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Grass und Reich-Ranicki : Als der Kritiker den Dichter einmal unendlich langweilte

Was Grass publiziert, wird Reich-Ranicki rezensieren

Von nun an aber geht es Schlag auf Schlag. Marcel Ranicki, wie er im Nachkriegspolen heißt, weil dort der Name Reich verständlicherweise kontaminiert ist, kann klandestin in die Bundesrepublik übersiedeln, publiziert jetzt als Reich-Ranicki und wird im Nu zum führenden Kritiker der neuen und neuesten deutschen Literatur. Grass trifft er regelmäßig bei den Tagungen der „Gruppe 47“, die für beide eine Art Heimat ist. Von der „Danziger Trilogie“ über das Drama „Die Plebejer proben den Aufstand“ und die Prosa „Örtlich betäubt“, vom Roman „Der Butt“ über die Novelle „Das Treffen in Telgte“ bis zur Katastrophensaga „Die Rättin“ und zur Fontane- und Treuhandfabel „Ein weites Feld“: Was Grass publiziert, wird Reich-Ranicki allermeist rezensieren – in der „Zeit“, in dieser Zeitung und im „Spiegel“ –, wobei Skepsis und Verriss das Lob und die Hymnen überwiegen. Einzig die Lyrik des genuinen Prosaisten Grass wird der Kritiker nahezu immer rühmen.

Volker Weidermann: „Das Duell. Die Geschichte von Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki“. Kiepenheuer & Witsch, 320 Seiten, 22 Euro.
Volker Weidermann: „Das Duell. Die Geschichte von Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki“. Kiepenheuer & Witsch, 320 Seiten, 22 Euro. : Bild: Kiepenheuer & Witsch

Im Gegenzug wirft Grass Reich-Ranicki in Interviews und Aufsätzen „stalinistischen Furor“ und eine Vorliebe für die „Ästhetik des sozialistischen Realismus“ vor, überhaupt ist ihm alles „Sekundäre“, als das er die Literaturkritik versteht, ein Greuel, erst recht, als der Widerpart 1974 zum Literaturchef dieser Zeitung und 1988 zum Literaturstar im Fernsehen wird, damit größtmögliche institutionelle Macht erlangt.

Andererseits ist Grass der erste und lange Zeit auch der Einzige, der sich für das Schicksal des Juden Reich-Ranicki im Holocaust und dessen Überleben im Keller der Familie Gawin bei Warschau interessiert: In der Figur des Lehrers Zweifel aus der Erzählung „Tagebuch einer Schnecke“ wird er Reich-Ranickis abendlichem Erzählheroismus – er unterhält die Gawins mit Stoffen der Weltliteratur – als Waffe gegen Verzweiflung und Todesgefahr ein Denkmal setzen.

Ein nachvollziehendes Referat

Sämtliche Stationen des Dichter-Kritiker-Verhältnisses lässt „Das Duell“ Revue passieren, eingeschlossen Reich-Ranickis freudige Reaktion auf den Nobelpreis für Literatur, den Grass 1999 erhält, eingeschlossen sein beredtes Schweigen angesichts der SS-Konfession von 2006 und das späte Verdammen des Anti-Israel-Gedichts „Was gesagt werden muss“ von 2012 als „Gemeinheit“ und „großen Unsinn“. Die umfassende Chronik des jahrzehntelangen Wechsel- und Widerspiels ist das Beste an Weidermanns Buch. Aber auch hier verharrt der Autor allermeist beim nachvollziehenden Referat.

Welche Art der Kritik hat Reich-Ranicki betrieben? Was bedeutet es für Analyse und Urteil, wenn im Zentrum seiner kritischen Praxis eher der Autor als der Text steht – frei nach dem Motto des großen Wiener Kaffeehausliteraten Anton Kuh: „Warum denn sachlich, wenn es auch persönlich geht“? Welchen Stellenwert nimmt die Auseinandersetzung mit Grass im Spektrum von Reich-Ranickis Gesamtwerk ein? Das wären Fragen gewesen, zu denen Weidermann begründet hätte Stellung nehmen können, ja müssen.

Andererseits: Wie stellt sich das Œuvre des Günter Grass heute dar? Was bleibt neben und jenseits der „Blechtrommel“, und wie verhält es sich zu Büchern etwa von Martin Walser, Böll, Enzensberger oder Max Frisch? Was bedeutet das lange, allzu lange Verschweigen der eher zufälligen SS-Rekrutierung für die spätere Glaubwürdigkeit des politisch engagierten Schriftstellers Grass, der zu allem und jedem Stellung bezog und von anderen stets Rechenschaft verlangte?

Weidermann hat das Potential des „Duell“-Stoffs nicht ausgeschöpft. Seine „Geschichte von Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki“ ist nicht mehr als ein eifriges Fragment.

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