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Islam in Deutschland : Hausgemachte Sinnkrise

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Vollverschleierte Frauen bei einer Kundgebung in Offenbach im Juni 2014 Bild: dpa

Die Hintergründe zur Silvesternacht 2015 in Köln haben zu zahlreichen Debatten geführt. Wie ist das muslimische Frauenbild mit der deutschen Kultur vereinbar? Der Orientalist Alfred Schlicht überlegt, welcher Islam zu uns gehört.

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          Seit der Silvesternacht 2015 in Köln ist Deutschland realistischer geworden in der Beurteilung mancher Befindlichkeiten des Islams. Gelegentlich hört man in jüngeren Diskussionen sogar den arabischen Ausdruck „Taharrusch Gama’i“, der sexuelle kollektive Übergriffe gegen Frauen meint. „Köln“ war kein Ausrutscher, sondern die Übertragung einer häufiger geübten Männer-Praxis aus dem arabisch-nordafrikanischen Raum nach Europa. Auch während der Proteste gegen den ägyptischen Präsidenten Mubarak auf dem Tahrir-Platz 2011 zu Kairo kam es zu sexuellen Belästigungen und Massenvergewaltigungen.

          Alfred Schlicht, Orientalist und Diplomat mit Nahost-Erfahrung, sieht den Ursprung dieser Aggressionen nicht allein in der rigiden Sexualmoral, sondern auch im Frauenbild, das der Koran bis heute vermittelt, etwa in jener Sure 4, Vers 34, die feststellt, dass die Männer „über den Frauen stehen“ und diesen ein gelegentliches Schlagen durchaus empfiehlt, wenn sich die Damen als gar zu störrisch erweisen – als wörtliche Rede Gottes.

          Als Orientalist und Diplomat weiß Schlicht, der mit Büchern über die Araber hervorgetreten ist, dass dies nicht „der ganze Islam“ ist, doch er begrüßt ausdrücklich, dass die nach „Ehrenmorden“, Rachemorden an kritischen Filmemachern, Künstlern oder Satirikern, vor allem jedoch nach unzähligen Terroranschlägen in der islamischen Welt selbst, in Amerika und nun auch in Europa gebetsmühlenartig wiederholte Floskel, das alles habe „mit dem Islam gar nichts“ zu tun, heute weitaus seltener erschallt als vor „Köln“.

          „Gehört der Islam zu Deutschland?“

          In seinem Buch „Gehört der Islam zu Deutschland?“ plädiert Schlicht für einen Realismus, der den patriarchalischen Charakter des Scharia-Islams erkennt und zur Sprache bringt, sowie für eine ehrliche Offenheit, die nichts mehr beschönigt oder beschweigt, um keine „schlafenden Hunde zu wecken“, oder sich auf der Ebene der propagandistischen Kampfbegriffe „Islamophobie“ und „Islamophilie“ abspielt. Eine faire und kundige Islamkritik hat in seinen Augen nichts zu tun mit dumpf-brütender Islam- oder rassistischer Fremdenfeindlichkeit; sie ist vielmehr dringend geboten, um das Zusammenleben zwischen säkularisierten Deutschen und muslimischen Migranten und Neubürgern harmonischer zu gestalten, als das bisher der Fall ist. Eine faire Islamkritik hilft auch jenen vielen Muslimen, die selbst über den verknöcherten, anachronistischen Zustand ihrer Religion klagen und dies ändern möchten – oft unter Lebensgefahr.

          Die vielen Facetten der reichen islamischen Kultur kennt Schlicht. Doch er weiß auch, dass der Islam nicht immer nur „Friede“ (salam) war, sondern durchaus – darin dem christlichen Europa ähnlich – Expansionskriege führte. Der Dschihad war nicht immer nur Verteidigung. Und die „Geschichte der Kreuzzüge“ ist nicht so einfach, wie sie bisweilen, streng moralisierend, gerade auch im Westen dargestellt wird. Der Autor weiß auch, dass das System der Schutzbefohlenen (Juden, Christen, Zoroastrier) den religiösen Minderheiten im Islam eine in vielem erträglichere Stellung bot, als das etwa für die Juden in der Christenheit galt. Mit Gleichberechtigung freilich hatte sie nichts zu tun. So wächst der Muslim oft genug, auch wenn er nicht Islamist ist, mit der Gewissheit auf, dass die nichtmuslimischen Gläubigen doch inferior sind, die „Ungläubigen“ sogar „Schmutz“ oder zumindest unrein (Sure 9, Vers 28). Bis heute ist kaum bekannt, dass während der jüngsten Flüchtlingswellen Christen von Muslimen aus den Booten ins Meer geworfen wurden.

          Islamismus, Salafismus, Dschihadismus, Terrorismus

          Islamismus, Salafismus, Dschihadismus, Terrorismus – das sind Lehren, die nicht mit dem Islam identisch sind. Sie können jedoch, mit all ihren Unterdrückungsmechanismen und Schrecken, die al Qaida, Schabaab, Boko Haram oder der IS praktizieren und verbreiten, nur auf dem Hintergrund einer noch immer unantastbaren, als direktes Gotteswort geltenden Lehre gedeihen, die auf das siebte nachchristliche Jahrhundert zurückgeht und die zu historisieren, zu kritisieren oder gar zu säkularisieren bis heute nicht wirklich gelungen, größtenteils gar nicht gewünscht ist und hintertrieben wird.

          Muslime, muslimische Deutsche und der Islam existieren in Deutschland; damit das Verhältnis zwischen der offenen Gesellschaft und ihnen besser wird, muss alles getan werden, um jene Kräfte zu ermutigen, die eine Kompatibilität zwischen dem islamischen Glauben und der an individuellen Menschenrechten und Demokratie ausgerichteten Gesellschaft erreichen wollen. Skeptische Stimmen gibt es schon genug. Der Historiker Heinrich August Winkler spricht islamischen Gesellschaften die Demokratiefähigkeit nicht ab, doch der deutsch-algerische Islamwissenschaftler Abdel Hakim Ourghi, den Schlicht zitiert, widerspricht: „Der Islam befindet sich in einer Sinnkrise, in einem pathologischen Zustand. Diese Sinnkrise ist hausgemacht und bedarf eines Therapieprozesses auf der Basis der Aufklärung.“

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