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Grass und Reich-Ranicki : Als der Kritiker den Dichter einmal unendlich langweilte

Im April 1995 besuchte Marcel-Reich-Ranicki eine Lesung von Günter Grass aus dem Roman „Ein weites Feld“ im Jüdischen Gemeindezentrum in Frankfurt. Bild: dpa

Zwillingsfeinde: Volker Weidermann zeichnet das Verhältnis zwischen Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki nach und beschränkt sich dabei aufs Loben und Paraphrasieren. Welche wesentlichen Fragen hat er verpasst?

          6 Min.

          Vor sechzig Jahren erschien der Roman „Die Blechtrommel“ von Günter Grass. Seither besitzt die deutschsprachige Literatur der Nachkriegszeit Weltrang. Vor zwanzig Jahren veröffentlichte Marcel Reich-Ranicki die Autobiographie „Mein Leben“. Auch sie hat Epoche gemacht und ist zu einem Klassiker des Genres geworden. Reich-Ranicki und Grass sind Repräsentanten unserer Kultur. Wie nur wenige mit und neben ihnen haben sie die Literatur, die Literaturkritik und das literarische Leben der alten Bundesrepublik geprägt und auch dem wiedervereinten Land ihre Signatur hinzugefügt. Sie waren medial dauerpräsent, selbst jeder Nichtleser hat sie gekannt, beide waren so streitbar wie umstritten – und dabei ungemein populär.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Marcel Reich-Ranicki starb, 93 Jahre alt, am 18. September 2013, Günter Grass am 13. April 2015 mit 87 Jahren. Beider Nachruhm, beider Vermächtnis wurde bereits zu Lebzeiten institutionalisiert. In Lübeck gibt es seit 2002 das Günter-Grass-Haus, seit 2011 die Günter-und-Ute-Grass-Stiftung. 2007 wurde in Tel Aviv der „Marcel-Reich-Ranicki-Lehrstuhl für Deutsche Literatur“ eingerichtet, 2010 an der Universität Marburg die „Arbeitsstelle Marcel Reich-Ranicki für Literaturkritik in Deutschland“ eröffnet, den Nachlass betreut das Deutsche Literaturarchiv in Marbach.

          Die wissenschaftliche und feuilletonistische Beschäftigung mit ihren Biographien, ihren Werken dauert an. Seit 2015 etwa existiert, ein Unikum des Buchmarkts, die von der Grass-Stiftung geförderte Sammlung „Freipass“, eine Art Haus-Zeitschrift im opulenten Buchformat, von der inzwischen drei Bände erschienen sind. Ebenfalls 2015 wurde Reich-Ranickis Briefwechsel mit dem Dichter und Essayisten Peter Rühmkorf in einer sorgfältigen Edition publiziert. Unter den kritischen Zugängen zu den Hauptwerken der beiden ragt bisher Petra Morsbachs Essay „Warum Fräulein Laura freundlich war. Über die Wahrheit des Erzählens“ heraus. 2006 erschienen – kurz vor dem späten Grass-Bekenntnis, als Siebzehnjähriger für die letzten Kriegsmonate der Waffen-SS angehört zu haben –, beschäftigte sich Morsbach darin sprachanalytisch mit der „Blechtrommel“ und mit „Mein Leben“. Bei aller Wertschätzung für die Autoren machte sie in beiden Büchern Probleme der Schreibtechnik und der Erzählmoral kenntlich, damit auch Grenzen und Defizite der jeweiligen Text-Wahrheit.

          Fleißarbeit ohne zündende Idee

          Man muss Petra Morsbachs Positionen keineswegs teilen. Ihr Deutungsversuch aber war und ist ein substantieller Beitrag zu einer Debatte darüber, was die beiden Autoren bewirkt haben, wie sie ihre Wirkung in Szene und Schrift setzten – und was von ihnen bleibt. Es ist deshalb höchst verwunderlich, dass Volker Weidermann den Morsbach-Essay weder im Text noch in der Bibliographie seines Doppelporträts „Das Duell“ erwähnt, das im Untertitel „Die Geschichte von Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki“ verspricht.

          Nein, Weidermann hat keine Hagiographie über die „Zwillingsfeinde“ verfasst. Er hat, was angesichts der gerne zu Heftigkeiten neigenden Protagonisten seines Buchs fast fatal erscheint, eine durchaus solide Fleißarbeit geliefert, die ohne zündende Idee auskommt, ohne Übertreibung – zudem auch ohne Fußnoten und Register – ihr strikt chronologisches Vorgehen exekutiert und trotz mancher saloppen Formulierung („Grass ist berühmt und erfolgreich, Geld ist genug für alles und alle da“) im Grunde brav am zweifachen Biographiefaden klebt. Was sich an Aufregung bietet, verdankt sich den polemischen Zitaten der Hauptfiguren über- und gegeneinander, nicht dem Temperament des Verfassers. Er hat, obwohl er Reich-Ranicki „meinen Lehrer“ nennt, schlicht zu viel Respekt vor seinem Personal.

