zu einer unkritischen Aufklärungs-Ideologie, die in ihrem Argumentieren gegen die Theokratie nicht sehen will und kann, wo das europäische und westliche Projekt ins Stocken oder auf furchtbare Abwege geriet. Doch der Blogger ist natürlich weder naiv noch blind. Er weiß allzu genau, dass der Westen in einer tiefen Krise steckt: „Durch das Klima kultureller Dominanz und die Natur der neuen wirtschaftlichen Orientierung bedroht dieses sogenannte westliche Modell die Zukunft der Moderne und der Demokratie. Es bedroht die Werte der Aufklärung und die Prinzipien der Französischen Revolution.“

Die Radikalisierung des Islams sah er bereits kommen

Am Schluss des Bändchens steht konsequenterweise ein Aufruf zu einer eigenen arabischen Aufklärung, zu einer Umwälzung, die ohne historisches Vorbild ist: „Wir werden erst anfangen, wenn uns klar bewusst wird, dass wir weder dort ansetzen müssen, wo unseresgleichen aufgehört haben, noch dort, wo unsere Vorgänger angefangen haben. Wir müssen dort anfangen, wo wir anfangen müssen: nämlich von neuem.“ Erste Zeichen sah er 2012 im arabischen Frühling - zu gerne wüsste man, wie er die Situation heute einschätzt, doch bis auf sein Vorwort müssen die Leser auf aktuellere Texte Badawis warten. Dass er bereits die Radikalisierung islamistischer Terroristen ahnte, macht jedenfalls sein kurzer Text „Träume vom Kalifat“ klar.

Ob Badawis Werk tatsächlich auch ein „Imperativ an die Muslime bei uns“ sein kann, wie der Herausgeber Constantin Schreiber in seiner Einleitung formuliert, mag dahingestellt bleiben. Eines aber ist es sicher: ein kleines großes Buch.

Weitere Themen

„It Must Be Heaven“ Video-Seite öffnen

Trailer : „It Must Be Heaven“

„It Must Be Heaven“ ist eine französisch-kanadische Komödie aus dem Jahr 2019 von Elia Suleiman. Der Film kämpft in Cannes um die Goldene Palme.

„All my Loving“ Video-Seite öffnen

Trailer : „All my Loving“

„All my Loving“ ist der neue Film von Edward Berger und zeigt drei Geschwister, die an einem Punkt angelangt sind, an dem sie schnell etwas verändern müssen, bevor die zweite Hälfte ihres Lebens beginnt.

Topmeldungen

Bayern-Sieg im DFB-Pokal : Geballte Münchner Klasse

Nach dem Meistertitel in der Fußball-Bundesliga sichert sich der FC Bayern nun das Double. Die Münchner setzen sich im Pokalfinale gegen RB Leipzig durch. Vorstandschef Rummenigge bestätigt anschließend: Trainer Kovac bleibt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.