          Die Schriftsteller Jürgen Albert, Regula Venske und der ehemalige Vorsitzende des deutschen Schriftstellerverbandes, Uwe Friesel, protestieren 1995 vor dem „Spiegel“-Verlagsgebäude gegen die Berichterstattung des Magazins über den neuen Roman von Günter Grass 'Ein weites Feld'.
          Die Schriftsteller Jürgen Albert, Regula Venske und der ehemalige Vorsitzende des deutschen Schriftstellerverbandes, Uwe Friesel, protestieren 1995 vor dem „Spiegel“-Verlagsgebäude gegen die Berichterstattung des Magazins über den neuen Roman von Günter Grass 'Ein weites Feld'. : Bild: Picture-Alliance

          Dies ist genauso verwunderlich wie die Leerstelle Morsbach. Denn Volker Weidermann, Jahrgang 1969, ist von Haus aus Kritiker, also berufsbedingt despektierlich. Nach Jahren bei der Berliner „taz“ arbeitete er von 2001 bis 2015 als Literaturredakteur und bald auch Ko-Feuilletonchef in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, ist seither Autor und Kulturreporter des „Spiegels“ und moderiert seit vier Jahren die Neuauflage von Reich-Ranickis „Literarischem Quartett“ im ZDF. Seine jüngsten Bücher – die romanhafte Studie „Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft“ (2014) über Stefan Zweig und Joseph Roth im Exil und der Essay „Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen“ (2017) über die Münchner Räterepublik von 1919 – verdanken ihre kompositorische Prägnanz und damit auch ihren Erfolg nicht zuletzt der spannungsfördernden Einheit von Ort, Zeit und Handlung, also der prosaischen Anwendung aristotelischer Dramentheorie.

          Loben und paraphrasieren

          Auf „Das Duell“ war dieses Prinzip angesichts des langen Lebens der Protagonisten und der Fülle der Handlungsorte von Danzig bis Kalkutta und vom schwedischen Sigtuna bis London naturgemäß nicht zu übertragen. Zum Unglück des Buchs verfielen Weidermann und das Lektorat seines Verlags auf die Doppelbiografie. Was nach einem kurzen Prolog mit Marcel Reichs Geburt am 2. Juni 1920 im polnischen Włocławek beginnt, endet nach knapp dreihundert Seiten vor dem kurzen Epilog mit dem Tod von Günter Grass im Frühjahr 2015 in Lübeck.

          Diese Dramaturgie wird zur Falle, denn sie verdammt Weidermann dazu, mit eigenen Worten, im Stakkatostil und einer Art Digest-Fassung nachzuerzählen, was Grass vor allem, aber keineswegs nur im autobiographischen Spätwerk „Beim Häuten der Zwiebel“ (2006) und der fabelhafte, jüngst verstorbene Biograph Michael Jürgs („Bürger Grass“, aktualisierte Neuauflage 2015) längst so ausführlich wie unnachahmlich geschildert haben – und was Reich-Ranicki in „Mein Leben“ so glanzvoll und seine Biographen Thomas Anz (2004) und Uwe Wittstock (2005) in gebührender Sorgfalt zu erzählen wussten. Hinzu kommt, dass der Germanist Uwe Neumann im dritten „Freipass“-Band (Februar 2018) auf mehr als fünfzig Seiten die wenigen Briefe, Billets und Telegramme, die zwischen 1965 und 2005 gewechselt wurden (elf von Grass, zwölf von Reich-Ranicki) exakt beschrieben und zum Teil auch erstmals gedruckt hat. Auch hier bleibt Weidermann nichts anderes übrig, als den Vorgänger zu loben und ihn gleichzeitig zu paraphrasieren.

          „Was gibt’s Neues?“: Mit dieser Frage pflegte Reich-Ranicki die allermeisten seiner Telefonate zu beginnen und damit den Gesprächspartner erst einmal unter Originalitätsdruck zu setzen. Im „Duell“ gibt es nichts Neues. Dabei legt Weidermann selbst nahe, wie sein Versuch hätte reüssieren können. Wenn er – allerdings haben wir da schon die erste Hälfte des Buches hinter uns – endlich auch auf die erste Begegnung der beiden zu sprechen kommt, 1958 im Warschauer Hotel Bristol, schlägt das bis dato matte Feuer seines Referierens auch erstmals Funken. Sofort geht es um eine jener danach den Umgang bestimmenden „Positionierungen im Literaturkampf“: Reich-Ranicki will von Grass wissen, was dieser etwa von Wolfgang Koeppen oder Böll und selbstverständlich auch von Thomas Mann halte, was wiederum den von einer Recherchereise für die „Blechtrommel“ erschöpften Jungautor schrecklich langweilt.

          Was Grass publiziert, wird Reich-Ranicki rezensieren

          Von nun an aber geht es Schlag auf Schlag. Marcel Ranicki, wie er im Nachkriegspolen heißt, weil dort der Name Reich verständlicherweise kontaminiert ist, kann klandestin in die Bundesrepublik übersiedeln, publiziert jetzt als Reich-Ranicki und wird im Nu zum führenden Kritiker der neuen und neuesten deutschen Literatur. Grass trifft er regelmäßig bei den Tagungen der „Gruppe 47“, die für beide eine Art Heimat ist. Von der „Danziger Trilogie“ über das Drama „Die Plebejer proben den Aufstand“ und die Prosa „Örtlich betäubt“, vom Roman „Der Butt“ über die Novelle „Das Treffen in Telgte“ bis zur Katastrophensaga „Die Rättin“ und zur Fontane- und Treuhandfabel „Ein weites Feld“: Was Grass publiziert, wird Reich-Ranicki allermeist rezensieren – in der „Zeit“, in dieser Zeitung und im „Spiegel“ –, wobei Skepsis und Verriss das Lob und die Hymnen überwiegen. Einzig die Lyrik des genuinen Prosaisten Grass wird der Kritiker nahezu immer rühmen.

          Volker Weidermann: „Das Duell. Die Geschichte von Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki“. Kiepenheuer & Witsch, 320 Seiten, 22 Euro.
          Volker Weidermann: „Das Duell. Die Geschichte von Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki“. Kiepenheuer & Witsch, 320 Seiten, 22 Euro. : Bild: Kiepenheuer & Witsch

          Im Gegenzug wirft Grass Reich-Ranicki in Interviews und Aufsätzen „stalinistischen Furor“ und eine Vorliebe für die „Ästhetik des sozialistischen Realismus“ vor, überhaupt ist ihm alles „Sekundäre“, als das er die Literaturkritik versteht, ein Greuel, erst recht, als der Widerpart 1974 zum Literaturchef dieser Zeitung und 1988 zum Literaturstar im Fernsehen wird, damit größtmögliche institutionelle Macht erlangt.

          Andererseits ist Grass der erste und lange Zeit auch der Einzige, der sich für das Schicksal des Juden Reich-Ranicki im Holocaust und dessen Überleben im Keller der Familie Gawin bei Warschau interessiert: In der Figur des Lehrers Zweifel aus der Erzählung „Tagebuch einer Schnecke“ wird er Reich-Ranickis abendlichem Erzählheroismus – er unterhält die Gawins mit Stoffen der Weltliteratur – als Waffe gegen Verzweiflung und Todesgefahr ein Denkmal setzen.

          Ein nachvollziehendes Referat

          Sämtliche Stationen des Dichter-Kritiker-Verhältnisses lässt „Das Duell“ Revue passieren, eingeschlossen Reich-Ranickis freudige Reaktion auf den Nobelpreis für Literatur, den Grass 1999 erhält, eingeschlossen sein beredtes Schweigen angesichts der SS-Konfession von 2006 und das späte Verdammen des Anti-Israel-Gedichts „Was gesagt werden muss“ von 2012 als „Gemeinheit“ und „großen Unsinn“. Die umfassende Chronik des jahrzehntelangen Wechsel- und Widerspiels ist das Beste an Weidermanns Buch. Aber auch hier verharrt der Autor allermeist beim nachvollziehenden Referat.

          Welche Art der Kritik hat Reich-Ranicki betrieben? Was bedeutet es für Analyse und Urteil, wenn im Zentrum seiner kritischen Praxis eher der Autor als der Text steht – frei nach dem Motto des großen Wiener Kaffeehausliteraten Anton Kuh: „Warum denn sachlich, wenn es auch persönlich geht“? Welchen Stellenwert nimmt die Auseinandersetzung mit Grass im Spektrum von Reich-Ranickis Gesamtwerk ein? Das wären Fragen gewesen, zu denen Weidermann begründet hätte Stellung nehmen können, ja müssen.

          Andererseits: Wie stellt sich das Œuvre des Günter Grass heute dar? Was bleibt neben und jenseits der „Blechtrommel“, und wie verhält es sich zu Büchern etwa von Martin Walser, Böll, Enzensberger oder Max Frisch? Was bedeutet das lange, allzu lange Verschweigen der eher zufälligen SS-Rekrutierung für die spätere Glaubwürdigkeit des politisch engagierten Schriftstellers Grass, der zu allem und jedem Stellung bezog und von anderen stets Rechenschaft verlangte?

          Weidermann hat das Potential des „Duell“-Stoffs nicht ausgeschöpft. Seine „Geschichte von Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki“ ist nicht mehr als ein eifriges Fragment.

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